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Geschrieben von KarinBS am 16.02.2003, 11:17 Uhrzurück

Dustin Hoffmann: Rede an George Bush

Dustin Hoffmann´s Rede
Fragen an George Bush

Dustin Hoffmans Rede bei der Gala „Cinema for Peace" am Gendarmenmarkt

„Ich möchte gleich am Anfang sagen, dass ich nicht anti-amerikanisch bin,
dass ich aber gegen die Politik der gegenwärtigen Regierung bin. Ich glaube,
dass es seit dem 11. September leider zu einer Manipulation durch die
Medien, die in meinem Land den großen Unternehmen gehören, und durch die
Regierung gekommen ist, die das Leid jenes Tages für ihre politischen Ziele
instrumentalisieren. Ich bewege mich auf dünnem Eis, weil ich Schauspieler
bin und von diesen Dingen weniger weiß, als mir lieb ist. Ich stamme aus den
60ern, der letzte Krieg, den ich bewusst erlebt habe, war der Vietnam-Krieg,
und was ich jetzt sage, ist, hoffe ich, nicht nur eine Meinung, sondern
schlicht Tatsache.

Der Vietnam-Krieg begann mit einer Lüge: Auslöser war der angebliche Angriff
der Nordvietnamesen auf ein Kriegsschiff von uns, das in der Bucht von
Tonkin stationiert war. Doch den gab es nie, es war eine Lüge, eine
Propagandafabrikation, um mit dem furchtbaren Krieg anzufangen.
Möglicherweise wiederholt sich die Geschichte nun. Und so möchte ich wieder
Fragen an meine Regierung richten, als Amerikaner, der nicht
anti-amerikanisch ist. Ich stelle diese Fragen, die, wenn ich mich nicht
irre, noch nicht beantwortet wurden, obwohl sie immer und immer wieder
gestellt wurden. Wenn es keine unmittelbare Bedrohung gibt, warum
marschieren wir dann ein? Nord-Korea stellt eine direkte Bedrohung dar,
deren Präsident verkündet, er würde uns in kleine Stücke bomben, wenn wir
seine Nuklearanlagen angreifen. Trotzdem will meine Regierung lieber mit
ihnen verhandeln. Die stellen eine sehr viele größere Bedrohung dar als der
Irak, von dem wir sagen, dass er erst in den nächsten zwei oder drei Jahren
Atomwaffen besitzen wird. Ich fordere meine Regierung auf, mein Land über
unsere Außenpolitik zu unterrichten, von der wir möglicherweise zu wenig
wissen.

Ich frage meine Regierung, die Saddam den großen Bösen nennt, der er wohl
ist: Warum dann haben wir diesem Mann, als wir ihn in der Auseinandersetzung
mit dem Iran gut gebrauchen konnten, warum haben wir ihm in dem selben Jahr,
in dem er befahl, 100 000 Kurden durch Giftgas zu töten, fünf Millionen
Dollar gegeben? Und warum haben wir das im folgenden Jahr auf eine Milliarde
erhöht? Ich will angesichts dieser Fakten von meiner Regierung wissen: Warum
war er nicht damals der große Böse?

Ich frage die Regierung meines Landes: Wenn wir angreifen und, wie ich
gelesen habe, 30 000 Pfund Bomben in 43 Minuten abwerfen, die die
Zivilbevölkerung treffen, wie lange werden wir bleiben? Darauf gibt es keine
Antwort. Werden wir Jahre dort bleiben – in einer Zeit, in der es unserer
Wirtschaft nicht besonders gut geht? Werden wir das Geld ausgeben, um das
Land neu zu strukturieren? Werden wir einen Machthaber installieren? Wir
haben keinen besonders guten Ruf, was einige der von uns installierten
Herrscher angeht. Pinochet, etwa, in Chile, der Tausende und Tausende in
einem Jahrzehnt umgebracht hat. Ihr kennt die anderen. Ich war heute im
Jüdischen Museum und bei einem Computer gab es einen Knopf: Drücken Sie
hier, wenn Sie der Meinung sind, dass es etwas im deutschen Charakter gibt,
das den Holocaust verursacht hat. Ich haben den Knopf nicht gedrückt, weil
mir die Frage nicht gefiel. Seit dem „Genozid" hat eine ganze Zahl an
Genoziden stattgefunden: Bosnien, Ruanda – bedeuten 800 000 tote Tutsis
Genozid? Abgehackte Hände und Füße? Trotzdem haben wir es zugelassen, aus
Angst und Apathie. Seit einiger Zeit erleben wir immer wieder
unterschiedliche Formen von Genozid.

Was können wir tun? In meiner Heimat haben wir in den sechziger Jahren einen
Präsidenten zum Rücktritt gezwungen, vor allem durch die Studentenproteste.
Die Studenten hatten am meisten zu verlieren, sie waren diejenigen, die
gestorben sind. Ich habe Söhne, 18 und 21, die kaum glauben können, dass sie
die ersten sind, die werden gehen müssen. Mich fasziniert Macht, die Physik
der Macht, und die Paranoia der Macht. Das Bedürfnis nach Macht existiert,
weil es ein Ersatz für die Seele ist. Der Dichter Carl Sandburg hat das
folgende geschrieben – und das betrifft uns alle: ,Im Wachsen nach oben hat
die zarte Blume schon manchen Stein zersplittert und zerborsten.'

Gott segne euch alle."

Die leicht gekürzte Version der Rede wurde übersetzt von Moritz Schuller.


LG KarinBS

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