Frage im Expertenforum Entwicklung von Babys und Kindern besser verstehen an Dr. med. Rüdiger Posth:

Ein Plädoyer für mehr intuitiven Umgang mit Säuglingen

Frage: Ein Plädoyer für mehr intuitiven Umgang mit Säuglingen

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Lieber Dr. Posth, ärgert es Sie nicht auch ganz schrecklich, dass Ihr Kollege aus dem Nachbarforum bei jeder Gelegenheit das Ferbern empfiehlt, z. B. wenn ein 10 Monate alter Säugling nicht allein einschlafen möchte??? Oder dass Müttern von Schreibabies nahegelegt wird, ihre Kinder nicht so viel zu tragen, da dies zu noch mehr Unruhe führe (was müssen die Armen doch im Mutterleib ausgehalten haben!)??? Letztendlich sind Eltern doch auf sich allein gestellt, denn zu jedem Problem gibt es 100 ganz verschiedene Lösungsvorschläge – auch von Fachleuten! Jeder muss seinen Weg selber finden. Als ich mit meinem damals 7 Wochen alten Schreibaby im Krankenhaus war, sagte ein Pfleger zu mir: „Hören Sie mehr auf Ihre innere Stimme. Sie machen das schon ganz richtig!“ Und so habe ich nach und nach meine Linie gefunden und kann diese inzwischen auch selbstbewusst vertreten – nicht zuletzt dank Ihrer Hilfe. LG, Moni


Dr. med. Rüdiger Posth

Dr. med. Rüdiger Posth

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Stichwort; Regulationsstörungstheorie Liebe Moni, manchmal ist die intuitiv richtig Antwort einer Pflegekraft im Krankenhaus mehr wert als alle mehr oder weniger fachkundigen Ratschläge von Ärzten. Auch bin der Auffassung, dass intuitves Erfühlen der Notsignale eines Säuglings ein wichtiger Schritt zur richtigen Umgangsweise mit den Kleinen ist. Durch zuviel Theoretisieren kann man leicht vom richtigen Weg abkommen. Diesen Vorwurf, und damit bin ich jetzt bei meinen Kollegen und der Kinderheilkunde, kann man der Regulationsstörungstheorie machen. Sie ist ein eher lebensfernes Konstrukt zur Erklärung und Behandlung von schwierigen Kindern, welches in der Münchener Schreiambulanz von Fr. Prof. M. Papousek entwickelt worden ist. Aber bei aller "grauen Theorie", die sie über die schwierigen Kinder entworfen hat (Regulationsstörungen der frühen Kindheit, erschienen im Verlag Hans Huber) gebührt ihr die Ehre und Anerkennung, daß sie schon in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die medizinische Öffentlichkeit auf dieses Problem aufmerksam gemacht hat. In den letzten Jahren ist nun aus diesem "Konstrukt" mangels besserer Erklärungsmodelle so etwas wie eine kinderärztliche Diagnose geworden, was Fr. Papousek und ihre "Schule" auch einfordert. Das merkwürdige an dieser Diagnose ist allerdings, daß sie mehr eine Behandlungsempfehlung als eine nüchterne Symptombeschreibung ist. Insofern existiert diese Diagnose auch nicht wirklich. Trotzdem hat sie in den Empfehlungen der Kinderheilkunde inzwischen weite Verbreitung gefunden. Das liegt daran, daß sie den Umgang mit den schwierigen Kindern auf eine bestimmte Weise relativ bequem macht. Die vorgeblich gestörte Regulation soll durch -sagen wir- stramme Rhythmusgebung von außen zu einem Selbstregulationsmechanismus eingespurt werden. Aber das ist meiner Meinung nach letztlich nichts anderes als die alte Schule im Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern auf moderne Weise durch die Hintertür wieder eingeführt. Also alter Wein in neuen Schläuchen! Und genau nach diesem Schema scheint sich auch mein Kollege hier im Forum zu richten, dessen Antworten ich allerdings nicht studiere. Ich habe nun versucht, vor ein paar Jahren schon durch drei in der Kinderärztlichen Praxis lancierte Artikel, meine Zunft auf die entstandenen Irrtuümer und Widersprüche über das Empfinden und Verhalten von Säuglingen und Kleinkindern aufmerksam zu machen. Inwieweit mir das geglückt ist, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur zu gut, daß ich trotz Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin Probleme hatte, diese Artikel überhaupt abgedruckt zu bekommen. Prof.v. Kries hat mir dabei sehr geholfen. Aber das alles sagt ja nur, wie schwierig es ist, tiefenpsychologische Ansichten und Erkenntnisse im Fachbereich der Kinderheilkunde unterzubringen. Daher konnte ich es auch nicht vermeiden, in meinem Buch umfangreiche Stellungsnahme zu diesen fachinternen Auseinandersetzungen zu nehmen und immer wieder die -soweit möglich- objektive Hirnforschung als Beleg für meine Ansichten heranzuziehen. Ich denke, in meinem Buch ist aber alles reflektiert und zusammengefügt, was derzeit an Wissen und Erkenntnis zu diesen Fragen bekannt ist. Die Essenz all dessen ist der lange, inhaltliche Faden durch das Buch und zugleich der Hintergrund, auf dem ich hier im Forum arbeite und meine Empfehlungen ausspreche. Viele Grüße


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