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Geschrieben von Ralph am 17.12.2004, 11:45 Uhrzurück

Ich verstehe Dich vollkommen...

Hallo Susi,

ich verstehe Dich vollkommen. Ich verstehe Deine Verzweiflung, Deinen Hass, ich kann auch Deine Phantasien gut nachvollziehen, was Du alles mit "dem" anstellen würdest, käme er Dir nur in die Finger.
Und Du bist ja nicht alleine, Opfer wie Dich gibt es zuhauf, und sie werden offenbar weitestgehendst alleine gelassen, und genau das SCHREIT ZUM HIMMEL!!!

Zu den 2/3-Entlassungen noch ein Wort: Ich habe selbst solche Stellungnahmen formuliert. Beteiligt sind Psychologen (unsere waren übrigens sehr kritisch), die "Schließer" und auch andere Voillzugsabteilungsleiter. Bei Bedarf werden auch Gutachten von außerhalb angefordert. Manchmal deckt sich dieses Gutachten mit den Erkenntnissen des Vollzugs. Wir hatten aber auch schon den Fall, daß ein Gutachter positiv für den Gefangenen begutachtet hatte, die Erkenntnisse im Vollzugsalltag aber gänzlich anders waren (auch die der hauseigenen Psychologen). Dann kann man versuchen, dieses Gutachten, das der Gefangene ja auch kennt, elegant zu umkurven und zu "interpretieren"... (wenn Du verstehst, was ich meine... ;-) )
Ich kann Dir nur versichern, daß, bevor überhaupt eine befürwortende Stellungnahme zum Richter geht, sich sehr viele Menschen im Vorwege einig sein müssen.
Natürlich bleibt immer ein Restrisiko dabei, man kann in keinen Menschen hineinblicken. Andererseits vergegenwärtige Dir, daß es unzählige Entlassene gibt, die resozialisiert sind, was niemand erfährt. In der Presse stehen nur die rückfälligen Täter. Aber ist das nicht zwangsläufig so?

Zum Täterverständnis: Ich habe eine 2/3-Stellungnahme geschrieben für einen Gefangenen, der schon einiges auf dem Kerbholz hat. Da seine letzte Straftat bundesweit Aufsehen erregte, darf ich aus Datenschutzgründen nichts konkretes sagen. Das Ergebnis meiner Stellungnahme stand schon vor dem ersten Satz fest: Negativ!
ABER: Ich habe sehr lange Gespräche geführt, u.a. mit der Psychologin, mit Menschen, die tagtäglich mit ihm zu tun haben, letztlich auch insgesamt drei längere Gespräche mit ihm. Seine Biographie ist ebenso niederschmetternd wie seine Taten, und diese Biographie macht vieles nachvollziehbar. Ich bitte Dich, da nicht zu widersprechen, es gibt diese Biographien, könnte ich sie schildern, würden hier auch einige in Tränen ausbrechen, dessen bin ich mir sicher (weil so oft hier von Gewalt gegen Kindern die Rede ist, und ich rede von noch komplexerer Gewalt als bei sexuellem Mißbrauch im Kindesalter!)! Das macht seine Taten um keinen Jota positiver, und im Ergebnis wird dieser Mann nie wieder in Deutschland frei herumlaufen. Auch die Leute im Strafvollzug sehen das so.
Trotzdem mußte diese Stellungnahme formell erstellt werden, und auch sie darf nicht nach Schema F erfolgen.
Nochmal, das hat nichts mit Verständnis zu tun, und sicherlich gibt es diese abgebrühten, berechnenden und völlig abgestumpften Täter. Keiner der beiden Tätertypen ist die regel, und das ist das Entscheidende.

So, meine Arbeitssoftware geht wieder, deshalb muß ich jetzt schließen. Viel mehr hätte ich eh nicht mehr zu sagen gehabt! :-)

Viele Grüße
Ralph/Snoopy

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