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Geschrieben von marit am 06.10.2004, 15:32 Uhrzurück

Re: Reaktionen auf Statistik

Huhu Schwoba,

ich bin ziemlich auf die Frage angesprungen, weil sie in meinem Umkreis für sehr hitzige Diskussionen sorgt. Außerdem bin ich ja sehr plötzlich in die Situation gekommen, für ein Kind sorgen zu müssen- ein eigenes Kind hatten wir zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch nicht geplant, das steht erst jetzt allmählich zur Debatte. In meinem Arbeitsumfeld sind Kinder immer noch eher die Ausnahme (was ich traurig, aber auch irgendwie verständlich finde).

Wenn ich die Sache als zumindest biologisch kinderlose Berufstätige sehe, habe ich die Einstellung, daß ich gerne für die Infrastruktur für Kinder aufkomme, gerne mehr in Schulen und Jugendzentren, Kindergärten und Spielplätze, in Familienhilfseinrichtung etc. aufkomme, daß ich auch bereit wäre, für all das mehr Steuern zu zahlen - aber es sperrt sich definitiv etwas in mir, für unkluge Lebensentscheidungen anderer finanziell herangezogen zu werden. Da finde ich es schon problematisch, wenn eine Frau oder ein Paar dem ersten zart aukeimenden Kinderwunsch sofort nachgibt, ohne sich auch nur zu fragen, ob das gerade ein günstiger Zeitpunkt ist, ob einem nicht in Wirklichkeit etwas anderes im Leben fehlt, oder wenn man ein Kind bekommt, um einen Mann an sich zu binden (das Ergebnis aus einer solchen Motivation sitzt mir gerade als Pflegekind gegenüber)...Natürlich habe ich auch schon diverse heftige Kindewunschschübe gehabt - habe ihnen aber eben nicht nachgegeben, weil es zu diesen Zeitpunkten egoistisch gewesen wäre (ja kinder bekommen kann genauso egoistisch sein, wie Kinder nicht bekommen). Wir haben heute die Möglichkeit, uns bewußt für Kinder zu entscheiden - und ich finde, das sollte man auch, wann immer es möglich ist tun: eine bewußte Entscheidung treffen und dafür die Verantwortung tragen. Ein Kind zu bekommen, nur weil man sich selbst gerade etwas nutzlos, leer und einsam fühlt, heißt im Grunde schon, ein Kind für die eigenen Belange ausnutzen zu wollen. Ein Kind zu bekommen, darf auch kein leuchtender Ausweg sein, was man die nächsten drei Jahre mit einem abgebrochenen Schulabschluß mit sich anfangen soll. Ich wäre hier ganz strikt dafür, die Zahlung von Erziehungsgeld an solche Eltern davon abhängig zu machen, ob sie sich neben der Kinderbetreuung beruflich etwas weiterbilden oder einen Abschluß nachholen. Das Geld sollte es nicht "bloß" für das "Bekommenhaben" eines Kindes geben, sondern als Anerkennung und Hilfe für Weiterqualifikation unter erschwerten Bedingungen, dafür darf es dann auch gerne ein bißchen mehr sein.

Gegen Argumente wie "wir brauchen aber doch mehr Kinder" wehre ich mich. Wir brauchen definitiv ein anderes Rentensystem, aber daß unsere Gesellschaft nur dann Bestand haben soll, wenn wir viele Kinder bekommen ist doch bloße Ideologie. Die Kinder, die zur Welt kommen, DENEN soll es möglichst gut gehen - darum hat sich eine Gesellschaft zu bemühen, nicht um eine absolute Zahl, immerhin müssen die Kinder, die jetzt geboren werden später nicht so sehr um ihren Arbeitsplatz bangen wie wir geburtenstarken Jahrgänge.

Wie ich unten schon geschrieben habe - es ist weniger die Angst vor der Armut, die z.B. uns lange hat zaudern lassen, die Verhütung abzusetzen, sondern eher die Berufsaussichten generell. Wenn ich in meinem Beruf dauerhaft für weniger Geld arbeiten könnte, würde ich das sofort (!!!!!) tun und hätte wohl schon seit Jahren auch ein eigenes Kind. Aber in vielen Berufen gibt es eben nur "alles oder nichts"-Lösungen. Entweder du bleibst am Ball, oder du bist draußen. Nun kann man auch mit Kind am Ball bleiben, wie ich zu meinem Erstaunen feststellen mußte - aber das wußte ich ja vorher nicht. zudem ist es schon manchmal schwer ertäglich, in jeder Hinsicht im Risiko zu leben. Ich weiß heute nicht, wo ich in drei Jahren arbeiten werde, ganz zu schweigen davon, daß ich nicht weiß, ob mein Mann da dann auch Arbeit finden wird,man traut sich nicht, in eine größere Wohnung zu ziehen, weil man wieder umziehen müßte, wenn der Projektvertrag nicht verlängert wird; dann versucht man auch immer die Zeugungsmonate auszulassen, bei denen der Geburtstermin mitten in eine internationale Konferenz fallen würde, die absolut weiterbeschäftigungsentscheidend ist... das trägt alles nicht zur Entkrampfung der Situation bei. Es ist einfach eine rasend schwere Entscheidung, einen Beruf, den man wirklich heiß und innig liebt, nach einem unglaublichen Aufwand, ihn überhaupt ausüben zu dürfen, im Zweifel dann wieder zu verabschieden. Denn, daß zumindest zeigen die Uni-Statistiken ganz deutlich: die Frauen (!), die mitten in der Habilitationsphase Kinder bekommen, schaffen es nur zu einem ganz geringen Prozentanteil nicht beruflich abzustürzen (ind der Regel haben sie anders als die meisten Männer niemanden, der ihnen WIRKLICH den Rücken freihält). Vielleicht ist das ganz ähnlich in der Wissenschaft, wie mit Leistungssportlern. Man denkt immer, "ok, das nächste Jahr nimmst du noch mit, es läuft grade so gut - für Kinder ist ja noch genug Zeit" und irgendwann ist auf einmal gar keine Zeit mehr da... Nur mit dem Unterschied, daß der Leistungssportler sich zurücklehnen und vom Vermögen zehren kann, während man selbst froh ist, gerade mal die Bafögschulden los zu sein.

Es ist nich immer alles eine Frage von finanziellem Egoismus, wie es gerne hingestellt wird, wenn man den Kinderwunsch aufschiebt.

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