Nicole9
Liebe Biggi, mein Sohn ist 13 Monate alt. Ich habe immer vollgestillt, dann haben wir nach und nach die Beikost eingeführt und die Stillzeiten entsprechend reduziert. Das hat alles super geklappt. Unser Kleiner isst nun fleißig "Erwachsenenessen" :-) Ohne Stillen kann er allerdings abends nicht einschlafen und fordert das auch vehement ein. Seit kurzer Zeit wacht er auch nachts mehrmals auf und möchte an meiner Brust trinken. Ich würde so gerne abstillen, weiß aber einfach keinen Rat, wie wir das vorallem abends schaffen sollen. Der kleine Mann weint ununterbrochen, wenn ich versuche, ihn anderweitig in den Schlaf zu begleiten. Ich muss dazu sagen, dass er nicht so gerne kuschelt. Wir haben oft den Tipp bekommen, mit ihm zu kuscheln, da er wahrscheinlich meine Nähe braucht zum Einschlafen. Das funktioniert leider nicht. Auch mein Mann hat es schon oft versucht. Da er nicht nach Milch riecht, dachten wir, es könnte eventuell klappen. Er schreit dann aber nur wie am Spieß, bis er endlich von mir gestillt wird. Wir möchten ihn auch nicht so unglücklich machen und ihm gerne eine sanfte Entwöhnung ermöglichen. Wir sind soooo verzweifelt. Gibt es denn noch andere Möglichkeiten um abzustillen? Über eine Antwort freue ich mich. Liebe Grüße, Nicole
Liebe Nicole, es tut mir leid, dass es Dir schlecht geht mit der Situation und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sehr ich damals gehadert habe. Kann es sein, dass dein Kind einfach noch nicht reif genug ist, um ohne die Brust zurecht zu kommen? Ich bin überzeugt, dass bis auf die wenigen Ausnahmen, die extrem „pflegeleichte" Kinder haben jede Mutter diesen Punkt kennt, an dem du jetzt bist. Die Zweifel nagen und die Frage stellt sich „Will mein Kind mich nicht doch manipulieren?" Da es nicht nur jede Menge Menschen gibt, die der Meinung sind, dass ein Kind möglichst früh lernen muss „was Sache ist", sondern auch Bücher, die ein Kind vom ersten Lebenstag an als Wesen hinstellen, das nur darauf aus ist, mit den Eltern und ihren Bedürfnissen in Konflikt zu treten, ist es nur zu verständlich, dass sich alle Eltern, die nicht diesem Strom folgen, sondern einen anderen Weg im Umgang mit ihren Kindern suchen, in Zeiten besonderer Erschöpfung oder einfach dann, wenn auch noch andere Dinge das Nervenkostüm sehr dünn werden lassen, nachdenklich werden: ist unser Weg wirklich gut oder ziehe ich mir einen Tyrannen heran? Als dreifache Mutter von ebenfalls keineswegs immer „pflegeleichten" Kindern, kenne ich diese Gedanken nur zu gut. Doch inzwischen, wo mein ältester Sohn bereits ein Erwachsener ist, bin ich froh, nie auf die „andere Seite" übergelaufen zu sein. Ich bin überzeugt, dass der Weg, das Kind zu achten und auf seine Bedürfnisse einzugehen, richtig ist und das nicht nur, wenn ich mir meinen Großen anschaue (und mal wieder froh bin, dass er ungefragt dafür sorgt, dass die Blumen, die ich vergessen habe, gegossen werden, er für mich zum Tanken geht oder plötzlich mit einer Tasse Kaffee neben mir steht, weil „Du ihn jetzt sicher brauchen kannst"), sondern auch wenn ich andere Kinder und inzwischen Erwachsene erlebe, die in ähnlicher Weise erzogen wurden und ebenfalls fröhliche und in sich ruhende Menschen sind. Sicher gibt es auch in unserer Familie Konflikte und auch unsere Kinder hatten Pubertätskrisen, doch bis jetzt konnte ich immer auf ein festes Fundament unserer Beziehung vertrauen, das uns durch alle Krisen getragen hat und von dem ich mir wünsche, dass es weiter bestehen wird, auch wenn alle meine Kinder jetzt erwachsen sind. Ich schreibe das jetzt deshalb so detailliert, weil es mir ungemein geholfen hat, die älteren Kinder und Jugendlichen in den Familien von anderen LLL Stillberaterinnen zu erleben, als ich das Gefühl hatte, dass meine Kinder mich zuviel fordern und ich jetzt endlich auch mal wieder jede Nacht oder zumindest jede zweite schlafen will. Die Art, wie ein 16jähriger bei einem Regionaltreffen liebevoll ein völlig außer sich geratenes kleines Geschwisterkind in den Arm nahm und beruhigte, werde ich nie vergessen, obwohl es schon Jahre her ist. Für mich, war es damals ein ungeheures Erlebnis, einen Teenager zu sehen, für den es selbstverständlich war, so einen Umgang mit seinen kleinen Geschwistern zu pflegen und heute höre ich manchmal von anderen Müttern „toll, wie euer Großer das macht". Kannst du deinem Kind noch etwas Zeit schenken und noch ein paar Wochen abwarten? Es kann gut sein, dass dein Baby die Milch einfach noch braucht, doch oft ist es der Hunger nach körperlicher Nähe und Geborgenheit, den die Kleinen stillen, und das ist völlig natürlich und normal. In drei Monaten kann das ganz anders aussehen, darum mach dich bitte jetzt nicht verrückt deshalb. Erinnere dich daran, wie viel bisher in 3-Monatsschritten passiert ist. Du kannst jetzt mit vielen Tricks versuchen, die Situation zu verändern, aber es wird nur Stress und Tränen geben, denn dein Kind IST einfach in der Phase, in der es dich so viel braucht. Die unruhigen Tage und Nächte sind furchtbar anstrengend, daran kann ich mich auch noch gut erinnern. Trotzdem: Sie sind normal und werden garantiert irgendwann vorbei sein. Wann, kann ich leider nicht sagen. Aber sie gehen wirklich vorbei! Bis dahin kannst du probieren, dir den Alltag so einfach wie möglich zu machen, so dass auch du tagsüber mal ein kurzes Nickerchen machen kannst. In dieser Zeit verarbeiten Kinder vieles in der Nacht, und brauchen die Bestätigung, dass Mama ganz nah ist, und die beruhigende Milch, noch ziemlich. Es ist kein Rückschritt, wie es scheint, sondern zeigt, dass sich dein Kleines weiter entwickelt! Überlege dir auch einmal zu einem Stillgruppentreffen zu gehen und tausch dich dort mit den anderen Müttern aus. Vielleicht hast du sogar das Glück so wie ich vor Jahren, dass du dort Mütter oder eine Stillberaterin kennen lernst, die bereits ältere Kinder haben und du kannst miterleben, dass es sich lohnt noch etwas durchzuhalten. Eine Stillberaterin in deiner Nähe findest du im Internet unter http://wwwlalecheliga.de (La Leche Liga), http://www.afs stillen.de (Arbeitsgemeinschaft freier Stillgruppen) oder http://www.bdl stillen.de (Still und Laktationsberaterinnen IBCLC). Wenn du nun aber wirklich abstillen möchtest - was dein gutes Recht ist -, dann musst du absolut konsequent sein und bleiben. Ganz herzliche Grüße Biggi
Nicole9
Liebe Biggi, deine Antwort berührt mich sehr und tut so unglaublich gut. Vielen Dank für deine Worte. Ich habe das Ganze nie so richtig von der Seite betrachtet und kann jetzt viel besser verstehen, warum unser Kleiner so sehr daran hängt, von mir gestillt zu werden. Das gibt mir so viel neue Energie, das Stillen auch weiterhin durchzuhalten und unserem Kleinen die Nähe zu geben, die er braucht. Vielen, lieben Dank und alles Gute Nicole
Liebe Nicole, ich freue mich so sehr über deine Zeilen und danke dir dafür. Ich habe echt manchmal Sorge, dass ich übergriffig wirke oder kein Verständnis für müde Mütter habe.... Vielen lieben Dank! Biggi
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