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Geschrieben von Linda in USA am 08.02.2003, 5:09 Uhrzurück

Gegen die Gegner des Kriegs wider die Tyrannei

Gegen die Gegner des Kriegs wider die Tyrannei

Von Cynthia Ozick

Ich bin eine amerikanische Schriftstellerin. Ich
schreibe Romane und Essays. Politik interessiert
mich nicht übermässig; in den Zeitungen blättere
ich gleich zu den hinteren Seiten, wo sich Essays
zu Literatur und Kultur oder Buchbesprechungen
finden. Aber auch wenn mich die Politik von Tag zu
Tag nicht beschäftigt, beschäftige ich mich mit
Geschichte; und Geschichte ist wohl nicht viel
anderes als die Politik von einst. Paradoxerweise
altert zwar nichts so schnell wie die Schlagzeilen
von heute; Geschichte aber wird mit der Zeit immer
klarer, notwendiger und aufschlussreicher.
Vielleicht muss ich in diesem Zusammenhang mein
Alter erwähnen. Wäre ich nicht Amerikanerin, so
hätte ich, unter den gegebenen Umständen, auf die
folgenden Arten an der europäischen Geschichte
teilhaben können:

Wäre ich als Deutsche geboren, so wäre ich der
Hitlerjugend beigetreten.

Wäre ich als deutsche Jüdin geboren, dann wäre ich
lang schon tot, von meinen Landsleuten ermordet.

Wäre ich als Österreicherin geboren, dann hätte
ich in einer jubelnden Menge den Anschluss begrüsst.

Wäre ich als Schweizerin geboren, dann hätte meine
Heimat veranlasst, dass ein «J» in die Pässe
jüdischer Flüchtlinge gestempelt würde, um deren
Rückweisung ins Reich des sicheren Todes zu
vereinfachen.

Und so weiter.

Neues Appeasement

Als Amerikanerin kann ich natürlich nicht
behaupten, dass die Geschichte meines Landes ganz
auf weissem Papier geschrieben steht. Aber wenn
ich heute Europa und Amerika vergleiche, dann bin
ich froh, dass meine Grosseltern jene seit alters
unfreundliche Landmasse verliessen. Ich bin auch
froh, dass es meine Grosseltern waren und nicht
meine Urururgrosseltern, die nur mehr Vorfahren
gewesen wären und nicht Verwandte. Weil ich noch
mehr oder minder ein Neuankömmling (und definitiv
keine Lowell oder Cabot) bin, fühle ich mich
Europa nahe; ich fühle seinen Atem noch im Nacken;
ich erinnere mich seiner Bigotterie und seiner
Peitsche, als hätte ich beides selbst erfahren.
Und ich erinnere mich seiner Zu- und Abneigungen,
seiner Feigheit, seines Drangs zur raschen
Beschwichtigung.

Europa heute - aber nein. Bevor ich anklage, muss
ich den Guten, den Mutigen, den Wahrhaften
Reverenz erweisen. Vor allen anderen der
heroischen Oriana Fallaci, deren reinigende Worte
mittlerweile fast Legende sind. Aber ich habe auch
Freunde in Italien, in England, den Niederlanden
und Frankreich, die ähnlich tapfer und aufrecht
sind. Im Visier habe ich dagegen das öffentliche
Gesicht Europas: Politiker und Repräsentanten,
Journalisten und Fernsehkommentatoren,
Intellektuelle, Professoren - all jene, welche die
öffentliche Meinung formen, oder vielmehr: sie
verformen und missbrauchen. Soweit es von diesen
Manipulatoren vertreten wird, befindet sich Europa
heute im altbekannten Zustand der Duckmäuserei und
des Appeasement. Europa belfert seinen Zorn gegen
Amerika heraus und hat Lord Chamberlains Schirm im
Halse stecken.

Nicht, dass wir hier ganz jenseits vom perfiden
Schattenwurf dieses unguten Schirms wären. Lassen
Sie mich von einer Veranstaltung erzählen, die
unlängst in der schönen alten Residenz des
Goethe-Instituts in New York abgehalten wurde. Als
Teilnehmerin eines Podiumsgesprächs, das
anlässlich der Veröffentlichung einer englischen
Ausgabe von Joseph Roths Feuilletons abgehalten
wurde, zitierte ich aus seinem Essay «Das
Auto-da-Fé des Geistes» - verfasst im Jahr 1933,
zur Stunde, da die Deutschen sogenannt jüdische
Bücher verbrannten; Bücher, mit denen das Beste,
was die westliche Zivilisation hervorgebracht
hatte, in Asche zerfiel. Roth antwortete mit einem
Aufschrei voll verzweifelter Verachtung für ein
Europa, das nicht willens war, hier einzugreifen:
«Lassen Sie es mich laut und deutlich sagen. Der
europäische Geist kapituliert aus Schwäche, aus
Trägheit, aus Apathie, aus Mangel an
Einbildungskraft.»

Diese Worte, so setzte ich der Zuhörerschaft im
Goethe-Institut auseinander, können als schneidend
genaue Analyse für die gegenwärtige europäische
Befindlichkeit gelesen werden. Damit meinte ich
zwei Dinge. Ich meinte zum einen den Boykott gegen
den akademischen Austausch mit Israel, das
gegenwärtige Äquivalent zur Bücherverbrennung von
1933. (Bis jetzt haben mehr als 250 Professoren
aus verschiedenen europäischen Ländern diesen
Boykott unterzeichnet.) Und ich meinte
selbstverständlich auch Europas Haltung gegenüber
dem Krieg gegen den Irak. Ein Teil der Zuhörer
spendete Applaus. Andere verweigerten ihn betont.
Nachher erklärte mir jemand diese partielle, aber
deutlich feindselige Stille: «Den Liberalen gefiel
nicht, was du gesagt hast.»

Den Liberalen? Jetzt begreife ich! Es sind die
Liberalen, welche die ausgrenzenden und
erniedrigenden judenfeindlichen Boykotte
unterstützen. Es sind die Liberalen, die dem
ernsthaften Willen, die Welt von einem
barbarischen Diktator zu befreien, nur mit
Verachtung und Widerstand begegnen. Solchermassen
gesehen unterscheiden sich Europa und Amerika
darin, dass Europa liberal ist und Amerika nicht.
Schwarzweiss oder grau?

Amerika will Saddam Hussein mit militärischer
Gewalt entwaffnen und absetzen. Europa ist
erzürnt, ungeduldig und - wie es seiner
althergebrachten Majestät entspricht - weit
überlegen in seiner Weltläufigkeit. Cowboy-Taktik!
Dieser unvornehme Mangel an Differenziertheit, der
sich in Ausdrücken wie «Achse des Bösen»,
«Schurken», «Krieg gegen den Terror» ausdrückt!
Diese Blindheit gegenüber Ursachen! Grüss Gott,
wie furchtbar schwarzweiss gemalt das alles ist,
wie es der genauen Kontur, der Grauschattierungen,
der französischen Subtilität entbehrt!

O ja, gibt Europa zu, Saddam Hussein ist gewiss
ein böser Mann. Er hat eine brutale
Einzelherrschaft errichtet. Seine Untergebenen
leben in Angst und Schrecken. Seine Aufseher,
Spione und Denunzianten sind überall. Er hat zwei
seiner Schwiegersöhne ermordet. Er verfügt über
gut bestückte Folterkammern, wo Ohren und Zungen
routinemässig abgeschnitten werden. Er hat im
eigenen Land Tausende vergast, was, nun ja, gar
ein bisschen nach Hitler riecht. Aber Verbindungen
zu Terrororganisationen? Gewiss nicht. Niemand hat
das einschlägig nachgewiesen. Wie bitte? Sie
halten es für richtig zu erwähnen, dass er die
Familien palästinensischer Selbstmordattentäter
jeweils mit 25 000 Dollar honoriert? Und damit
aktiv die Terroristen des Islamischen Jihad, der
Hamas, Tanzim, Fatah und Hizbullah unterstützt?
Wie unsinnig, uns damit zu kommen. Er terrorisiert
damit ja bloss die Juden. In Frankreich gibt es
sechs oder gar sieben Millionen Araber und nur
etwa fünfhunderttausend Juden, wen also sollen die
Juden schon kümmern? Ja, gewiss, da gibt es eine
Menge nicht assimilierbarer und feindseliger
Muslime in jedem westeuropäischen Land, und wir
christlichen Europäer behandeln sie sehr
zuvorkommend, aber nicht weil wir Angst vor ihnen
hätten, beileibe nicht! Wir sind nicht wie ihr
Amerikaner, nicht gewöhnt ans Ideal des e pluribus
unum, die farbenreiche Mischung aus vielerlei
Kulturen; wir mögen nicht einmal den Gedanken an
das, was bei uns «Mischkultur» genannt wird.

Zudem sind wir ziemlich sicher, dass uns, wenn wir
uns gegenüber unseren muslimischen Immigranten nur
gut benehmen, erspart bleiben wird, was sie
Amerika und dem Pentagon angetan haben (nicht dass
Amerika und das Pentagon das nicht verdient
hätten, weil man dort ja gegenüber den Ursachen
blind ist und im Prinzip sonst doch jeder - oder
zumindest jeder Intellektuelle, der mit einer
europäischen Universität oder Zeitung liiert ist -
weiss, dass die fortgesetzte Präsenz der Juden in
Israel die grundlegende und einzige Ursache des
weltweiten Terrors ist).

Und da gibt es noch etwas, das jedermann weiss,
sogar Nichtintellektuelle. Öl! Die Amerikaner
ziehen gegen den Irak zu Felde, weil es dort
Ölfelder gibt. Die Gleichung ist so klar wie
Algebra. Wie? Sie erinnern uns Europäer daran,
dass wir selbst keine nennenswerten Ölvorkommen
haben? Warum denn das? Darum geht es doch nicht.
Wir reden über «rauchende Colts» und die
Spurensuche eines schnüffelnden Inspektorentrupps.
Was? Sie sagen, wir seien hundertmal abhängiger
vom arabischen Öl als ihr Amerikaner? Wohl, wohl,
kann schon sein, warum also versteht ihr nicht,
dass wir so sehr gegen den Krieg mit dem Irak
sind? Seht ihr denn nicht? Wir können es nicht
zulassen, dass unsere Ölzufuhr unterbrochen oder
gar abgeschnitten wird. Wir können es uns nicht
leisten, die Araber im Mittleren Osten zu
verärgern oder ihre muslimischen Statthalter in
unseren eigenen Städten. Wir können nicht
überleben ohne Öl. Was war das? Das Öl sei die
Ursache unserer europäischen Feigheit, unseres
Appeasement, unserer Kapitulation?

O ihr Amerikaner! Ihr seht immer alles so schwarz
und weiss!

Neue Zürcher Zeitung, Ressort Feuilleton, 7.
Februar 2003, Nr.31, Seite 61

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