Liebe Frau Henkes, ich würde Sie gerne um eine Einschätzung zu meinem 4½-jährigen Sohn bitten, weil mich sein Verhalten zunehmend beschäftigt. Mein Sohn ist ein ausgesprochen kluges, wissbegieriges Kind mit einem sehr großen Wortschatz. Er kuschelt gern, liebt Bücher und Geschichten und Rollenspiele , ist witzig und sehr genau. Er ist sehr gefühlsstark und er beobachtet Menschen sehr genau und hat meiner Wahrnehmung nach sehr feine Antennen dafür, wie andere Menschen sich fühlen und welche Reaktionen von ihm erwartet werden. Schon beim Start im Kindergarten hatte er zunächst deutlich mit Trennungssituationen zu kämpfen. Auch heute ist er in neuen Situationen sehr schüchtern. Wenn wir beispielsweise zu einem Kindergeburtstag eingeladen sind, bleibt er oft etwa 45 Minuten eng bei mir und löst sich nur langsam, auch wenn dort viele andere Kinder sind.  Vor etwa einem Jahr kam bei mir erstmals der Gedanke auf, dass er möglicherweise besonders sensibel bzw. reizoffen sein könnte, weil er Situationen und Menschen sehr intensiv wahrnimmt und viel beobachtet. Ich weiß allerdings nicht, ob diese Einschätzung überhaupt zutrifft. Im Kindergarten spielt er durchaus mit zwei oder drei Kindern, häufig aber auch alleine und überwiegend mit den Betreuerinnen. Grundsätzlich orientiert er sich eher an Erwachsenen. Sehr schwierig sind für uns Spieldates mit Kindern, die er bereits kennt. Fast jedes Spieldate kommt mit in einem massiven Wutausbruch einher. Es kommt zu lautem Schreien, Streit, Aggression und letztens sogar einmal zu körperlichem Hauen. Dazu kommen teilweise sehr gemeine Kommentare gegenüber dem anderen Kind (die ja eigentlich seine Freunde sind). Die Eskalationen sind teilweise so heftig, dass ich solche Treffen inzwischen als sehr belastend empfinde und sie am liebsten vermeide. Was mich besonders beschäftigt, ist sein Umgang mit dem Schmerz anderer: Bei einem Spieldate stolperte das andere Mädchen und hatte sich wehgetan -  mein Sohn hat gegrinst und gelacht. Später sagte er sinngemäß, er habe sich „schlappgelacht“, weil das Mädchen sich wehgetan habe. Als ich ihm erklärte, dass ich nicht möchte, dass er lacht, wenn sich jemand verletzt, und dass wir in solch einer Situation helfen und mir das Mädchen leidtut, sagte er zunächst „das arme Mädchen“, fügte aber sofort hinzu: „Mama, ich sag das nur, weil du das willst.“ Zusätzlich beschäftigt mich sein Umgang mit unseren Katzen. Er ist häufig grob zu ihnen. Vor kurzem ist er einer Katze absichtlich auf die Pfote getreten. Ich habe ganz klar kommuniziert, dass das nicht akzeptiert wird. Tage später sperrte er die Katze in eine Truhe ein. Unnötig zu erwähnen dass ich auch danach wieder lang und breit erklärt habe, dass wir so etwas nicht machrn und wir niemanden verletzen. Was mich insgesamt verunsichert, ist dieser Gegensatz: Er selbst empfindet sehr starke Gefühle – er freut sich enorm, lacht viel und kann auch extrem wütend werden. Bei anderen habe ich dagegen manchmal den Eindruck, dass er deren Gefühle zwar sehr genau erkennt, aber emotional nicht wirklich davon berührt ist. Ich merke inzwischen, dass mich das Ganze sehr beschäftigt und ich mich zunehmend frage, ob hinter diesem Verhalten mehr steckt oder ob ich bestimmte Dinge falsch gemacht habe. Mich würde daher sehr Ihre fachliche Einschätzung interessieren: Wie würden Sie dieses Gesamtbild bei einem 4½-jährigen Kind einordnen? Was könnte hinter einem solchen Verhalten stehen? Und was kann ich tun? Vielen Dank für Ihre Zeit und Ihre Einschätzung. Liebe Grüße Valentina