elsa_anna
Hallo liebes Team, ich bitte Sie um Rat, weil ich seit 2 Jahren auf der Stelle trete. Ich war ca. 10 Jahre lang in einer schlimmen Beziehung. Mehrere Leute, die mitbekommen haben, wie er zu mir war, haben mir zur Trennung geraten (sogar seine Eltern), ich konnte / wollte nicht. Als er es getan hat, war es ein Riesenschock. Einen Grund weiß ich bis heute nicht. Womit ich nicht fertig werde, sind zwei Dinge: Das eine ist seine Wahrnehmung der Ereignisse bzw. der Realität oder wie ich sagen soll. Und zwar war und ist es so, dass er stur Dinge bestreitet oder dagegen argumentiert, die passiert sind, die man häufig sogar nachweisen kann oder bei denen Zeugen dabei waren und zwar so lange, bis man an sich selbst zweifelt. Das können sogar ganz logische Sachen wie Zahlen schwarz auf weiß sein. Ich stehe dann jedes Mal fassungslos da. Um ein paar Beispiele von in der Beziehung zu nennen: Er liegt den ganzen Tag auf dem Sofa und beschimpft mich von dort aus als faul. Oder er lehnt immer wieder ab, etwas mit dem Kind zu machen, wirft mir aber vor, ihm das Kind vorzuenthalten. Draußen auf dem Grundstück ging durch Sturm etwas kaputt, ich war Schuld. Obwohl ich IM Haus war. Sie lachen jetzt sicher, aber ich meine das ernst, solche Vorwürfe gab es täglich. Und das zweite ist, dass er trotz seines Verhaltens (was er sogar ganz offensichtlich zeigt und nicht mal zu verstecken versucht) ein unheimliches Glückskind ist. Damit meine ich, viele andere außer mir regen sich auch über ihn auf, sagen z.B. dass er andere massiv ausnutzt, aber es passiert einfach nichts. Es läuft für ihn beruflich und er hat jetzt sogar eine neue Frau. Dass es auf der Welt keine Gerechtigkeit gibt, ist mir bewusst, aber dass er mit allem so gut durchs Leben kommt, daran verzweifle ich total. Es haben z.B. viele mitbekommen, dass er sich finanziell an mir bereichert und mich unser Kind betreffend erpresst hat, aber niemand sagt etwas dazu, jedenfalls nicht ernsthaft. Ich fühle mich so ohnmächtig und allein gelassen damit. Ich war damals sogar beim Jugendamt und habe mir Hilfe erhofft, das war nicht der Fall. Mir wurde nur gesagt, dass er als Vater gewisse Rechte hat und es keine Rolle spielt, wie er zu mir ist. Es sei denn, er hätte mich geschlagen. Diese Beziehung war aber rückblickend die Hölle, warum passiert Menschen nichts, die anderen so etwas antun? Ich kann bis heute nicht verstehen, wieso er lieber unsere langjährige Partnerschaft wegwirft als auch nur einen Funken Einsicht zu zeigen. Dabei habe nicht mal ich Schluss gemacht, sondern er; mit der Begründung, er verdiene Besseres. Bis heute weiß ich nicht, was ich falsch gemacht habe, ich habe ihn immer bedient und das Kind versorgt, er hatte alle Freiheiten. Ich habe meistens zu den Ausrastern nichts gesagt, wenn aber doch, war das auch nicht richtig und er wurde noch aggressiver. Für die neue Partnerin empfinde ich nicht mal Hass, am liebsten würde ich sie vor ihm schützen. Aber das Gefühl, innerhalb kürzester Zeit komplett austauschbar für ihn zu sein, zieht mir seitdem immer wieder den Boden unter den Füßen weg. Es ist, als wäre ich 10 Jahre blind und unfassbar naiv gewesen. Dass ich mich in der Beziehung oft sehr unglücklich gefühlt habe, habe ich gemerkt, das Gebrüll und die ständigen Beschimpfungen habe ich ja wahrgenommen. Aber ich habe immer gedacht, dass er eben nicht anders kann und mich doch irgendwie liebt. Dass er sich trennt, habe ich für stets ausgeschlossen gehalten und auch für mich nicht mal erwogen. Ganz lieben Dank für die Hilfe!
Hallo Elsa Anna, vielen Dank für deinen Beitrag. Wir können deinen Frust und deine Trauer über die Situation gut verstehen! Wir würden verschiedene Verhaltensweisen von deinem Expartner, die du benannt hast, als gewalttätig einordnen. Verdrehung von Realität und Wahrnehmung, wie du sie beschrieben hast, bezeichnet man als Gaslighting. Gaslighting ist eine sehr häufig vorkommende Form psychischer Gewalt. Du beschreibst auch, dass dein Expartner dich beschimpft hat, dir Vorwürfe ohne Grund macht, dir die Schuld für Dinge zuschiebt, dich finanziell ausgenutzt hat, und wegen des Kinds erpresst hat. Alle diese Verhaltensweisen fallen unter psychische oder wirtschaftliche Gewalt. Dein Expartner hat sich dir gegenüber nicht nur sehr unfair, sondern auch gewalttätig verhalten. Leider werden gewalttätige Verhaltensweisen durch Beziehungspersonen vom sozialen Umfeld, der Gesellschaft und dem erweiterten Hilfesystem häufig noch immer nicht als solche eingeordnet. Nach wie vor scheint die Vorstellung zu bestehen, dass erst körperliche Verletzungen vorgefallen sein müssen, damit Verhaltensweisen als Gewalt bezeichnet werden. Es tut uns sehr leid, dass du diese Erfahrung im Jugendamt machen musstest und dass dein Umfeld nicht auf die Verhaltensweisen deines Exmannes reagiert und dich geschützt hat. Partnerschaftliche Gewalt unterliegt noch immer vielen falschen Vorstellungen und wird oft fälschlicherweise als Privatsache abgestempelt oder normalisiert. Gewalt gegen die Mutter ist auch in den meisten Fällen Gewalt gegen das Kind, denn diese bekommen die Gewalt mit, auch wenn sich die Gewalt nicht aktiv gegen sie richtet. Du bist nicht allein mit dieser Erfahrung! In Deutschland gibt es viele Frauenberatungsstellen, die sich gut mit der Thematik auskennen und betroffene Personen ernst nehmen. Wenn du das Bedürfnis hast, mit jemanden über deine Erfahrungen zu sprechen, kannst du dich dort melden. Frauenberatungsstellen beraten auch bei psychischer Gewalt und sind auch für Personen zuständig, die sich nicht mehr akut in Gewaltbeziehungen befinden. Die Beraterinnen in Frauenberatungsstellen kennen sich auch gut mit Sorgerechtsfragen aus, wenn es zu Gewalt gekommen ist. Häufig haben sie auch Kontakte zu kostenfreier rechtlicher Beratung und Anwält*innen, die bei dem Thema unterstützen können. Hier findest du eine Seite, auf der du nach Angeboten in deiner Nähe suchen kannst: https://www.frauen-gegen-gewalt.de/de/hilfe-vor-ort.html Die Angebote sind kostenlos und anonym. Du beschreibst, dass es dir immer wieder den Boden unter den Füßen wegzieht und du dir Vorwürfe machst, dass du seine Verhaltensweisen nicht früher durchschaut hast. Gewalttätiges Verhalten kann viele Auswirkungen auf betroffene Personen haben. Viele fühlen sich durch das dauernde Herabgesetztwerden klein und machtlos oder übernehmen einen Teil der Verantwortung für die Gewalt. Wichtig ist: Nicht du hast dich in diesem Fall gewalttätig verhalten, sondern dein Expartner. Du hast so gut es geht versucht, die Situation zu meistern und den Schaden kleinzuhalten. Auf alles, was du trotz dieser Situation geschafft hast, kannst du stolz sein. Für viele Personen ist es hilfreich, eine Erfahrung, wie du sie gemacht hast, in einer Psychotherapie zu besprechen. Unter der Nummer 116 117 kannst du eine zeitnahe Sprechstunde ausmachen. Das ist deutschlandweit möglich und ein guter Weg, um ein Erstgespräch zu erhalten. Von dort aus hast du dann Unterstützung, um den weiteren Weg zu planen und zu schauen, was du gerade brauchst. Du schreibst in deinem Beitrag, dass du die Beziehung anders wahrgenommen hast, als ihr noch eine Beziehung geführt habt. Viele betroffene Personen beschreiben, dass sie in der Beziehung merken, dass etwas nicht ok ist, das Verhalten der gewalttätigen Person jedoch erst im Rückblick in seinem vollständigen Ausmaß einordnen. Die ständigen Grenzüberschreitungen können dazu führen, dass du mit der Zeit deine eigenen Grenzen nicht mehr klar spürst. Du hast dich in der Beziehung angepasst, und versucht seine Ausraster klein zu halten. Damit hast du dich und dein Kind geschützt. Es ist gut, dass du in dieser schlimmen Situation mit kleinen Dingen für dich und euer Kind sorgen konntest. Es ist auch ok, dass du dich nicht trennen wolltest. Ihr wart in einer langjährigen Beziehung und euch hat sicher auch vieles verbunden. Viele Betroffene wünschen sich nicht das Ende der Beziehung, sondern dass das gewalttätige Verhalten aufhört. Andere Personen können so etwas nicht für dich entscheiden. Auch wenn sie es gut meinen. Dein Partner trägt keine Konsequenzen durch sein Verhalten. Wir verstehen, dass dies sehr frustrierend und wütend machen kann. Viele Menschen, die in Beziehungen kontrollierend oder übergriffig sind, zeigen sich nach außen hin charmant und zuvorkommend. Das ist leider auch Teil emotionaler Kontrolle und Manipulation. Du beschreibst, dass du die neue Partnerin gerne vor ihm schützen würdest. Es ist schön, dass du dir Gedanken um sie machst. Dieses Gefühl hat bestimmt seine Berechtigung. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich dein Expartner nicht von heute auf morgen verändert und sich auch ihr gegenüber ähnlich verhalten wird. Wenn du möchtest und es sich ergibt, könntest du ihr das Angebot machen, dass du für einen Austausch da bist, falls ihr einmal etwas merkwürdig vorkommt oder sie Fragen hat. So könntest du ihr helfen, Muster früher zu erkennen. Das ist nur eine Möglichkeit, kein Muss. Tue das nur, wenn du dich damit wohlfühlst und ihr euch beide damit nicht in Gefahr bringt. Die Erfahrungen, die du gemacht hast und die Gefühle, die damit einhergehen, sind leider kein Einzelfall. Jede vierte Frau ist in Deutschland im Laufe ihres Lebens von Partnerschaftsgewalt betroffen. Partnerschaftsgewalt ist kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem. Bleib nicht allein damit! Suche dir einen Ort, wo du darüber sprechen kannst. Du klingst nach einer sehr starken Person! Du wirst dich wieder besser fühlen! Alles Gute, Xenia und Leonie
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