Mitglied inaktiv
Sehr geehrte Frau Walter, ich befinde mich momentan in einem ziemlich großen Gewissenskonflikt. Meine Tochter ist 6,5 Monate alt und wird noch gestillt (morgens, vormittags, nachmittags). Sie erhält aber seit ca. 2 Monaten schon Beikost (Mittagsmenü, Obstbreie, Milchbreie, Tee). Einerseits bin ich mir der Vorteile des Stillens für meine Tochter und mich in vollem Umfang bewußt und empfinde es als eine sehr schöne Erfahrung, deren abruptes Ende ich mir zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht vorstellen könnte. Andererseits habe ich aber wiederum den Wunsch, baldmöglichst abzustillen. Ich habe durch die Schwangerschaft 10 kg zu viel Körpergewicht und möchte wieder Sport treiben, um konsequent etwas für meine Figur zu tun, um mir selbst und meinem Mann wieder zu gefallen. Für Anfang Mai haben wir mit unserem Baby eine Flugreise ans Mittelmeer geplant. Bis dahin wollte ich eigentlich wieder fit für "Bikini und Co." sein. Weiterhin habe ich bisher meine Regel noch nicht bekommen. Die Aussicht auf einen "normalen" Zyklus ist bei mir sehr gering. Verhütung kann demzufolge mit der Pille auch noch nicht erfolgen. Darüber hinaus habe ich aber das Problem, dass meine Familie, mit Ausnahme meines Mannes, das Stillen nicht unterstützt. Meine eigene Mutter stellt den Nährwert der Muttermilch in Frage, meine Schwiegermutter bezeichnet die Muttermilch als ein "ekliges, klebriges Zeug", "ähhhhh...., das sie anstelle meiner Tochter nicht trinken würde. Ich kann mich mit niemandem in meinem Umfeld realistisch und einfühlsam über die Stillthematik unterhalten. Wozu raten Sie mir? Vielen Dank im voraus.
? Liebe Anja, ich denke Ihr Problem liegt darin, dass Sie viele falsche Informationen haben. So spricht überhaupt nichts dagegen, dass Sie als stillende Mutter Sport treiben, im Gegenteil: stillende Frauen profitieren davon, Sport zu treiben, es ist wünschenswert, dass sie Sport treiben. Alle Blitz- und Modediäten sind in der Stillzeit absolut nicht empfehlenswert, doch das sind diese Diätformen generell nicht. Auch Trennkost ist in der Stillzeit nicht empfehlenswert, da das Risiko besteht, dass die Mutter in den Unterzucker fällt. Eine langsame Gewichtreduzierung ist prinzipiell vorzuziehen und die ist auch in der Stillzeit möglich. Wenn Sie sich ausgewogen ernähren, Ihre tägliche Kalorienzufuhr nicht unter 1800 kcal fallen lassen und sich die Gewichtsabnahme bei etwa 500 g pro Woche (2 kg pro Monat) bewegt, dann spricht nichts gegen eine bewusste Gewichtsreduktion in der Stillzeit. Zwei Kilogramm pro Monat klingt nach nicht sehr viel, doch langfristig ist eine Gewichtsabnahme in dieser Geschwindigkeit erheblich sinnvoller und vor allem auch erfolgversprechender, wenn es darum geht, die verlorenen Pfunde nicht sehr bald wieder drauf zu haben. Gerade im Urlaub ist nichts praktischer als ein gestilltes Baby. Ein Urlaub ist mit einem gestillten Kind um ein vielfaches bequemer als mit Flasche, künstlicher Säuglingsnahrung (die vorsichtshalber auch in ausreichender Menge mitgenommen werden sollte), dem Sterilisieren von Flasche und Sauger usw. zu hantieren. Außerdem müssen Sie bei einem Stillkind keine Sorgen um die Qualität des Wassers, um einen Stromanschluss und was sonst noch alles mit der Zubereitung von künstlicher Säuglingsnahrung zusammenhängt zu machen. Ein gestilltes Kind ist auch weniger anfällig für Infektionen aller Art, was ebenfalls ein nicht zu unterschätzender Vorteil gerade im Urlaub ist. Wenn Sie mit der Pille verhüten wollen, dann ist dies auch in der Stillzeit möglich. Es gibt Präparate, die mit dem Stillen zu vereinbaren sind. Zitat aus „Arzneiverordnung in Schwangerschaft und Stillzeit" Spielmann, Schaefer, 6. Auflage 2001: „Empfehlung für die Praxis: Reine Gestagenmonopräparate (Minipille) sind in der Stillzeit die oralen Kontrazeptiva der ersten Wahl. Verträgt die Mutter diese nicht, sind auch die heute üblichen, niedrigdosierten Kombinationspräparate (aus 0,035 mg Ethinylestradiol plus Gestagen) oder Gestagendepot akzeptabel. Etwa 6 bis 8 Wochen nach der Entbindung kann, falls erforderlich, mit der Einnahme hormonaler Kontrazeptiva begonnen werden." Sprechen Sie einmal mit Ihrer Frauenärztin/arzt darüber. Ganz generell denke ich, dass es eine sehr gute Idee wäre, dass Sie sich einer Stillgruppe anschließen, um sich die moralische Unterstützung zu holen, die Sie brauchen, um in Frieden weiterstillen zu können. Wenn Sie mir Ihren Wohnort mit Postleitzahl angeben, suche ich Ihnen gerne die nächstgelegene LLL-Stillberaterin heraus. Als Argumentationshilfe bei Mutter und Schwiegermutter hänge ich auch Ihnen die Zusammenfassung der neuesten Stillempfehlungen von WHO und UNICEF an, vielleicht hilft es ein wenig. LLLiebe Grüße Biggi Neue Empfehlungen von WHO und UNICEF zur Säuglingsernährung zusammengefasst von Denise Both, IBCLC Stillen gibt Babys den besten Start ins Leben. Schätzungsweise mehr als eine Million Kinder sterben jedes Jahr an Durchfall, Atemwegserkrankungen und anderen Infektionen, weil sie nicht angemessen gestillt werden. Viele weitere Kinder leiden an Krankheiten, die nicht aufgetreten wären, wenn diese Kinder gestillt würden. Wie ein Baby in den ersten Tagen und Monaten seines Lebens ernährt wird, hat eine entscheidende Bedeutung für sein späteres Leben. In dieser wichtigen Zeit wächst das Kind sehr schnell, braucht ein Höchstmass an Schutz vor Krankheiten und Infektionen sowie Mangelernährung, die Mutter-Kind-Bindung entsteht und die Grundlage für eine gesunde Lebensweise wird gelegt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Weltkinderhilfswerk UNICEF empfehlen daher: Ausschliessliches Stillen während der ersten sechs Monate Muttermilch ist die natürliche erste Nahrung für Babys und Babys sollten sechs Monate lang ausschliesslich gestillt werden. Muttermilch enthält alles, was ein Baby für ein gesundes Wachstum braucht und bietet zusätzlich durch ihre antiinfektiösen Eigenschaften Schutz vor Durchfall und anderen Infektionen. Aufgrund der Ergebnisse von Expertengesprächen über ausschliessliche Muttermilchernährung empfiehlt die WHO volles Stillen für die ersten sechs Monate und anschliessendes Weiterstillen mit zusätzlicher, angemessener Beikost bis zum Alter von zwei Jahren oder darüber hinaus. Auch unter schwierigen Bedingungen (z.B. Notfallsituationen, geringes Geburtsgewicht, HIV-Situationen) sollte das Stillen unbedingt in Betracht gezogen werden. Muttermilch hat die folgenden Vorteile für das Baby § sie enthält exakt die Nährstoffe, die ein Baby für sein Wachstum und seine Entwicklung braucht § sie ist leicht verdaulich und wird vom Organismus des Babys optimal verwertet § sie schützt das Baby vor Infektionen Stillen generell hat die folgenden Vorteile § es kostet weniger als künstliche Säuglingsnahrung § es hilft Mutter und Kind beim Bonding – das bedeutet, eine enge und liebevolle Beziehung zu entwickeln § es unterstützt die Entwicklung des Kindes § es kann dazu beitragen eine erneute Schwangerschaft hinauszuzögern § es schützt die Gesundheit der Mutter. Stillen unterstützt die Rückbildung der Gebärmutter, dadurch verringern sich die Blutungen und es wird einer Anämie vorgebeugt. Stillen verringert auch das Risiko für Eierstockkrebs und möglicherweise das Brustkrebsrisiko bei der Mutter. Unterschiede zwischen Muttermilch und Tiermilchen Muttermilch enthält alle Nährstoffe, die das Baby braucht. Tiermilchen unterscheiden sich von Muttermilch im Gehalt und der Qualität der Eiweisse, dem Gehalt an Fettsäuren, Vitaminen und Eisen. Muttermilch ist nicht nur eine Nahrung für Babys, es ist eine lebendige Flüssigkeit, die weisse Blutkörperchen enthält und hilft, das Baby vor Infektionen zu schützen, solange sein Immunsystem noch nicht vollständig ausgereift ist. Um das Stillen zu fördern haben WHO und UNICEF im Jahre 1992 die Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus" gegründet. Die Grundlage dieser Initiative sind die „Zehn Schritte zum erfolgreichen Stillen", die zusammen mit weiteren Informationen unter http://www.stillfreundlich.de/index.html nachgelesen werden können.
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