Mitglied inaktiv
Sehr geehrter Dr. Posth, ich finde meine Frage selbst theoretisch und würde sie nicht stellen, wenn ich mich nicht schon länger über die Aussage einer Freundin ärgern würde, und nun vielleicht mal das passende Gegenargument von Ihnen bekommen könnte. Mein Sohn (22 Monate) ist bisher im Umgang mit anderen Kindern sehr sozial (sofern man in diesem Alter schon davon sprechen kann). Er läßt sich Sachen wegnehmen ohne darauf lautstark zu reagieren, er sucht sich entweder etwas anderes Interessante oder schafft es auf seine ruhige Art "Kontrahenten" abzuhalten (er ist komischerweise sowieso selten Opfer etwaiger "Attacken", auch durch ältere Kinder). Dagegen nimmt er äußerst selten etwas von anderen, bei Gegenwehr läßt er ab. Auch Erwachsenen gegenüber zeigt er sich immer sehr freundlich, gibt auch ihnen gern ab (bietet sein Essen und Spielzeug an). So, für mich ist dies ein völlig normales kindliches Verhalten, ich freue mich, dass er so ein lieber ausgeglichener Bursche ist (dabei aber immer voller Tatendrang und lustiger Ideen). Fakt ist, dass meine Freundin argumentiert, dass er so keine Durchsetzungskraft entwickelt und im späteren Leben oft den Kürzeren ziehen wird... Wörtlich sagte sie Kinder in diesem Alter trainieren durch diese Machtkämpfe ihr Selbstbewußtsein und er habe dadurch später Defizite. Hilfe, habe ich denn nun auch in meiner Kindheit (war angeblich sehr lieb im Kleinkindalter) solche Defizite erlitten, dass ich mich überhaupt darüber aufrege, oder ist tatsächlich etwas dran an ihrer Aussage? Vielen Dank für Ihre Antwort Doris aus Halle
Liebe Doris, die Ansichten Ihrer Freundin sind vielleicht etwas biologistisch und vertreten insgeheim eine Position, die man gerne als Sozialdarwinismus bezeichnet. Das ist ihr aber wahrscheinlich gar nicht bewußt. Das Sozialleben der Menschen funktioniert ein wenig anders. Da heißt es nicht, daß man möglichst in der Kinderstube schon auf Härte trainiert werden muß, damit man später im Leben besser zurecht kommt. Beim Menschen verläuft die Schiene der Selbstbehauptung nämlich über das Selbstbewußtsein. Ist das Selbstbewußtsein stark und in sich selbst verankert, sagen wir mit dem Ich übereinstimmend, was sich durchaus auch in einem ruhigen ausgeglichenen Temperament oder sogar in einem eher zurückhaltenden ausdrücken kann, dann sind alle Voraussetzungen dafür geschaffen, Strategien im späteren Leben zu entwickeln, mit den üblichen Herausforderungen fertig zu werden. Dabei helfen dann die fortgeschrittenen Sozialverhaltensweisen wie Gewissen und Vernunft. Sind die geistigen Voraussetzungen hierfür vorhanden, und haben das Elternhaus und die sich fortsetzenden, sozialen Einflüsse mit gutem Vorbild und sinnvoller Erziehung gearbeitet, besteht eigentlich kein Zweifel daran, daß das zum Erwachsenen herangereifte Kind genügend soziale Mechanismen besitzt, sein Leben zu meistern. Viele Grüße
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