Liebe Frau Hennes ,  ich würde gerne einmal deine Einschätzung zu meinem Sohn (7 Jahre) bekommen. Mein Sohn hat schon immer große Schwierigkeiten, über belastende Gefühle oder Situationen mit uns Eltern, aber auch mit Erzieherinnen bzw. Lehrern zu sprechen. Dieses Verhalten besteht eigentlich, seit ich denken kann, und war bereits im Kindergarten ein Thema, das auch den Erzieherinnen aufgefallen ist. Gleichzeitig ist er überhaupt kein sozial zurückgezogenes Kind. Er hat einen großen und festen Freundeskreis – sowohl in der Schule als auch im Hort und weiterhin mit einigen ehemaligen Kitafreunden. Er geht sehr gerne in die Schule und liebt den Hort. Auch grundsätzlich geht er gerne auf andere Kinder zu und hat Freude an sozialen Kontakten. Das Problem zeigt sich vor allem dann, wenn etwas Belastendes passiert, insbesondere wenn andere Kinder ihn ärgern, schubsen, schlagen oder ihm gegenüber körperlich werden. Dann macht er die Situation offenbar mit sich selbst aus und holt sich nicht von alleine Hilfe. Wenn ihm etwas passiert, merkt man häufig, dass es ihn beschäftigt. Er unterdrückt aber das Weinen, zieht sich zurück und versucht, die Situation für sich zu behalten. Wenn wir merken, dass etwas nicht stimmt und ihn vorsichtig darauf ansprechen, fängt er oft an zu weinen. Gleichzeitig fällt es ihm sehr schwer, zu erklären, was passiert ist oder warum es ihm schlecht geht. Die Situation scheint ihm dann sehr unangenehm oder peinlich zu sein. Er wird teilweise regelrecht aufgebracht und möchte nicht, dass wir weiter nachfragen. Wir versuchen ihm immer wieder zu vermitteln, dass er uns alles erzählen kann, dass er keinen Ärger bekommt und dass es nicht in Ordnung ist, wenn andere Kinder ihn schlagen oder ärgern. Wir sagen ihm auch, dass er jederzeit zu uns, zu Erzieherinnen oder Lehrern gehen und Hilfe holen darf. Trotzdem scheint er diese Möglichkeit in der Situation selbst kaum zu nutzen. Ein Beispiel, das mich bis heute beschäftigt: Vor ungefähr zwei Jahren wurde er auf einem Spielplatz von fremden Kindern in einem Spielschiff offenbar ziemlich heftig verprügelt. Ich saß zu diesem Zeitpunkt nur etwa 4–5 Meter entfernt im Gras. Ich hatte keine Ahnung, was dort gerade passiert. Nach ungefähr 10–15 Minuten bin ich aufgestanden, um nachzusehen, was mein Sohn macht. Er kam nicht zu mir und hat auch nicht erzählt, dass etwas passiert war. Erst später, als ich genauer nachfragte, bekam ich überhaupt heraus, dass er von den Kindern geschlagen worden war. Zu diesem Zeitpunkt waren die betreffenden Kinder natürlich schon längst verschwunden, sodass ich keine Möglichkeit mehr hatte, die Situation mit ihnen oder ihren Eltern zu klären. Erst als wir später den Sand von ihm abgeduscht hatten, haben wir zahlreiche Blutergüsse am Rücken, Hals und sogar im Gesicht gesehen. Besonders erschrocken hat mich, dass er trotz des Weinens (eher still vor sich hin geweint und gemurmelt) offenbar nicht zu mir gekommen ist, obwohl ich nur wenige Meter entfernt saß. Auch im Hort ist kürzlich etwas Ähnliches passiert. Er wurde auf der Hochebene offenbar von drei Jungen verprügelt. Leider hat es dort niemand mitbekommen. Abends habe ich seine blauen Flecken bemerkt und ihn darauf angesprochen. Daraufhin hat er mir zwar schließlich erzählt, was passiert war, aber sobald ich weiter darüber sprechen wollte, zeigte sich wieder das bekannte Verhalten: Er wurde emotional, wollte nicht weiter darüber sprechen und hat sehr deutlich abgewehrt, dass ich nachfrage. Auch bei einem Schulfest haben ältere Kinder ihn geschubst. In diesem Fall kam glücklicherweise ein Klassenkamerad anschließend zu mir und berichtete mir davon. Mein Sohn stand daneben und hat es erst auf meine Nachfrage bestätigt. Für ihn war die Situation ebenfalls sichtlich unangenehm. Ich habe die betreffenden Jungen daraufhin direkt angesprochen und ihnen deutlich gesagt, dass dieses Verhalten nicht in Ordnung ist. Seit mittlerweile zwei Jahren geht er zum Kickboxen. Wir hatten damals auch die Hoffnung, dass es ihm mehr Selbstvertrauen und Sicherheit geben könnte. Er liebt das Training sehr und geht gerne hin. An seinem grundsätzlichen Verhalten in solchen Situationen hat sich dadurch allerdings nichts verändert. Was mir dabei zunehmend Sorgen macht, ist weniger, dass er nicht gerne über seine Gefühle spricht. Ich mache mir vielmehr Gedanken darüber, dass er in einer Situation, in der jemand seine Grenzen überschreitet, möglicherweise nicht „Stopp“ sagen, sich nicht wehren oder keine Vertrauensperson um Hilfe bitten kann – und zwar auch dann nicht, wenn tatsächlich etwas Ernstes passiert. Wir haben ihm natürlich erklärt, dass er sich nicht körperlich mit anderen Kindern auseinandersetzen muss und dass er sich immer Hilfe holen darf. Trotzdem scheint es ihm in der konkreten Situation sehr schwerzufallen, entsprechend zu handeln. Ich frage mich deshalb, warum dieses Verhalten so ausgeprägt ist und schon seit seiner frühen Kindheit besteht, obwohl er ansonsten sozial gut integriert ist, viele Freundschaften hat und gerne mit anderen Kindern zusammen ist. Kann es beispielsweise mit Scham, Angst, Konfliktvermeidung oder einer Schwierigkeit zusammenhängen, in belastenden Situationen Gefühle und Erlebnisse sprachlich auszudrücken? Könnte es sein, dass er in solchen Situationen eine Art „Freeze“-Reaktion zeigt und deshalb nicht in der Lage ist, aktiv Hilfe zu holen? Oder gibt es andere Dinge, auf die wir achten sollten? Und vor allem: Wie können wir ihn konkret dabei unterstützen, in solchen Situationen handlungsfähiger zu werden, ohne ihn zusätzlich unter Druck zu setzen oder ihm das Gefühl zu geben, dass mit ihm etwas nicht stimmt? Vielen Dank für deine Einschätzung!