Hebamme Martina Höfel

Hebamme

Martina Höfel

   

 

Zum Einschlafen Stillen bzw. Tragen?

Liebe Frau Höfel,

unser Sohn ist nun 3,5 Monate alt und wurde bisher meist zum Einschlafen gestillt. Oftmals ist er beim Stillen eingeschlafen oder aber ich habe ihn bewusst gestillt und auch an der Brust (ca. 5-30 Min.) nuckeln lassen, um ihn auf diese Weise zum Einschlafen zu bringen. Anschließend habe ich den Kleinen an der entsprechenden Stelle im Elternbett oder auf der Couch liegen lassen, um ein Hochheben und Aufwachen des Babys zu vermeiden. Allerdings trinkt der Kleine inzwischen seltener bzw. schläft nicht immer dabei bzw. danach ein. Teilweise verweigert er abends sogar die Brust und dreht den Kopf weg, weil er wohl keinen Hunger hat.
Da das Einschlafen nach dem Ablegen im Elternbett oder Beistellbett nicht funktioniert und (vor allem abends) bereits das Ablegen zum Schreien führt, haben wir vor 2-3 Wochen damit begonnen, den Kleinen so lange umherzutragen bis er eingeschlafen ist und ihn dann erst in das Elternbett oder in das Beistellbett zu legen wenn er fest eingeschlafen ist.
Allerdings haben mir eine Freundin als auch die Kinderärztin davon abgeraten, den Kleinen zum Einschlafen umherzutragen, da er sich zu sehr daran gewöhnen würde und dann nicht mehr anders einschlafen würde.
Daher meine beiden Fragen an Sie.
1. Ist es in Ordnung, den Kleinen dort liegen zu lassen, wo er gestillt wurde? Ich befürchte, dass dies bereits zu einer Angewohnheit geworden ist und er sich dann in einigen Monaten nicht mehr in sein eigenes Bett (ab)legen lassen wird.
2. Sollten wir das Herumtragen zum Einschlafen meiden? Bisher legen wir ihn ja schlafen in das Elternbett oder das Beistellbett. Sollte der Kleine lieber wach ins Bett gelegt werden und der zu erwartetende (heftige) Protest mit Ablenkung (Spieluhr, Spielzeug) und Streicheln versucht werden zu mildern?

Ich danke Ihnen für Ihre Antwort!

von nic29 am 19.08.2014, 13:38 Uhr

 

Antwort:

Zum Einschlafen Stillen bzw. Tragen?

Liebe nic,

irgendwie hat es sich immernoch nicht herum gesprochen, dass Säuglinge keine kleinen Erwachsenen sind!

1. Ist es in Ordnung, den Kleinen dort liegen zu lassen, wo er gestillt wurde? Ich befürchte, dass dies bereits zu einer Angewohnheit geworden ist und er sich dann in einigen Monaten nicht mehr in sein eigenes Bett (ab)legen lassen wird.

Dass Ihr KInd sich nicht ablegen läßt, liegt schlicht und einfach daran, dass Ihr KInd allein ist, sobald Sie aus seinem Blickfeld verschwunden sind! Und Alleinsein bedeutet Gefahr und Irritiertsein!

2. Sollten wir das Herumtragen zum Einschlafen meiden? Bisher legen wir ihn ja schlafen in das Elternbett oder das Beistellbett. Sollte der Kleine lieber wach ins Bett gelegt werden und der zu erwartetende (heftige) Protest mit Ablenkung (Spieluhr, Spielzeug) und Streicheln versucht werden zu mildern?

Kann es sein, dass das Wort verwöhnen fiel?

"Alleine einschlafen können" hat mit der Reifung des Gehirns.

Was Ihr Sohn erfahren hat: da ist Wärme, da ist vertraute Stimme, da ist vertrauter Geruch, da ist Nahrung, da ist Sicherheit - da kann ich in den Schlaf gleiten.

Mal ehrlich: was würden Sie sagen, wenn Ihr Mann sagen würde. Deine Kuschelei mit mir ist nach wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht nötig. Du musst lernen alleine (ein)zuschlafen. Sie würden Ihrem Mann einen Vogel zeigen!!!!! Ihr Kind ist erst drei Monate alt!

Der Tipp kann nur heißen: tragen, tragen, tragen und da sein und gelassen bleiben!

Wenn Sie nach New York ziehen, dann würden Sie sich zu Anfang völlig unsicher fühlen (Angst haben, heulen, sich ungerecht behandelt fühlen), wenn Sie sich nach 3 Wochen auf einmal irgendwo in der Stadt wiederfinden würden! Klar, Sie würden sich dann umschauen und gucken, ob Sie irgendetwas wiedererkennen - Ihr Kind kann das nicht, denn es kann nur einen kurzen Radius scharf sehen! Da gilt: aus dem Auge - aus dem Sinn - Verlassensein!
Und Sie würden in New York nach dem Weg fragen - Ihr Kind kann das nicht - es weiß gar nicht, was ein Weg ist!

Ihr Kind schläft auf dem Arm (in Sicherheit) oder vom Schaukeln des Kinderwagens (bekannte Bewegung) ein und wacht im Bett auf - da würde ich auch schreien! Ihr Kind ist irritiert.
Irritiert, weil es auf dem Arm einschläft, aber an einer anderen Stelle wieder aufwacht! Das Kind weiß nämlich nicht, dass Sie es dort abgelegt haben!
Wenn Sie vor dem Fernseher einschlafen und im Bett aufwachen, dann wissen Sie, dass Ihr Mann so nett war........Ihr Kind kann das nicht einordnen.

Deshalb fühlt es sich im Moment auf Ihrem Arm am wohlsten und das ist gut (und völlig normal) so!

Sicher können Sie sich noch erinnern wie es war als Sie Ihren Freund/ Ihren Mann kennengelernt haben! Da war schmusen, anschauen, knuddeln, knutschen, "zusammenkleben" angesagt - am liebsten hätte man sich doch überhaupt nicht losgelassen, oder?

Und so geht es im Moment Ihrem Kind! Ihr Kind war 9 Monate im Bauch - und da herrscht eine wahnsinnige Geräuschkulisse, da ist richtig Krach! Diesen "Krach" inform von Herzschlag und Darmgeräuschen sucht Ihr KInd, um sich in Sicherheit zu wiegen, deshalb ist Tragen angesagt.

Fiel vielleicht das Wort verwöhnen? Fragen Sie doch mal die anderen Leute, ob sie gerne verwöhnt werden!

Ein paar Beispiele (ohne Ansehen der Person):
Mag Ihr Freund es, wenn man ihn verwöhnt? Ein paar Schnittchen für die Kumpels und ihn beim Fernseh-Fußball-Abend? Abends eine warme Mahlzeit? Rücken eincremen nach dem Baden? Das Bier holen, obwohl er selber gehen kann? Kuscheln vorm Fernseher? DAS ist Verwöhnen!

Mag Ihre (Schwieger)mutter es, wenn Sie Ihr aufmerksam zuhören? Wenn Sie Ihr zum Kaffee den Tisch nett richten? Mal eine kleine Aufmerksamkeit und sei es nur das Bemerken der neuen Frisur? DAS ist verwöhnen!

Mag Ihre Nachbarin es, wenn Sie die Tageszeitung von unten mit hochbringen etc....... usw.!

Fragen Sie mal Ihren Freund, wie es ihm gehen würde, wenn er von der Arbeit käme (nachdem er sich über die Kollegen geärgert hat und der Tag sowieso mies war) und Sie würden ihm einen großen Stopfen in den Mund schieben und ihn hin und her wiegen und ihm sagen: Schscht, ist alles gut! Schlaf ein bisschen......... oder geh nach nebenan und brüll da vor Dich hin! *grins*

Oder wenn Ihre (Schwieger)mutter das Neueste erzählen will und Sie hören gar nicht hin, sondern telefonieren mit der Freundin!

Kollegin Andrea hat es einmal ganz treffend ausgedrückt:
"Verwöhnen" hat in Deutschland leider, speziell wenn es um Kinder geht, einen unguten Beigeschmack. Dabei wünscht sich doch eigentlich jeder, "verwöhnt" zu werden, denn in Wirklichkeit ist das ja nichts anderes als besonders umsorgt werden, jeden Wunsch von den Augen abgelesen zu bekommen, einfach das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. In diesem Sinne "verwöhnst" Du Dein Kind, und das braucht es auch und es ist richtig, was Du tust.
Was die "anderen Seiten" betrifft, die davor warnen (woher wissen die eigentlich um Deinen Tagesablauf?): sie meinen "verziehen", d.h. maßlosen Wünschen nachgeben, unsinnige Dinge erlauben etc. und ist etwas ganz anderes.
Genieße die kostbare Zeit mit Deinem Neugeborenen, "verwöhne" es nach Strich und Faden und laß Dich aber auch selber verwöhnen (Du bist ja auch noch im Wochenbett!). Es wird sich ganz sicher im Laufe der Zeit ein Familienrhythmus ergeben, der allen Beteiligten gerecht wird. Alles Gute!"

Hier noch ein Brief einer anderen Forums-Nutzerin
"es gibt solche Babys, meiner war auch so einer. Ich habe mir das Buch „Das 24-Stunden-Baby" von Dr. William Sears zugelegt - hier stehen so manche hilfreiche Erklärungen und auch Tipps.
Zusammenfassend kann man sagen: das Einzige was hilft sind TRAGEN und/oder STILLEN und das rund um die Uhr und es ist das Beste was Du für Dein Baby tun kannst. Keine Bange, Du verwöhnst Dein Baby damit nicht, Du erfüllst nur seine existentiellen Bedürfnisse.
(Ich habe mal den schlauen Satz gelesen ..."und glauben Sie nicht, dass Sie ihrem Baby damit irgendeine besondere Gunst erweisen. Getragen und Gestillt zu werden ist für ihn lediglich der Normalzustand."
Nachdem ich das begriffen hatte wurde mein Leben einfacher. (Auch wenn das Tragen selbst natürlich anstrengend war)

Unser Sohn wurde die ersten 3 Monate seines Leben quasi nicht mehr abgelegt, sondern er schlief und wachte nur in meinen Armen - und wenn ich zu müde wurde, übernahmen ihn andere hilfreiche Hände. Ein Freundin hat das mal folgendermaßen genannt - "Euer Sohn schläft nur auf Körpern, grins).
Nachdem er jedenfalls begriffen hatte, dass er sich felsenfest darauf verlassen kann wurde er fast schlagartig zufrieden.
Heute mit 11 Monaten ist er ein heiteres, gelassenes Baby, dass sich sicher sein kann, dass wir alles versuchen, seine Bedürfnisse zu erfüllen und damit in sich selbst ruht.

Ich kann Euch nur wünschen, dass Ihr Euren Weg findet,
LG Joshi"

Bleiben Sie gelassen und tragen Sie Ihr Kind - das gibt ihm soviel Sicherheit.

Ein gut gebundenes Kind wird im Leben immer sicher sein. Aber um dieses "gut-gebunden-sein" zu erreichen bedarf es Jahre! Jahre, in denen dem Kind immer wieder signalisiert wird: ja, ich bin da! Ja, hier bist Du sicher! Ja, komm her, egal, was Du hast!

Dann kann ein Kind sich der Welt zuwenden.

Was wir immer vergessen: unsere Kinder sind noch nicht fertig, wenn sie geboren werden. Unsere Schwangerschaft ist zu kurz! Wir müßten ca. 2 Jahre schwanger sein, damit unsere Kinder sich alleine ernähren könnten (also Essen greifen und essen), kurz nach der Geburt aufstehen und loslaufen könnten (Gefahr entrinnen) und in kürzester Zeit kommunizieren könnten."

Liebe Grüße
Martina Höfel

von Martina Höfel am 19.08.2014

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