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Geschrieben von Schniesenase am 16.03.2020, 0:15 Uhr

Welche Sätze stören Euch an Lehrern? Hm

Hallo Maxikid,

da seid Ihr dann wohl an jemanden geraten, der nicht zu den o.g. Koryphäen gehört.

Ich hatte einmal eine Schülerin in Klasse 9 im erweiterten Sprachkurs, die bei jeder Arbeit versagte. Sie war wirklich nicht besonders gut in der Sprache, aber sie hätte mindestens ausreichend schaffen können. Was sie ablieferte, gab mir dann nie die Chance, noch eine 4 herausholen zu können, obwohl ich wusste, wie sehr sie sich anstrengte und wie fleißig sie war. Es war einfach zu schwach.

Bis ich sie dann mal bat, am Nachmittag zum Gespräch länger zu bleiben. Da habe ich sie gefragt, warum sie so viel Strom darauf hatte. Heraus kam, dass ihre Grundschullehrerin ihr seinerzeit gesagt hatte, sie würde nie weiter als bis zum HS-Abschluss kommen. Was immer die GS-Lehrerin tatsächlich gesagt hatte, aber das war so hängen geblieben, und so musste dieses Kind mit einem unterliegenden Automatismus sein ganzes weiteres Leben lang dieser Lehrerin beweisen, dass sie es doch könne, und immer, wenn das nicht sicher war, kam der Blackout. In der Fremdsprache nützte aber aller Fleiß eben nicht so richtig. Hier mussten Summaries geschrieben werden, Texte in der Tiefe verstanden werden, die anspruchsvoll waren, hier konnten keine Fleiß,- Grammatikpunkte oder Vokabeltestpunkte mehr gesammelt werden bzw. nur sehr wenige. Hier wäre nun Ruhe und Vertrauen in sich selbst notwendig gewesen, um mit dem, was sie eben schon gelernt hatte, das beste daraus zu machen.

Bei dieser Schülerin hat die GS-Lehrerin bis Klasse 9 fast lebenslangen Schulstress und immensen Druck verursacht, aber auch, als positive Seite der Medaille, dem Kind so viel Power gegeben, dass es die Kraft hatte, weit über ihre anfänglichen Grenzen hinauszuwachsen. Eine unheimliche Leistung. Im Anschluss an unser Gespräch schrieb sie der Lehrerin einen Brief, in dem sie noch einmal darlegte, wie viel Leid diese ihr mit auf den Weg gegeben hatte und was das mit ihr gemacht hatte. Sie schrieb, dass sie nun den RS-Abschluss quasi in der Tasche habe und möglicherweise sogar noch auf die Oberstufe würde gehen können. Vermutlich konnte sie den Brief nicht an die Frau bringen, oder sie wollte es nicht. Mit dem Schreiben hat sie sich von der Lehrerin als bestimmende Kraft in ihrem Leben verabschiedet. Aber sie versprach mir, sich mehr Zeit für sich selbst zu nehmen, ein aufgegebenes Hobby wiederzubeleben, mal auf eine Party zu gehen usw. Das Gehirn braucht auch mal eine Pause, es kann nicht immer nur lernen müssen. Sie hat ihr Abitur gemacht und ist oft als Au Pair im Ausland gewesen. Die schwierige Sprache hat sie gemeistert und arbeitet heute als Geschäftsführerin einer Firma im fernen Osten.

Wenn ich diesen Werdegang erlebe, wird mir immer wieder deutlich, dass man nicht auf dem Unsinn, der bisweilen verzapft wird, stehen bleiben darf, sondern es als normale Stolpersteine (oder Booster) im Leben erkennen kann. Die Lehrerin hat sie irgendwie auch weit gebracht, wenngleich der Preis hoch war und eine ausgesprochene Fixierung eines jungen Menschen auf ein maximales Leistungslimit natürlich unmöglich und inakzeptabel bleibt. If God gives you lemon, make juice! Diese Schülerin jedenfalls hätte vermutlich niemals erreicht, was sie erreicht hat, wenn sie nicht diese Lehrerin gehabt hätte, die ihr so viel Kummer bereitet hatte. Paradox, aber wir wachsen eben auch an Widrigkeiten.

Ich erinnere mich an eine andere Schülerin, die mich mal im Vertrauen fragte (auch in Klasse 8), ob ich ihr zutrauen würde, dass sie Ärztin werden könne. Ich wusste, dass sie sehr ehrgeizig, pfiffig, selbstständig und naturwissenschaftlich sehr interessiert war, sehr aktiv und authentisch im Umgang mit anderen, mutig, wenn es darum ging, sich mit einer anderen Meinung sachlich abzugrenzen. Aber sie hatte aufgrund ihres Migrationshintergrundes große sprachliche Defizite, die auch ihr Vorstellungsvermögen beeinträchtigten. Sie konnte bestimmte, komplexe Materie sprachlich einfach nicht durchdringen. Ich sage mal, ich hatte durchaus Zweifel, dass sie den steinigen Weg durch die schulischen Voraussetzungen dafür inklusive Medizinstudium bewältigen könnte. Ich habe geantwortet, dass sie es natürlich schaffen kann, wenn sie das wirklich wolle. Ich halte es unabhängig vom Absatz vorher für absolut inakzeptabel, unter dem Deckmantel der "realistischen Einschätzung" Motivation zu zerscherbeln oder Menschen ein Gefühl zu vermitteln, sie könnten etwas nicht können. Hirnforschung beweist und täglich, dass das Gefühl der Kraft, Macht und Fähigkeit, des Könnens uns über uns hinauswachsen lässt. Das darf man nicht zerstören. Wir Lehrer müssen leider immer beurteilen, und dann vergisst man, wie wertvoll, der Glaube an die eigenen unbegrenzten Möglichkeiten für das Erreichen dieser ist. ;-)

Es tut mir Leid für Euer Kind, dass es so disqualifiziert wurde. Ich hoffe, es kann dennoch einen unbeschwerten Weg gehen, und Ihr mit ihm!

VG Sileick

 
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