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Geschrieben von fusel am 26.03.2003, 13:36 Uhrzurück

mal ein Rundumschlag bzgl.: Giftgas, jeder hat Dreck am Stecken

Hi,

Inwiefern deutsche Unternehmen ihr Giftgasfaible mit dem Irak fortführten steht im letzten Drittel.

gruß

fusel

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Massenmord als Produktionsziel und Geschäft

Ein höhere Form des Tötens
von Hans Brannscheidt

Seit dem März 1988 ist bekannt, daß auf die kurdische Stadt Halabja der größte Giftgasangriff seit dem Ersten Weltkrieg geflogen wurde: von irakischen Flugzeugen, beladen mit chemischen Kampfstoffen, an deren Herstellung bundesdeutsche Firmen beteiligt waren. Die Reaktion der bundesdeutschen Öffentlichkeit auf diese Informationen über einen Ausrottungsfeldzug, in dessen Kalkül der Völkermord liegt, zeichnen sich bis heute durch Desinteresse aus. Bis auf wenige Ausnahmen haben alle geschwiegen. Obwohl (oder gerade weil?) es sich doch darum handelt, daß hier eine spezifisch deutsche Tradition fortgeführt wird: Massenmord als Produktionsziel und Geschäft, die möglichst kostengünstig Vernichtung von Menschen, ihre Behandlung als Unkraut.

1915 wurden erstmals 240 Tonnen Chlorgas gegen französische Soldaten eingesetzt. Der deutsche Chemiker Professor Haber, führend an der Entwicklung der Kampfstoffe beteiligt, kommentierte beim Empfang des Nobelpreises das Ereignis vorausschauend: "In keinem zukünftigen Krieg wird das Militär Giftgas ignorieren können. Es ist eine höhere Form des Tötens."

Ein Jahr dem ersten Chlorgaseinsatz verschoß die deutsche Artillerie in Fleury innerhalb von sieben Stunden insgesamt 116.000 Phosgengranaten. 1917 setzten die Deutschen in Ypern Senfgas (Lost) ein. Lost war damals das schlimmste Gas von allen. Eine "Weiterentwickeltung" jener "höheren Form des Tötens" sozusagen. Die Wissenschaft hatte nämlich Kenntnis, daß Chlorgas und Phosgen zwar wie erwünscht töten, weil sie das Atemsystem angreifen, daß man sich dagegen aber durch den Gebrauch der Gasmaske schützen kann: Gegen die "Höherentwicklung" Senfgas hilft das nicht mehr. Es wirkt auf Augen, innere Organe und die gesamte Körperoberfläche und bewirkt das unvermeidliche Absterben aller Zellen, die mit ihm in Berührung kommen.

Die kommerzielle Nutzung des Massenmords konnte gestartet werden. 1914 bis 1918 gab es 25 Prozent Gewinnausschüttung bei IG Farben. 60 Millionen Kilogramm an hochkonzentrierten Giftkampfstoffen in Granaten aller Kaliber konnte der Konzern absetzen. Auch damals hat sich kaum jemand darüber aufgeregt. Die Öffentlichkeit beruhigte sich mit der Feststellung des Chemikers Haber: "Das Einatmen der Blausäure belästigt in keiner Weise, man kann gar nicht angenehmer sterben."

Damit war für die Chemie-Konzerne das Stichwort zum Einsatz des Giftgases in den Konzentrationslagern gegeben. Die von den IG Farben kontrollierte Firma Degesch (an der auch die Degussa zu 42,5 Prozent beteiligt war) erhielt das Monopol auf Zyklon B und machte das Geschäft zusammen mit der SS. Der Dividendenertrag verdoppelte sich.

Zur selben Zeit hatte die Chemiker Schrader und Hörlein im "Gewerbehygienischen IG-Labor" in Elberfeld ihre Arbeit an neuen organischen Phoshorverbindung erfolgreich abgeschlossen: Die Nervengifte Tabun, Sarin und Soman, die heute im Irak in weiterentwickelter Form zur Anwendung kommen, waren gebrauchsfertig. Schraders Labor aus der Zeit vor 1945 gehört jetzt Bayer und heißt Labor für "Pflanzenschutz". Sein Arbeitsplatz blieb ihm erhalten. Heinrich Hörlein machte es noch besser, er ist jetzt Aufsichtsratsvorsitzender von Bayer.

Giftgas hatte auch nach dem "Zusammenbruch" Zukunft, es konnte weiter investiert werden. Was Schrader so forschte, geht aus seinem US-Patent hervor: Dort findet sich die chemische Formel eines Kampfstoffes, den die Amerikaner "VX" nennen, ein Nervengas, mit dem die meisten US-Giftgasgranten gefüllt sind.

Natürlich haben die (west)deutschen Chemiekonzerne immer mit allem nichts zu tun gehabt. Als herauskam, daß hiesige Unternehmen die dioxinhaltigen Grundstoffe zur Verwüstung ganz Vietnams durch "Agent Orange" geliefert hatten, faßte sich die Firma Boehringer knapp: "Wir sind nicht für die Entscheidung der amerikanischen Armee verantwortlich". Wie in Kurdistan, wie sich zeigen wird: Einer der Gutachter für die Darmstädter Staatsanwaltschaft, die gegen 12 weltdeutsche Unternehmen wegen Mithilfe bei der Errichtung der irakischen Giftküche Samarra ermittelt, heißt nämlich Bayer-Leverkusen.

In Bagdad, im Hotel, treffe ich Herrn Dr. Leineweber. Er repräsentiert die Firma Krupp, zeigt seine Karte, die er später mit den Worten wiederhaben will: "Sie wissen ja, wie das hier ist, überall Geheimdienste, und bei uns zuhause werden die Dinge ja auch nur publizistisch ausgenutzt." Er weiß, was in Kurdistan geschieht, kennt die despotischen Verhältnisse im Irak, redet von "Frauen und Kindern, denen es schrecklich ergeht". "Aber was die mit unseren Sachen letztlich machen", ginge ihn nichts an; er ist gegen Skrupel immunisiert. Er entspricht dem vorherrschenden Kulturtyp der postfaschistischen Gesellschaft, der tatsächlich nach Auschwitz keine Gedichte mehr geschrieben, sich dafür aber desto emsiger auf's Geschäft geschmissen hat. Selbstredend verurteilt Dr. Leineweber die Anwendung von Blausäure oder Senfgas gegen die Zivilbevölkerung und stimmt mit der entsprechenden Intervention der Bundesregierung beim Sicherheitsrat der Vereinigten Nationen voll überein, weil die eben nichts ändert. Weil die Ächtung der Giftstoffe durch Partei und Bundestag keine Folgen hat, solange Zollverwaltungen und das Bundesamt für Wirtschaft in Eschborn sich einen Dreck darum scheren, was da zu welchem Zweck exportiert wird.

Dr. Leineweber ist im übrigen gerade damit beschäftigt, eine entscheidende Korrektur seiner geschäftlichen Dispositionen vorzunehmen. Der Golfkrieg ist vorerst einmal zu Ende. Es geht nun um die profitable Investition von 500 Milliarden Mark, die benötigt werden, um die Kriegsschäden in beiden Ländern auch nur annähernd auszugleichen. Das größte Geschäft, das die Nachkriegszeit zu bieten hat.

Nach wie vor macht die Bundesrepublik Deutschland ihr Geschäft mit dem Tod. Besonders ihr Export in Kriegs- und Krisengebiete trägt zu enormen Profitraten bei. Ein besonders makaberes Beispiel dafür ist der Export von Anlagen und Stoffen für die Produktion von chemischen Waffen in Länder der 3. Welt, so auch in den Irak. Dieser Export läuft keineswegs illegal. Seit mindestens 1984 ist bekannt, daß der Irak in mehreren Fabriken Giftgas produziert. Die Laboranlagen dafür lieferte die bundesdeutsche Firma Karl Kolb und deren Tochter Pilot Plant.

In der Nähe der irakischen Stadt Samarra wurden seit Mitte der 80er Jahre 4 Produktionslinien für die Herstellung von Giftgas errichtet. Als sehr kooperativ zeigte sich die Hamburger Firma W.E.T. (Water Engineering Technology), die von Mitarbeitern der Preussag AG, Hannover, gegründet wurde. W.E.T. koordinierte das Irakgeschäft und kaufte Anlagen und chemische Grundstoffe für den Irak ein, bis sie schließlich das Angebot einer schlüsselfertigen Giftgasfabrik machte. Während die Preussag AG die Wasseraufbereitung für die Giftgasproduktion übernahm, stellte die Firma Quast im Auftrag von Karl Kolb die korrisionsbeständigen Metallspeziallegierungen für die Produktionsanlagen her. Die Firma Herbiger aus Schifferstadt war für den Aufbau der Gebäude verantwortlich und die Firma Hammer baute die Aircondition. Magirus Deutz übernahm mit dem Einsatz von Speziallastwagen den Transport der Anlagen des "Projekts Samarra". Als bei einer Kontrolle der UNSCOM, die nach dem 2. Golfkrieg von der UNO eingesetzt wurde, der begleitende Fotograf die Typenschilder der Anlagen fotografierte, konnten 19 Lieferanten identifiziert werden. 17 stammten aus der BRD.

Seit Ende 1987 nahmen bundesdeutsche Behörden die Ermittlungen über die illegale Giftgaslieferung auf. Ermittelt wurde gegen die genannten Firmen sowie insgsamt ca. 40 Personen, die in die Geschäfte verwickelt gewesen sein sollen. Erste Ergebnisse der Staatsanwaltschaft Darmstadt besagten, daß die gelieferten Anlagen aus der BRD zur Produktion der einschlägigen chemischen Kampfstoffe zwar geeignet seien, ob deshalb aber ein Verstoß gegen die Außenwirtschaftsverordnung nachgewiesen werden könne, sei fraglich.

Jahrelang zog der Prozeß sich hin. Als endlich im Dezember 1997 in Darmstadt das Urteil gegen das führende Management der Havert Industrie-Handelsgesellschaft (Neu-Isenburg) verkündet wurde, erging der Schuldspruch indirekt auch gegen das bundesdeutsche Wirtschaftsministerium und dessen jeweilige Chefs der vergangenen Jahre Otto Graf Lambsdorff, Martin Bangemann und Helmut Haussmann. Frühzeitig sei das Ministerium über die irakischen Rüstungsprojekte informiert worden, sei aber nicht eingeschritten. Hartnäckig hatte das Ministerium vielmehr geleugnet, von der Beteiligung deutscher Firmen gewußt zu haben. Nach dem 2. Golfkrieg 1991 stellten die USA eine Liste von 86 bundesdeutschen Firmen zusammen, die an der Lieferung von Giftgasanlagen beteiligt gewesen sein sollen. Ein im Rahmen der UNSCOM-Überwachungskommission im Irak eingesetzter Inspekteur aus dem Bonner Verteidigungsministerium wird im Spiegel (6/1998) mit den Worten zitiert: "Deutsche Teile sind in allen miliätrischen Anlagen des Irak zu finden." Deutsche Zulieferfirmen hätten bei weitem das Geschäft mit dem Irak "dominiert", bei der Giftgasproduktion habe der deutsche Anteil 50% ausgemacht. Kontrolleure der Internationalen Atomenergiekommission (IAEO) stellten fest, daß von den insgesamt 650 gefunden Maschinen in den nuklearen Anlagen des Irak 190 aus Deutschland stammten. Nach einem internen Dossier des Wirtschaftsministeriums unter der Möllemann-Führung sollen deutsche Firmen sogar geholfen haben, die Entwicklung von Atomwaffen zu beschleunigen. Auch die von der Firma Kolb gelieferte Anlage sei sehr wohl zur Produktion von Giftgas geeignet gewesen. Selbst die auf Israel 1991 abgefeuerten Scud-Raketen waren mit dem Know-how deutscher Firmen umgerüstet worden, daß sie bis Tel Aviv fliegen konnten. UNSCOM-Kontrolleure fanden die TÜV-geprüften Startkompressoren einer deutschen Firma für die Raketen.

Zu Haftstrafen zwischen zwei und drei Jahren wurden die Angeklagten in dem Darmstädter Prozeß verurteilt. Zuvor war bereits der Inhaber der Firma Rhein-Bayern-Fahrzeugbau wegen der Ausfuhr von Raketenmaterial zu 5 Jahren Haft verurteilt worden. Eine zentrale Figur der Irak-Connection aber hat sich erfolgreich nach Brasilien abgesetzt: der deutsche Ingenieur Karl-Heinz Schaab, der von der bundesdeutschen Justiz wegen Landesverrat und illegaler Exporte angeklagt werden könnte, wird nicht ausgeliefert.

Trotz erwiesener Beteiligung wurde die Firma Karl Kolb nicht verurteilt. Es konnte nicht nachgewiesen werden, daß die Anlage zu kriegerischen Zwecken "besonders konstruiert" worden sei. 56 Strafverfahren wurden vor 1990 gegen deutsche Firmen eingeleitet, nur 6 endeten mit einem Urteil. 15 Verfahren wurden eingestellt, 3 Verfahren endeten mit Freisprüchen. Zwar haben sich die bundesdeutschen Waffenexportbestimmungen seit Anfang der 90er Jahre erheblich verschärft, doch ist Export noch immer über einen Transfer über europäische Nachbarstaaten möglich.

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http://www.nadir.org/nadir/periodika/kurdistan_report/9890/10.htm

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