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Geschrieben von sasu am 14.04.2003, 7:24 Uhrzurück

was fuer ein zufall: Reportage aus Bagdad: Nur das Ölministerium brennt nicht

Reportage aus Bagdad: Nur das Ölministerium brennt nicht
Bagdad brennt, die Stadt ist in der Hand von Banditen - Die Bevölkerung gibt den USA die Schuld

"Das wäre unter Saddam nie möglich gewesen", sagt Samah. Sie hat ein Sofa und ein paar durchgesessene Sessel auf einen Karren gepackt, den sie zusammen mit ihren Söhnen vor sich her schiebt. Sie wirken fröhlich und erwartungsvoll. Aber trotz ihres Fanges meint Samah, dass früher alles besser gewesen sei.

"Jetzt herrscht das Chaos. Wir haben Angst. Nachts sind Banden unterwegs und saufen, stehlen und plündern. Es wäre besser gewesen, Saddam Hussein den Thron behalten zu lassen. Er wusste, wie man das Land kontrolliert. Er war ein starker Führer", sagt Samah, die kein schlechtes Gewissen hat, weil sie sich mit ihren Söhnen an den Plünderungen beteiligt. "Wir holen uns nur zurück, was uns gehört. Die ganzen Bürokraten hatten es uns weggenommen."

Die Couchgarnitur hat sie sich im Büro der "Friedens-und Freundschaftsvereinigung" geholt, der Organisation, die sowohl die menschlichen Schutzschilde als auch die Ankunft der Mudjahedin in Bagdad organisierte. Samah unterscheidet zwischen Saddam, den sie für einen guten Mann hält, und dessen Bürokraten, die sie als Diebesgesindel bezeichnet: "Sie haben uns das Öl gestohlen."

"Ich weiß, warum die Amerikaner dieses Chaos zulassen", sagt Khaldoun Khairi al-Bazerkan, der Arzt in einem der Krankenhäuser von Bagdad ist. "Sie wollen, dass alles zusammenbricht, alle Ministerien und die gesamte Verwaltung. So allmählich werden die Leute um Hilfe rufen und sich mit allem einverstanden erklären, nur damit wieder für Ruhe und Ordnung gesorgt wird. Sie werden den Irak besetzen, es wird wie in Palästina. Und nächstes Mal gibt es dann Aufruhr und Intifada", meint er.

"Ist ihnen aufgefallen, dass nur ein Ministerium nicht brennt? Nur über ein Ministerium haben die Amerikaner die Kontrolle übernommen. Die anderen haben sie plündern und anzünden lassen. Und in welchem Ministerium sitzen sie? Im Erdölministerium!", beantwortet er selbst seine Frage. "Gehen sie nachsehen. Da stehen sie, ein US-Soldat aufgereiht neben dem anderen. Das ist fast schon überdeutlich. Wir wissen doch alle, dass sie nur wegen unseres Öls hier sind."

Immer mehr Bewohner Bagdads glauben, dass die Amerikaner etwas mit dem Chaos bezwecken, dass sie es verhindern könnten, aber dass sie das nicht wollen. Sie sind aufgebracht, und im Unterschied zu früher sagen sie jetzt auch ihre Meinung.

Aber die Amerikaner sehen die Situation anders. "Das ist absolut außerhalb unseres Mandats, Recht und Ordnung wiederherzustellen", sagt ein Offizier der US-Marines. "Insbesondere nicht jetzt. Der Krieg ist noch nicht gewonnen. Meine Leute haben das Töten gelernt, nicht, sich mit Kleinkriminellen abzugeben und den Verkehr zu regeln."

Die Amerikaner stehen vor einem Dilemma. Wenn sie weitere Straßensperren aufbauen und wieder für Recht und Ordnung sorgen, wird man ihnen vorhalten, sie würden versuchen, das Land zu besetzen, und das würde sie nur noch unbeliebter machen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 14.4.2003)
quelle: http://derstandard.at/?id=1270311

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