Mitglied inaktiv
Lieber Herr Dr. Posth, zum Thema Fremdeln haben Sie sich schon häufig geäußert, in Antwort-Postings und Ihrem Langtext. Dazu eine Nachfrage. Sie schreiben, dass geringfügiges, verstecktes Fremdeln keine mütterliche Leistung sei (extremes Fremdeln dementsprechend kein mütterliches Versagen). Gleichzeitig schreiben Sie, dass die Intensität des Fremdelns auch Ausdruck der Bindung zwischen Mutter und Kind ist. Sicher gebundene Kinder fremdeln, so schreiben Sie, weitaus seltener und weniger heftig. Dann hätte man als Mutter aber doch Einfluss auf die Fremdelintensität. Ein sicher gebundenes Kind hat ja eine feinfühlige Mutter (insofern also eine vollbrachte mütterliche Leistung). Ich weiß nicht, ob Sie mir noch folgen können... Sicher kann man sich es auch nicht so leicht machen zu sagen "starkes Fremdeln / unsichere Bindung", "wenig Fremdeln / sichere Bindung" - aber nur temperamentsabhängig scheint es mir auch nicht zu sein. Was wiegt denn mehr? Das Temperament oder die Feinfühligkeit bzw. fehlende Feinfühligkeit der Mutter? Interessierte Grüße von Anna
Liebe Anna, Ihre Frage ist sehr berechtigt und ich habe mir auch schon viel den Kopf darüber zerbrochen, wie die tatsächlichen Verhältnisse sind. Auf frühere Beobachtungen und Meinungen kann ich schlecht zurückgreifen, da über das Fremdeln wenig oder wahrscheinlich sogar gar nicht gezielt geforscht worden ist. Meine Beobachtungen in der Praxis, sogenannte Feldforschung kommen zu folgendem Ergebnis. Wann ein Kind anfängt zu fremdeln und wie schnell die Fremdelangst eskaliert, ist prinzipiell ein Anlage oder Temperamentsfaktor. Fremdeln zeigt regelmäßig das eingehen der primären Bindung an. Aber es gibt keine sichere Korrelation zwischen der Intensität des Fremdelns und der eingegangenen Bindung. Folglich kann auch ein schwach fremdelndes Kind durch aus ein starke Bindung eingegangen sein. Die Sicherheit der Bindung zeigt sich viel besser in der sogenannten Fremde-Reaktion, die ja auch Ausdruck der Anhänglichkeit und der "sicheren Basis" ist. Aber! mit flaschen Reaktionen und Unsicherheiten und der Zuwendung zum Säugling kann man sein Fremdeln in Richtung Angst verstärken, was natürlich unerwünscht ist. Andererseits kann man einen stark ängstlich fremdelnden Säugling auch -sagen wir- stabilisieren durch eine zuverlässige Zuwendung. Das also geht schon. Anlagen und Umwelt kommen irgendwo immer zusammen. Aber es kann ein Ziel sein, das Fremdeln wie auch immer abzugewöhnen. Das hieße nämlich die eingegangene Bindung auf den Prüfstand zu stellen und u.U. nachhaltig zu beschädigen. Ich hoffe, ich konnte Ihnen die Zusammenhänge erklären.
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