Biggi Welter

Biggi Welter

Stillberaterin

Biggi Welter absolvierte ab 1996 ihre Ausbildung zur Stillberaterin bei der La Leche Liga Deutschland e.V., einer Organisation in 78 Ländern in offizieller Beziehung zur Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Schwangeren und stillenden Mütter in Fragen rund um das Stillen Beratung anbietet. Danach leitete Biggi Welter viele Jahre lang eigene Stillgruppen mit intensiver Betreuung. Ab 1999 übernahm sie zudem die Online-Stillberatung von Rund-ums-Baby.de, die sie heute noch leitet. Ihre Beratungen bei Rund-ums-Baby.de werden jeden Monat hunderttausendfach weltweit von stillenden Müttern gelesen. Ein achtsamer und wertschätzender Umgang mit Kindern liegt ihr am Herzen.

Biggi Welter

Wie kann sich ein Kind nachts überhaupt allein abstillen?

Antwort von Biggi Welter, Stillberaterin

Frage:

Hallo liebe Biggi!

Es heißt, 3-4 Stunden nach dem Stillen wird ein erneuter Hungerreiz ausgelöst.
Wann kann dann nachts überhaupt je ein Zeitpunkt erfolgen, wo sich das Baby/Kind von allein abstillt?
Meine Tochtet ist 9 Monate, kräftig, ißt tagsüber wunderbar Beikost, aber benötigt noch Ihr Einschlafstillen und nachts noch kurz 2-3 Mal.
Natürlich zehrt es auch bei mir an meiner physischen Kraft, aber ich hab für mich festgelegt, dass ich das sehr gern für mein Kind tue. Trotzdem interessiert es mich,
wie sind generell die Erfahrungswerte zum Thema wann stillt sich ein Baby/Kleinkind nachts von allein ab?

Wieder einmal ein fettes Dankeschön und liebe Grüsse,
Désirée

von diedesi am 17.10.2011, 21:47 Uhr

 

Antwort auf:

Wie kann sich ein Kind nachts überhaupt allein abstillen?

Liebe Désirée,

das Schlafverhalten eines Kindes hat nicht zwingend etwas mit seiner Ernährung zu tun und es
liegt deshalb auch nur selten daran, dass eine Frau nicht genügend Milch hätte, wenn ein neun
Monate altes Baby in der Nacht aufwacht. Wenn tatsächlich die Art der Nahrung festlegen
würde, wie ein Baby schläft, dann dürften alle Stillkinder dieser Welt nie länger als 60 bis 90
Minuten am Stück schlafen (denn so lange braucht Muttermilch bis sie verdaut ist) und kein
Kind, das Beikost oder künstliche Säuglingsnahrung erhält dürfte jemals bereits wieder nach zwei
Stunden aufwachen. Da die Praxis belegt, dass weder das eine noch das andere so der Fall ist,
sieht man, dass die "dicke Nahrung am Abend = langer Schlaf Theorie" nicht stimmen kann.

Vor allem wenn ein Baby, das bereits lange Schlafphasen hatte, wieder vermehrt aufwacht, dann ist dieser "Rückschritt" für die Mutter meist nur schwer zu akzeptieren und welche Mutter sehnt sich nicht nach ununterbrochenem Schlaf.
Doch es ist leider so, dass sehr viele Babys in diesem Alter (wieder) beginnen nachts wieder häufiger aufzuwachen. Das liegt jedoch nicht unbedingt an der Ernährung, sondern ist entwicklungsbedingt.
Die Kinder beginnen um diesen Zeitraum die Welt sehr konkret zu erleben, sie müssen das am Tag Erlebte in der Nacht verarbeiten, sie lernen neue Fähigkeiten (umdrehen, robben, krabbeln, gezieltes Greifen ...), sie beginnen den Unterschied zwischen fremd und bekannt zu erkennen. All dies ist ungeheuer aufregend und auch anstrengend. Dazu kommt, dass sich die Zähne verstärkt bemerkbar machen, dass vielleicht die erste Erkältung kommt und, und, und ... Es gibt jedenfalls genügend Gründe dafür, dass das Kind unausgeglichen ist und nachts häufiger aufwacht.
Ein Kind "muss" überhaupt nicht durchschlafen, ob gestillt oder nicht. Das klingt jetzt sehr provozierend, doch inzwischen bekomme ich schon manchmal die Krise, wenn es immer wieder so dargestellt wird, als ob Eltern oder Kinder "das Klassenziel nicht erreicht haben" weil das Kind ab einem bestimmten Alter nicht durchschläft. Jedes Kind hat seinen eigenen Zeitplan und wenn das Kind so weit ist, dass es durchschlafen kann, dann wird es das auch tun, genau so wie es zu dem für es richtigen Zeitpunkt laufen, sprechen und auf einem Bein stehen können wird.
Der immer wieder verbreitete Gedanke, dass ein Baby ab einem bestimmten Alter nachts nicht mehr aufwachen darf und nachts keine Nahrung mehr braucht entspringt in keinster Weise dem natürlichen Verhalten und den Bedürfnissen eines Babys oder Kleinkindes, sondern er entstammt dem (verständlichen) Wunsch der Erwachsenen, die gerne ihre Nachtruhe hätten.
Eine Studie von Jelliffe und Jelliffe ergab, dass Babys im Alter von 10 Monaten mindestens 25 % ihrer Muttermilchaufnahme nachts zu sich nehmen. Das spricht eindeutig dafür, dass Babys auch nach den ersten sechs Monaten nachts noch hungrig sind.
Es gibt Kinder, die nachts keine Nahrung mehr brauchen, aber es gibt eben auch sehr viele Kinder, die mit einem halben Jahr noch nicht so weit sind. So wie manche Kinder bereits mit elf Monaten laufen und andere damit erst mit 16 Monaten beginnen, so entwickeln sich auch alle anderen Dinge bei jedem Kind individuell verschieden und diese Entwicklung lässt sich begleiten, aber nicht beschleunigen.
Lass dich von deinem Kind leiten und horch in dich hinein, dann werdet ihr euren Weg schon finden und wenn Du gerne liest und ein Buch zum Thema "Schlafen" lesen magst, das das Kind als eigene Persönlichkeit achtet, möchte ich dir "Schlafen und Wachen ein Elternbuch für Kindernächte" von Dr. William Sears empfehlen. Das Buch ist im Buchhandel, bei der La Leche Liga und jeder LLL Stillberaterin (auch bei uns) erhältlich.

LLLiebe Grüße
Biggi

von Biggi Welter, Stillberaterin am 18.10.2011

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