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Geschrieben von irulan am 26.09.2003, 22:22 Uhrzurück

Artikel aus Financial Times zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland

Aus der FTD vom 22.9.2003 www.ftd.de/demografie
Demografie: Bessere Arbeiter sollen Alterung ausgleichen
Von Mark Schieritz, Berlin

Die Experten sind sich einig: Die Bevölkerung in Deutschland wird in den kommenden Dekaden kräftig altern und schrumpfen. Wo weniger Menschen leben, gibt es weniger Konsumenten.
Und wo weniger Menschen arbeiten, wird in der Regel weniger produziert. Dies drohe das im längerfristigen Trend mögliche Wachstum zu dämpfen, warnt Bernhard Gräf, Demografie-Experte bei Deutsche Bank Research. In einer Studie hat sein Institut ausgerechnet, dass die deutsche Wirtschaft ab 2030 im Trend jährlich um nur noch ein Prozent wachsen kann, wenn die gegenwärtige Entwicklung und die derzeitigen politischen Rahmenbedingungen fortgeschrieben werden. Auch die Ökonomen der Deka-Bank erwarten einen "deutlich niedrigeren Potenzialpfad".
Nach der aktuellen Bevölkerungsschätzung des Statistischen Bundesamts schrumpft die Bevölkerung bereits ab 2010. Bis 2050 fällt die Zahl der Erwerbspersonen zwischen 20 und 60 Jahren von jetzt rund 40 Millionen auf unter 30 Millionen. Dabei ist schon unterstellt, dass jährlich 200.000 Menschen zuwandern, was in etwa dem Durchschnitt seit 1995 entspricht.
Individueller Wohlstand schwächelt
Noch problematischer zeigt sich die Entwicklung für Einzelne: Weil die Zahl der Erwerbsfähigen sinkt, schwächelt nicht nur die Produktion insgesamt, auch der individuelle Wohlstand. Der Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt je Kopf geht zurück. Weil die Geburtenraten sinken und die Menschen immer älter werden, nimmt die Zahl der Erwerbstätigen schneller ab als die der Gesamtbevölkerung, erklären die Volkswirte der Deka-Bank. Das bedeutet, dass immer weniger Arbeitnehmer das Bruttoinlandsprodukt für eine weniger stark schrumpfende Bevölkerung erwirtschaften müssen.
Die Deutsche Bank hat mögliche Auswege aus der Krise mitgeliefert. Eine Möglichkeit, den geringeren Anteil der 20- bis 60-Jährigen wettzumachen, wäre eine drastische Ausdehnung der Arbeitszeit. Durch eine Anhebung des tatsächlichen Rentenalters auf 65 Jahre, sowie eine Ausweitung der Wochenarbeitszeit um etwa zehn Stunden könnte der Rückgang des Wachstumspotenzials aufgehalten werden.
Eine andere Variante wäre massive Zuwanderung. Mit einer Nettoeinwanderung von 550.000 Menschen pro Jahr wäre es möglich, die Zahl der Erwerbstätigen zu erhalten. Das sind mehr Menschen als in den letzten Dekaden im Saldo jährlich nach Deutschland gekommen sind. Nach Einschätzung von Andreas Heigl von der HypoVereinsbank könnte etwas weniger nötig sein, wenn der Anteil der erwerbstätigen Frauen steigen würde.

Sinkende Produktivität erwartet
Beide Szenarien sind wenig populär, weshalb viele Demografieforscher hoffen, dass die Produktivität stark wächst, also der Ausstoß je Arbeitsstunde. Gelänge es, durch Innovationen und technischen Fortschritt den Produktivitätszuwachs zu steigern, kann die Wirtschaft wie bisher weiter wachsen. Zwar würden weniger Menschen arbeiten, diejenigen, die es tun, würden aber mehr Güter und Dienstleistungen bereitstellen.
Gräf erwartet jedoch, dass die Produktivität sinkt, wenn Menschen altern. Ausbildung findet immer noch vor allem in jungen Jahren statt, wenn die Lernfähigkeit groß ist. Mit zunehmendem Alter, veraltet das Gelernte - das gilt vor allem, da sich Wirtschaft und Gesellschaft immer schneller wandeln. "Die Ausbildung liegt weiter zurück, die Kenntnisse und Fähigkeiten stimmen oft nicht mit den neuen Berufsprofilen überein", schreiben auch die Volkswirte der ING BHF-Bank.
Zudem, so die Experten der Deutschen Bank, ist die Innovationsfähigkeit in einer jungen, wachsenden Bevölkerung höher. "Die wissenschaftliche-technische Forschung wird vor allem von jungen Menschen vorangebracht." Auch seien junge Menschen in der Regel eher bereit, Risiken auf sich zu nehmen und Neuerungen zu akzeptieren als ältere. Das wirke auf Unternehmensgründungen und damit die Dynamik einer Volkswirtschaft.

Produktionsfaktor Wissen
Allerdings gibt es auch Argumente für eine höhere Produktivität. In entwickelten Volkswirtschaften ist Wissen einer der wichtigsten Produktionsfaktoren. Hier sind unter Umständen die Alten im Vorteil. "Ältere Arbeitnehmer verfügen über deutlich mehr Erfahrung als jüngere", so Ulrich Kater von der Deka-Bank.
Zudem können Produktivitätsverluste nach Ansicht von Experten durch wirtschaftspolitische Maßnahmen wie die Verbesserung von Bildung und Ausbildung oder die Förderung von Forschung, Entwicklung und Mobilität begrenzt werden.
Welche Faktoren unterm Strich überwiegen, ist unklar. "Wir haben schlicht nicht genug Beispiele, um qualifizierte Aussagen zu machen", sagte Deka-Volkswirt Kater. Fest steht Volkswirten zu Folge jedoch, dass es gewaltige Zuwächse bei der Produktivität bräuchte, die Folgen der Alterung fürs Wachstum abzufedern. Nach Rechnung der Deutschen Bank müsste sich das jährliche Produktivitätswachstum dazu im ungünstigsten Fall von derzeit etwa einem Prozent auf zwei Prozent verdoppeln.
"Viel spricht dagegen, dass es möglich ist, Produktivitätsfortschritte in einer Größenordnung zu erzielen, die nötig wäre, um den demografisch bedingten Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials völlig aufzufangen", so Deutsche-Bank-Experte Gräf. Wenn der heutige Wohlstand erhalten werden solle, müsse wohl mehr gearbeitet und müssten mehr Einwanderer ins Land gelassen werden, sagt auch HypoVereinsbank-Volkswirt Heigl.

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