Herzenswunsch⁴
Guten Morgen Frau Henkes. Unsere Tochter wird im Frühjahr 7 und wurde im August letzten Jahres eingeschult. Sie war bis dato ein sehr angepasstes (für unseren Geschmack immer zu angepasst) Kind und hat sich in der Kita konsequent unterbuttern lassen. Das ist auch den Erzieherinnen aufgefallen. Wir haben vor allem vor Schuleintritt alle zusammen ganz aktiv daran gearbeitet, dass sie sich Grenzen setzt und insbesondere ihrer damals besten Kitafreundin auch mal kontra gegeben hat. Zuhause war sie bis vor ein paar Monaten ein sehr ausgeglichenes, aufgeschlossenes und trotzdem eher vorsichtiges Kind. Ist nie groß aus der Reihe getanzt. (Natürlich haben wir auch hier und da diskutiert, was ja völlig normal ist) Wir leben hier völlig gewaltfrei, mein Mann und ich führen eine sehr harmonische, gleichberechtigte Beziehung und wir haben hier bis zuletzt sehr friedlich alle eine schöne Zeit gehabt. Seit ein paar Wochen scheint bei unserer Tochter irgendwie ein Schalter umgelegt. Sie fühlt sich schnell angegriffen, wird dank schnell sehr ausfallend, geht (leicht) tretend und hauend auf uns zu, beschimpft uns und heute Morgen hat sie noch nach uns gespuckt. Wir bleiben sehr lange ruhig und versuchen wie vorher mit ihr zu reden. Keine Chance. Sie hält sich die Ohren zu und schreit sie möchte nichts hören. Wir sind völlig irritiert, kennen das Verhalten weder von uns untereinander, geschweige denn von ihr. Aus der Situation gehen ist für uns leider auch nicht möglich, denn sie folgt uns und zieht ihr Ding durch. Irgendwann halten wir sie dann bestimmt, aber nicht verletzend fest, weil sie uns auch wehtut. Zur Zeit bin ich schwanger und habe wirklich Angst, dass da unbeabsichtigt mal eine Faust im Bauch landet. Sie wirkt wie ausgeschaltet. Erst wenn wir irgendwann vor lauter Verzweiflung (was hilft denn in diesen Momenten? Wir können sie ja auch nicht wegsperren) laut werden und klar und deutlich machen, dass hier kein Platz für solche Beschimpfungen und Gewalt ist und sie dabei festhalten -sie tritt ja weiter um sich- wird sie ruhiger. Sie möchte in diesen Momenten weder in den Arm genommen werden, noch mit uns sprechen. Wir kommen einfach nicht ran. Diese Wutausbrüche hat sie ca. 4x pro Woche derzeit. Wir besprechen es hinterher immer alles mit ihr, wenn sie sich beruhigt hat und sie kann uns selbst nicht erklären warum sie sich so verhält. Wir haben sie schon nach Problemen in der Schule oder mit Freunden gefragt. Da sei alles okay. Sie ist eine sehr gute Schülerin, fällt in der Schule absolut positiv auf und erledigt ihre Hausaufgaben Zuhause schnell und sorgfältig. Wir können uns keinen Reim darauf machen, was zur Zeit los ist und sind mit unserem Latein ziemlich am Ende. Sie war bisher von ihren Geschwistern selbst im Kleinkindalter total unkompliziert und freundlich. Jetzt können wir sie nicht mehr mit Samthandschuhen anfassen. Mangelnde Impulskontrolle war nie, wirklich absolut nie ein Thema für sie. Doch jetzt scheint sie da irgendwie reingerutscht zu sein. Was können wir denn tun, um ihr und ehrlich gesagt auch uns das Leben etwas zu erleichtern? Sie weiß, dass es nicht richtig ist zu hauen. In solchen Momenten ist sie aber wie gesagt völlig abgeschaltet. Das passiert nur bei uns Zuhause. Sie ist ansonsten ein tolles Mädchen, mit der wir ganz viel Spaß haben und sie freut sich auf die kleine Schwester und geht gerne zur Schule. Es gibt diese eine Freundin, die immernoch existiert und gerne die Hosen an hat. Unserer Meinung nach ist unsere Tochter aber in letzter Zeit "ebenbürtig" geworden und lässt sich von ihr nicht mehr so schnell in die Schranken weisen. Wie genau es aber in der Schule läuft untereinander weiß ich nicht. Sie erzählt auch auf Nachfrage eher knapp aus der Schule und dort sei eigentlich immer alles gut.
Guten Tag, da es nach Ihren Angaben keinen äußeren Anlass für das veränderte Verhalten Ihrer Tochter gibt, kann ich aus der Distanz nur vermuten, was ein Auslöser gewesen sein könnte. Dass Ihre Tochter sich aktuell sehr schnell angegriffen fühlt, kann ein Hinweis auf ein noch schwaches Selbstwertgefühl sein. Das könnte auch die Ursache für das frühere Angepasstsein gewesen sein. Möglicherweise merkt Ihre Tochter jetzt in der Schule deutlicher, dass andere Kinder durchsetzungsfähiger sind und ein anderes Auftreten zeigen. Daraus resultierende Frustrationen können zu Wut und aggressiven Impulsen führen. Ihre Tochter muss noch lernen, diese Impulse sozial angemessener zu integrieren. Nach Ihrer Beschreibung gehen Sie sehr angemessen mit dem schwierigen Verhalten Ihrer Tochter um. Reden nutzt in solchen Situationen meistens nicht. Klares elterliches Handeln, wie das Festhalten, sind hilfreicher. Ihre Tochter beruhigt sich ja auch, wenn Sie ihr den benötigten Halt geben. Bei körperlichen Angriffen können Sie Ihre Tochter auch in ihr Zimmer bringen. Sie sollte sicherlich nicht eingesperrt werden, aber Sie können vor der Tür sitzen bleiben und verhindern, dass sie aus dem Zimmer kommt, bevor sie sich beruhigt hat. Auch wenn Ihre Tochter aus der Schule nichts berichtet, könnte es sich lohnen, das Gespräch mit den Lehrer/innen zu suchen. Diese können eventuell Hinweise auf Anlässe geben, die zu dem beschriebenen Verhalten geführt haben. Sollte das Verhalten Ihrer Tochter über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben, könnte es sinnvoll sein, eine Psychodiagnostik vornehmen zu lassen, um die zugrundeliegenden psychischen Prozesse herauszufinden. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Ingrid Henkes
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