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Geschrieben von marit am 03.06.2005, 12:28 Uhrzurück

Re: jeder darf aber auch mal intolerant sein, oder?

Klar hat Toleranz sehr viel mit Bildung, Empathie und Erziehung zu tun - wobei ein Faktor alleine da nicht ausreicht: ich kenne durchaus auch sehr gebildete intolerante Menschen. Ich denke, es hängt auch mit dem Anpassungsdruck zusammen, dem man in seiner Kindheit und Jugend ausgesetzt war. Gerade an den älteren Herrschaften kann man das ja erkennen. Wer in der HJ oder im BDM ordentlich auf Linie getrimmt wurde - wo auch kleinste Verhaltensabweichungen bestraft wurden, kann später auch selbst Abweichungen nicht aushalten. Die frühere Kränkung und Verlezung gibt er dann als Aggression weiter. Das zeigt sich auch daran, daß einen an anderen oft gerade die Dinge stören, die an einem selbst kritisiert werden bzw. die man an sich selbst nicht mag. Häufig ist es also eine Projektion (d.h. wenn man gerade 30 kg abgenommen hat, fühlt man sich auf einmal provoziert, wenn man Dicke ungesundes Essen sieht, wenn man selbst häufig zu spät kommt, heißt das noch lange nicht, daß man auch gut auf andere warten kann). Ähnlich das Beispiel von Leolou (das ich ehrlichgesagt ganz schon krass finde), wenn man selbst auf dem Amt sich den Hintern plattsitzen muß (was man als Demütigung empfindet), unterstellt man plötzlich allen anderen Leistungen zu unrecht zu bekommen - dabei sollte man hier doch eigentlich solidarisch sein.

Wer sagt dir denn z.B. Leolou, daß "die Kopftuchtürkin", über die du schimpfst, nicht in einer vergleichbaren Situation bist, wie du? Oder daß sie nur einen neuen Führerschein brauchte? Hier an der Uni gibt es jedenfalls sehr viele Studentinnen mit Kopftuch - und die sind in der Regel ausgesprochen ehrgeizig und fleißig.
Ich bin überigens intolerant, wenn ich so etwas lesen muß: ich finde es erbärmlich und jämmerlich, wenn Menschen, die gerade mal Pech haben im Leben den anderen nicht gönnen können, daß es bei ihnen gerade mal gut läuft. Wenn so eine Haltung dann auch noch an dumpfen Rassismus gekoppelt ist, finde ichs noch unsympathischer. Wenn du Deutsche im Schnäppchenrausch beobachten magst, mußt du nur mal einen Blick ins Geld-Forum hier werfen.

Abgesehen davon: Es gibt ja auch Unterschied zwischen Intoleranz, die den anderen aber trotzdem in Ruhe lässt und Intoleranz, die nach außen aggressiv wird. Für mich gilt einfach die Regel: es ist dort Schluß, wo andere angegriffen werden. Ich finde es nicht toll, wenn Leute im Selbstbedienungsrestaurant ihren Müll auf dem Tisch stehen lassen, aber da zuck ich innerlich mit den Schultern und denk mir "naja, vielleicht schaffts ja auf lange Sicht wenigstens Arbeitspätze", es käme mir auch nie in den Sinn, jemanden wegen seines Aussehens zu beleidigen (und dazu gehört auch ein Kopftuch), aber klar gibts auch Dinge, die ich nicht mitansehen kann. Zuletzt kam mir ein alterer Herr mit einem Koffertrolley entgegen- ich hatte 2 schwere Tragetaschen, ging aber trotzdem einen schritt nach links (weil da gerade platz war) um ihn vorbeigehen zu lassen. da zischt der mich doch allen ernstes wütend an "nichts da junge Dame, in Deutschland wird immer nur nach rechts ausgewichen". Da war ich SO wütend, daß ich ihm sagte, daß sich an dieser Regelung seit Adolf einiges geändert habe (am meisten hat mich dabei aber geärgert, daß er überhaupt davon ausging, daß ich ihm auszuweichen gehabt hätte).

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