TatsächlichLiebe
Guten Tag Frau Henkes, mein gerade 3-Jähriger hat im Kiga eine Korkplatte für ein Hämmerspiel in 20 Stücke gebrochen, während aufgeräumt wurde. Er ist noch in der Eingewöhnung, steht also noch unter besonderer Aufsicht, bleibt aber schon den ganzen Tag. Mir wurde beim Abholen eine Tüte mit den Stücken der Korkplatte übergeben mit dem Auftrag, das vielleicht nochmal zu Hause zu besprechen mit ihm. Ich fragte sofort, wie es denn aber sein konnte, dass er unbemerkt so viele Stücke abgebrochen hat. Es hieß, es sei so schnell gegangen. Natürlich haben wir das mit dem Kind besprochen, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich mich, wie „schuld“ mein Kind wirklich sein kann. Vielleicht wusste er auch gar nicht, was das war. Im ersten Moment dachte ich, das sei eine Tüte Brot…Oder ob er nun eine solche Platte von einem Blatt Papier unterscheidet? Vielleicht gefiel ihm auch das Gefühl oder Geräusch beim Zerbrechen. Er kann sich dahingehend nicht so gut mitteilen, was er dachte und warum er das gemacht hat. Was er und sein Bruder, der in dieselbe Einrichtung geht, aber einstimmig erklärten, war, dass der Erzieher gesagt habe, die Mama müsse das jetzt bezahlen. So etwas habe ich schonmal im Kiga mitgehört in solch einer Situation und finde das irgendwie nicht okay. Zum einen muss ich das gar nicht bezahlen (wir sorgen natürlich für Ersatz, ich werde aber klar kommunizieren, dass das nur geschieht, weil wir nicht in der materiellen Schuld des Kiga stehen wollen, aber bestimmt nicht, weil wir haften müssten), zum anderen frage ich mich, welche Lehre ein 3-Jähriger von dieser unwahren Behauptung ziehen soll. Und der Große…was wäre, wenn wir zu Hause von finanziellen Engpässen sprechen würden? Wie unruhig könnte ein größeres Kind werden, wenn ihm so ein Schmarrn aufgetischt würde? Was meinen Sie? Ist der 3-Jährige hier wirklich als Schuldiger zu sehen? Können Sie irgendeinen pädagogischen Nutzen erkennen, den Kindern zu sagen, hier müsse von den Eltern gehaftet werden, obwohl das nicht stimmt? Ich möchte den Ersatz gerne mit ein paar Worten dazu wie ich den Umgang mit dem Fall sehe übergeben und freue mich über eine professionelle Einordnung. Vielleicht liege ich ja auch falsch und habe zuviel Verständnis für das Verhalten meines Kindes? Vielen Dank
Guten Tag, Dreijährige können noch keine Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Dementsprechend tragen sie keine Schuld und können und sollten sich auch noch nicht schuldig fühlen. Ihr dreijähriger Sohn kann Ihnen auch noch nicht erklären, was er gedacht hat oder warum er das gemacht hat. Damit ist ein Dreijähriger überfordert. Sie können mit ihm besprechen, dass er keine Sachen mehr kaputt machen darf, mit denen er oder andere Kinder noch spielen wollen. (Das wird dann möglicherweise trotzdem noch einige Male passieren. Es handelt sich schließlich um einen Lernprozess.) Sie sollten einen eventuellen Ersatz nicht in Anwesenheit einer Ihrer Söhne leisten. Sie könnten lernen, dass es nicht schlimm ist, etwas kaputt zu machen, weil man Sie ja Ersatz leisten. Einen pädagogischen Nutzen in der behaupteten Bemerkung des Erziehers kann ich nicht erkennen. Ein Dreijähriger hat keinerlei Vorstellung davon, dass eine Kostenübernahme die Eltern schädigen könnte. Diese Vorstellung sollte ihm zudem nicht vermittelt werden. Moralvorstellungen können in diesem Alter nicht so weit entwickelt sein, dass ein Kind einen Nutzen daraus ziehen und verstehen könnte, seinen Eltern nicht zu schaden. Solche Bemerkungen tendieren in der Regel dazu, den Eltern als Geschädigten eine Bestrafung des Kindes zu übertragen. Wenn Ihre Kinder befürchten, dass die Äußerung des Erziehers stimmt, sollten Sie ihnen deutlich vermitteln, dass dies nicht stimmt. Falls der Erzieher das wirklich gesagt haben sollte, muss er dann in Kauf nehmen, dass seine Position bei den Kindern dadurch geschwächt wird, dass er ihnen Unsinn erzählt. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Ingrid Henkes
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