Dr. med. Ludger Nohr

Umgang mit Wutanfällen / Schreien

Antwort von Dr. med. Ludger Nohr

   

 

Umgang mit Wutanfällen / Schreien

Sehr geehrte Frau Henkes,
mein Sohn, fast 4 Jahre alt, wird schon länger schnell wütend, wenn etwas nicht so klappt wie er es sich vorstellt. Bsp.: Ihm fällt etwas herunter, er findet ein Spielzeug nicht, er möchte etwas und wir sagen nein.
Ich weiß natürlich, dass Kinder erst lernen müssen mit Frustrationen umzugehen, nur reagiert er jedesmal sehr extrem und es wird immer schlimmer. Er schreit dann wie am Spieß "Nein!" und das extrem laut. Er weint schnell und schafft es nicht alleine aus der Situation herauszukommen. Wir sind sehr verständnisvoll, nehmen ihn ernst, trösten, reden, suchen Kompromisse. Wir bleiben aber konsequent.
Manchmal schaffen wir es
ruhig und gelassen zu bleiben, manchmal ärgern wir uns aber so über seine "Anfälle", dass wir laut und manchmal auch ungerecht werden. Vor allem wenn er nach uns schlägt oder so laut schreit, dass es in den Ohren weh tut.
Er hat eine 6 Monate alte Schwester und is teilweise sehr eifersüchtig weil er ein absolutes Mamskind ist. Bindung zum Papa ist aber auch sehr gut. In der Kita gibt es wohl nicht solche Situationen.

Was können wir tun um solche Situationen für alle besser zu überstehen? Ist das so noch altersgerecht? Ist er einfach sehr temperamentvoll?

Vielen Dank und viele Grüße
Rosalie

von Rosalie784 am 27.07.2020, 21:06 Uhr

 

Antwort:

Umgang mit Wutanfällen / Schreien

Guten Tag,
altersgerecht ist das Verhalten Ihres Sohnes auf jeden Fall.
Er ist jetzt in dem Alter, in dem ein Kleinkind erfahren muss, dass es nicht immer nur seine Bedürfnisse sofort und umfassend erfüllt bekommt, sondern dass es Einschränkungen gibt. Hier fängt die Erziehung an.Dabei ist es sinnvoll, die pychische Entwicklung des Kindes zu kennen.

Ihr Sohn ist vermutlich auf seine kleine Schwester sehr eifersüchtig, weil sie ihn - wie es genannt wird - "enttrohnt" hat. Jetzt muss er die Eltern (und so manches andere) mit ihr teilen.
Das ist für Kleinkinder nicht leicht zu verkraften und es dauert eine Weile, bis sie das neue Geschwister in die Familie aufgenommen haben. Dazu kann auch kommen, dass er Sie unbewusst bestrafen will, weil Sie ihm die Schwester "vorgesetzt " haben.

Für Ihren Sohn ist es wichtig, zu erfahren, dass Sie versuchen ihn zu verstehen, auch seinen Ärger gelten lassen, denn der ist für Vierjährige oft noch schwer zu ertragen. Er benötigt aber Hilfen, um seine Wut oder seine Frustration angemessener und das heißt auch gemeinschaftsverträglicher auszudrücken.

Vor allem sollte er lernen, Sie nicht zu schlagen. Da kann es helfen, das schreiende Kind - möglichst in Begleitung des nicht betroffenen Elternteils - aus der Gemeinschaft kurzzeitig zu entfernen und mit ihm ins Kinderzimmer zu gehen, bis es sich beruhigt hat.

Ich kann nur immer wieder betonen: Kinder brauchen starke Eltern. Sie selbst sind ja ihren aggressiven Impulsen oft noch so hilflos ausgeliefert. Dann müssen sie die Sicherheit haben, dass Eltern von ihren Wutanfällen nicht in Angst und Schrecken versetzt werden. Sie sind groß und stark und können das aushalten - und falls nötig auch begrenzen. Das ist für Kinder eine unschätzbare Hilfe, wenn sie in ihrem emotionalen Chaos versinken.

Zur Unterstützung können Sie Rituale einführen (ähnlich wie beim Einschlafen), die ihrem Sohn helfen, aus der Situation (mit Ihnen) herauszufinden. Er könnte zu einem "Wutbaum" laufen oder ähnliches. Wenn viel Phantasie dabei ist, um so besser.

Es gibt auch gute Kinderbücher, die das Thema aufgreifen, z.B. "Wo die wilden Kerle wohnen" oder "Der wütende Willibald". Kinder mögen diese Bücher sehr gern, weil sie sich wiedererkennen.

Wie so oft gilt natürlich auch hier, es ist hilfreich wenn Sie in diesen Situationen geduldig bleiben, aber das ist nicht leicht, ich weiß.
Sie können aber auch sicher sein, dass Ihr Sohn schon eine Menge gelernt hat, denn er kann sich im Kindergarten ja anders verhalten.
Ingrid Henkes

von Dr. med. Ludger Nohr am 28.07.2020

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