Frage im Expertenforum Entwicklung von Babys und Kindern besser verstehen an Ingrid Henkes:

Trilinguale Kinder ok?

Frage: Trilinguale Kinder ok?

Anna_94

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Sehr geehrte Frau Henkes, ich habe eine Frage zur Sprachentwicklung eines Kindes. Ich bin derzeit im achten Monat schwanger und suche eine passende Kita für unser Kind (ein Mädchen). In unserem Kiez gibt es eine sehr gute Privatschule. Allerdings ist die Nachfrage dort sehr hoch und es gibt nur wenige Plätze, sodass es schwierig ist, einen Platz zu bekommen. Die Schule hat auch eine Kita, und nach dem Kita-Besuch werden alle Kinder in der Grundschule aufgenommen. Die Kita ist bilingual (Deutsch und Englisch). Mein Mann und ich sind beide russische Muttersprachler. Obwohl wir fließend Deutsch sprechen, sprechen wir zu Hause überwiegend unsere Muttersprache, auch wenn sich manchmal viele deutsche Wörter oder Sätze einschleichen. Die Kita verlangt, dass das Kind eine der beiden Sprachen (Deutsch oder Englisch) auf muttersprachlichem Niveau spricht. Ich habe dort nachgefragt, wie ein 1–1,5-jähriges Kind überhaupt eine Sprache auf muttersprachlichem Niveau sprechen kann, da Kinder in diesem Alter in der Regel nur wenige Wörter beherrschen. Mir wurde geantwortet, dass dies beim Eintritt in die Krippe noch nicht relevant sei. Gleichzeitig wurde uns jedoch von der bilingualen deutsch-englischen Kita abgeraten, da wir zu Hause eine dritte Sprache sprechen. Eine monolinguale Kita sei für die deutsche Sprachentwicklung besser geeignet. Wir könnten mit unserem Kind auch zu Hause Deutsch sprechen, allerdings möchte ich nicht, dass Russisch ganz verloren geht. Unsere Eltern sprechen ausschließlich Russisch, und ich möchte natürlich, dass unser Kind mit ihnen kommunizieren kann. Außerdem sprechen mein Mann und ich untereinander Russisch, und es würde sich für mich sehr ungewohnt anfühlen, vollständig auf Deutsch umzusteigen. Was meinen Sie: Würden drei Sprachen gleichzeitig das Kind überfordern? Sollten wir wirklich lieber eine rein deutsche Kita wählen? Besteht sonst die Gefahr, dass das Kind keine der drei Sprachen richtig lernt? Deutsch ist für die Grundschule natürlich besonders wichtig. Vielen Dank!


Ingrid Henkes

Ingrid Henkes

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Guten Tag, ich bin keine Sprachwissenschaftlerin und betrachte daher Ihre Frage unter dem Aspekt der psychischen Entwicklung. Der Erwerb der Muttersprache wird für Ihr Kind sicherlich bedeutsam sein und Sie werden ihm hier die besten Sprachvorbilder sein. Der Erwerb der Umgebungssprache ist genauso wichtig, um sich in der Umgebung (nicht nur in der Grundschule) problemlos zu verständigen. Das Aufwachsen mit zwei Sprachen gelingt Kindern in der Regel problemlos, wobei die Umgebungssprache sicherlich im Laufe der  Zeit zur meistgenutzten Sprache werden wird. Eine dritte Sprache wird Ihr Kind möglicherweise nicht überfordern, aber eventeuell auch nicht besonders interessieren, vor allem dann, wenn in der Kita auch Deutsch gesprochen wird. Vielleicht hilft es Ihnen bei Ihrer Entscheidung für eine Kita, wenn Sie über Ihre Motive nachdenken, warum Ihr Kind eine dritte Sprache lernen soll, die nicht Ihrer beider Muttersprache ist. Möglicherweise ist hier ein Ehrgeiz im Spiel, von dem Sie noch nicht wissen können, ob er zu Ihrem ungeborenen Kind und seinen Bedürfnissen passt. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Ingrid Henkes


roza_soza

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Ich schreib mal kurz dazwischen:  Ich kenne einige Kinder, die dreisprachig aufwachsen und bei denen das gut klappt. Allerdings sind nicht alle drei Sprachen gleich stark und in fast allen Fällen ist es so, dass je ein Elternteil eine Sprache mitbringt und die dritte Sprache die Umgebungssprache ist. Euer Kind sollte auf jeden Fall russisch lernen aus allen von dir genannten Gründen!! "Normalerweise" würde es dann also russisch als erste Muttersprache haben und Deutsch zunächst als Umgebungssprache. Wollt ihr Englisch noch integrieren und will die Kita, dass eine der Sprachen auf muttersprachlichem Niveau gekonnt wird, was durchaus Sinn macht, müsstet ihr euch überlegen, wie ihr das mit Deutsch löst. Z.B. könntest du ausschließlich Deutsch mit dem Kind sprechen und dein Mann Russisch und wenn ihr Zuhause miteinander kommuniziert ebenfalls russisch. Die Frage wäre, ob sich das für dich natürlich anfühlt? Hast du dir mal das Konzept angeschaut? Wie stark wird englisch in der Kita tatsächlich gesprochen? Meiner Erfahrung nach ist das ein von-bis. Es gibt Einrichtungen, da spricht tatsächlich die Hälfte der Personen englisch und die andere deutsch mit den Kindern und in anderem sind es nur wenige englischsprachige Personen. Es steht und fällt außerdem mit den Kindern. Sind das überwiegend deutsche Muttersprachler, werden sie untereinander auch eher Deutsch sprechen und das Englische wird mehr passiv als aktiv gelernt.


Anna_94

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Vielen Dank für deine Meinung! Es freut mich zu hören, dass es dreisprachige Kinder gibt – also, dass es nicht unmöglich ist. Ehrlich gesagt glaube ich jedoch nicht, dass es für mich funktionieren würde, mit meinem Kind ausschließlich Deutsch zu sprechen. Ich kann mir kaum vorstellen, mit meinem Neugeborenen nur Deutsch zu sprechen. Ich habe selbst meine Baby- und Kleinkindphase auf Russisch erlebt, habe später auch meine zwei kleinen Brüder miterzogen und kenne den ganzen „Babykram“ wie Schlaflieder, Märchen usw. nur auf Russisch. Natürlich könnte ich mir das alles auch auf Deutsch aneignen, rein sprachlich wäre das kein Problem, aber es würde sich für mich sehr unnatürlich anfühlen. Auf der Webseite der Kita steht, dass es pro Kitagruppe vormittags eine englischsprachige Person gibt. Das Konzept ist so, dass eine Erzieherin nur Deutsch spricht und die zweite nur Englisch. Die Kinder werden wahrscheinlich überwiegend deutschsprachig sein, aber hier in Berlin wird es sicher auch andere geben. Englisch wird daher vermutlich nicht im Verhältnis 50/50 zu Deutsch stehen, sondern eher eine untergeordnete Rolle spielen. Ganz sicher weiß ich es noch nicht – ich werde die Erzieherinnen beim Tag der offenen Tür genauer befragen. Mein Mann sieht darin überhaupt kein Problem und ist überzeugt, dass unser Kind das schaffen wird. Er meint vor allem, es sei wichtig, dass jede Bezugsperson konsequent nur eine Sprache spricht, z. B. wir zu Hause Russisch, eine Erzieherin Deutsch und die andere Englisch. Ich kann mir vorstellen, dass es tatsächlich sehr wichtig ist, ein Kind, das z. B. erst mit drei Jahren nach Deutschland kommt und bis dahin ausschließlich Russisch gesprochen hat, in eine rein deutschsprachige Kita zu geben, damit es bis zur Grundschule gut Deutsch lernt. Ob das jedoch auf ein 1–1,5-jähriges Kind übertragbar ist, weiß ich nicht, da es dann von Anfang an mit allen drei Sprachen gleichzeitig aufwächst. Ehrlich gesagt würde ich kein Experiment mit unserem Kind machen und es bewusst in eine rein deutschsprachige Kita schicken. Zweisprachige Kinder mit einer Familiensprache und einer Umgebungssprache sind sehr verbreitet, und in der Regel entwickeln sie sich gut. Englisch kann man meiner Meinung nach auch später noch in der Schule lernen. Mein Mann hingegen ist von dieser bilingualen Kita sehr überzeugt. Es ist natürlich auch eine attraktive Idee, schon als Kleinkind ganz unkompliziert eine weitere Sprache zu lernen – ohne pauken zu müssen.


roza_soza

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Ehrlich gesagt hört sich die Aussage, dass vormittags pro Gruppe eine englischsprachige Person dabei ist (nicht nachmittags?) und die Info, dass eher Kinder mit Deutsch als Erstsprache hingehen, dann für mich eher so an, als würde Englisch eine untergeordnete Rolle spielen. Zusammen mit der Info, dass dein Kind schon mit 1-1,5 Jahren hin gehen wird, würde ich denken, dass es Deustch dann dort gut lernen kann und englisch eben noch ein bisschen dazu. Wir haben Freunde, die ihr Kind in einer billingualen Kita nach ungefähr dem Anteil an der zweiten Sprache haben. Das Kind kann die Fremdsprache super gut verstehen, aber aktiv kommuniziert es nur in bestimmten Bereich in der zweiten Sprache, die sehr kitabezogen sind. Und singt natürlich Lieder, kennt Reime etc. Also ja klar hat es einen Vorteil, aber flüssig zweisprachig ist das Kind dadurch keinesfalls. Wie findet ihr die Kita denn von dem Konzept der Zweisprachigkeit abgesehen? Und würde die Kita euch nehmen, wenn euer Kind bis dahin nur russisch gelernt hat und sie aber kommunizieren, dass eine der beiden Sprachen schon gut gekonnt werden muss (dann halt passiv)?


Anna_94

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Das ist ein Verbund mit drei Kitastandorten und einer Schule. Generell gelten sie bei uns im Kiez als die beste Kita und die beste Schule. Ich werde bald noch zum Tag der offenen Tür gehen und mir alles genauer anschauen, um mir eine eigene Meinung zu bilden. In einer Filiale hat mir die Leiterin Folgendes geschrieben: „Zu Ihrer Frage bezüglich der Sprache: Bei Krippenkindern ist die Sprache bei der Aufnahme noch nicht relevant. Uns ist wichtig, dass eine der beiden Sprachen – Deutsch oder Englisch – auch zu Hause gesprochen wird, da ein bilingualer Kindergarten sonst für die Sprachentwicklung des Kindes keinen Sinn macht. Sollte zu Hause nur eine Familiensprache gesprochen werden, die weder Deutsch noch Englisch ist, ist ein deutschsprachiger, monolingualer Kindergarten für die Entwicklung der deutschen Sprache (im Hinblick auf den Übergang zur Grundschule) passender.“ In einer anderen bilingualen Filiale war die Leiterin insgesamt freundlicher, und Russisch hat sie nicht gestört. Sie ist bereits bereit, mit uns einen Vertrag zu unterschreiben. Sie haben außerdem noch eine dritte Filiale, die rein deutschsprachig ist. Diese ist uns auch näher, etwa 10 Minuten zu Fuß, während man zu den anderen Standorten ca. 10 Minuten mit der Tram fahren müsste. Von mir aus würde ich daher die rein deutsche Filiale wählen. Die Einrichtungen sind alle sehr ähnlich, nur dass diese ohne Englisch ist und näher bei uns liegt. Mein Mann ist beim Thema Bildung allerdings etwas fixiert. Ihm ist es sehr wichtig, dass unser Kind möglichst früh jede denkbare Förderung bekommt.


Mumpel

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Hallo! Ein Kollege von mir stand vor einer ähnlichen Frage. Die Mutter ist Engländerin, der Vater ist Russe und die Familie hat in Deutschland gelebt. An der Uni sind solche Konstellationen ja recht häufig. Das Kind hat alle drei Sprachen am Ende gut gesprochen.


JoMiNa

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Es ist nur meine persönliche Meinung, aber ich denke nicht, dass von dem Englisch in der Kita viel hängen bleiben wird. Klar, ein paar Lieder, Reime, Wörter und eventuell eine positive Einstellung zur Sprache. Aber einige wenige Stunden pro Woche (die englischsprachige Erzieherin wird sich nicht nur deinem Kind widmen, auch mal krank sein usw.) werden nicht dazu führen, dass dein Kind die Sprache so lernt, dass es später z.B. in der weiterführenden Schule oder im Beruf davon einen Vorteil hat. Daher finde ich die wichtigste Frage, ob die Grundschule denn auch bilingual ist, bzw. Englisch als Schwerpunkt hat? Wie sicher ist es überhaupt, dass ihr so lange in dem Viertel bleibt und euch die Privatschule auch in ein paar Jahren leisten könnt? Ich denke, ihr solltet die Kitas und die Rahmenbedingungen dort genauer anschauen. Für ein Kind von 1,5 Jahren ist es wichtig, dass es Vertrauen aufbauen kann, es sich sicher aufgehoben fühlt usw. Praktische Aspekte wie Nähe zum Wohnort sind auch nicht zu unterschätzen.


Anna_94

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Danke für deine Meinung! Wie Frau Henkes schon richtig erkannt hat, ist hier definitiv auch unser eigener Ehrgeiz im Spiel. Es ist ziemlich sicher, dass wir in diesem Viertel wohnen bleiben, da wir die Wohnung gekauft haben – also auf jeden Fall so lange, bis der Kredit abbezahlt ist. Und selbst wenn wir irgendwann umziehen sollten, käme für mich nur dieser Bezirk infrage, da er mir in der Stadt einfach am besten gefällt. Finanziell sollte das ebenfalls kein Problem sein. Trotzdem verstehe ich nicht, warum ich jeden Morgen mein Kind mit dem Auto in eine entgegengesetzte Richtung zu meinem Arbeitsplatz fahren muss, dort einen Parkplatz suchen soll, obwohl wir die gleiche Kita, nur ohne Englisch, in zehn Minuten zu Fuß erreichen könnten. Dazu kommt, dass ich mein Kind ungern zu einem Versuchskaninchen machen möchte, um zu sehen, ob es drei Sprachen schafft oder nicht. Warum muss man Englisch schon mit 1,5 Jahren lernen, wenn sie es auch problemlos später in der Schule lernen kann? Schließlich habe ich selbst erst mit 25 angefangen, Deutsch zu lernen, und spreche die Sprache heute den ganzen Tag im Job, mit Freunden und überall – ganz ohne Probleme. Mein Mann ist jedoch sehr auf eine bilinguale Kita fixiert, und ich kann ihn einfach nicht umstimmen. Vielleicht bitte ich die Kita-Leiterin, einmal mit ihm zu sprechen.


Poan

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Ich kann nur meine Erfahrung sagen.  Ich war in Holland Aupair. Die Kinder sind zweisprachig aufgewachsen.  Papa hat nur Englisch geredet und die Mutter nur Niederländisch.  Dazu haben alle 5 Hebräisch gelernt.  In Wort und Schrift . Im Kindergarten war Niederländisch Umgangssprache.  Hat super funktioniert , die Kinder konnten 3 Sprachen und haben durch mich und Oma auch noch etwas Deutsch gelernt.  Nützt euren Vorteil der zwei Sprachen auf alle Fälle.  


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