Babyglueck2022
Hallo, Mein Mann und ich (seit 7 Jahren verheiratet, ich werde bald 39) haben einen wunderbaren 3,5 jährigen Sohn. Vor der Geburt des Kindes haben wir eine sehr harmonische Beziehung geführt, wir galten als Traumpaar. Kurz nach der Geburt habe ich mich von ihm sehr im Stich gelassen gefühlt, er hat die Arbeit immer vorgezogen und sich kein bisschen frei genommen um für mich im Wochenbett da zu sein. Ich habe es akzeptiert und fast alles alleine erledigt. Im Laufe der letzten Jahre sind wir sehr oft aneinander geraten was die Erziehung unseres Sohnes angeht. Ich ärgere mich oft über seine Art alles zu rationalisieren (er zählt auf, was er mehr fürs Kind macht als ich) oder die Verantwortung an Andere abzugeben (er hätte am liebsten das Kind viel öfter bei der Oma abgegeben). In den letzten Jahren haben wir uns immer mehr getritten. Wir haben kaum Nähe (Sexualität kommt so gut wie nicht vor) und schlafen in getrennten Räumen (er schnarcht und schläft unruhig). Paarzeit gibt es kaum. Ganz besonders bricht es mir das Herz für mein Kind, weil er so ganz viel Negatives über Beziehungen lernt und Streit mitkriegt. Wir haben einmal versucht eine Paarberatung zu machen, aber nach den Sitzungen gab es nur mehr Streit und wir haben es als sinnlos empfunden. In letzter Zeit denke ich oft darüber nach, dass ich eigentlich ein 2. Kind wollte und ich mir das wohl abschminken kann. Ich glaube, dass ich eine gute Mutter bin und wünsche mir noch so ein 2. kleines Wunder. Mit meinem Mann wäre es aber keinesfalls vernünftig und er möchte auch kein zweites Kind mehr. Seine Worte: unter einer Bedingung: dass das 2. Kind öfter bei der Oma wäre, als es das 1. war. Oder bestenfalls beide mehr Zeit mit seiner Mutter verbringen. Ich komme mit meiner Schwiegermutter nicht gut zurecht und finde es reicht, dass ich dahingehend meine Grenzen extrem erweitert habe und sie mehr Zeit mit meinem Sohn verbringt als anfangs. Noch mehr kann ich mich nicht überwinden. Ich finde es insgesamt traurig, dass er nicht daran denkt, wie schön es wäre, die Familie zu erweitern, sondern ihn nur beschäftigt, wie er weniger "Arbeit" hätte. Ich habe heute das Kinderzimmer umgeräumt und viele Sachen von meinem Kind entsorgt aus denen er rausgewachsen ist. Dabei bin ich sehr traurig geworden, weil ich früher dachte, dass ich es für ein 2. Kind noch gebrauchen kann. Aber dem ist nicht mehr so. Die ganze Situation deprimiert mich sehr.
Hallo Du, vielen Dank für deinen Beitrag im Forum. Du schreibst, dass deine aktuelle Situation dich sehr deprimiert. Das ist bei allem, was du derzeit zurücksteckst, sehr gut verständlich. Du beschreibst, dass sich die Beziehung nach der Geburt eures Kindes stark verändert hat. Die Zeit rund um Schwangerschaft und Geburt ist für viele Familien eine große Herausforderung. Denn, das Familiensystem und auch die Beziehungsdynamik ändert sich, weil neue Aufgaben anfallen und ihr durch eine intensive Zeit geht. Manchmal kommen auch in dieser Zeit auch Probleme zum Vorschein, die in der Zeit vor einem Kind besser gemanaged werden konnten, weil mehr Zeit und Energie da waren. Dass sich Dynamiken bei Familienzuwachs sehr verändern können, wird von vielen werdenden Eltern so beschrieben. Du schreibst aber auch, dass du dich von deinem Mann sehr allein gelassen fühlst. Er war im Wochenbett nicht für dich da. Das klingt nach einer großen Verletzung. Geburten sind anstrengend und aufregend und gebährende Personen sollten dabei größtmöglichst unterstützt werden. Als der Vater eures gemeinsamen Kindes, ist es seine Aufgabe, sich rund um die Geburt um dich zu kümmern und für dich da zu sein. In dieser Zeit alles allein zu regeln, kann gesundheitliche und psychische Folgen nach sich ziehen. Wir können sehr gut verstehen, dass dich die Situation verletzt hat. Konntest du deinem Mann rückmelden, wie es dir damit ging? Wir hören aus deiner Beschreibung heraus, dass ihr gegenseitig das Gefühl habt, jeweils mehr Aufgaben zu übernehmen. Oftmals treten in Konflikten wie diesen auch erlernte traditionelle Geschlechterrollen zum Vorschein. Lohnarbeit (also bezahlte Arbeit) wird als wichtiger angesehen, als alles, was im Haushalt anfällt. Gleichzeitig werden Frauen häufig in die Zuständigkeit für Sorgearbeit geschoben. Dazu zählt alles, was im Haushalt und Erziehung so anfällt und “nebenbei” gemacht werden muss. Sorgearbeit ist leider noch immer unbezahlt und wird so unsichtbar. Sie wird dann oftmals von Männern, die Lohnarbeit leisten, nicht wahrgenommen, hinter andere Aufgaben zurückgesteckt und als selbstverständlich angesehen. Sorgearbeit ist gleich viel wert wie bezahlte Lohnarbeit und gehört genauso dazu, um ein Familiensystem aufrecht zu erhalten. Um einen Überblick über eure Aufgaben in Haushalt und Erziehung (zum Beispiel auch sowas wie alte Klamotten aussortieren oder Recherchearbeit zu erledigen) zu bekommen, kann es hilfreich sein, diese aufzuschreiben. So wird klar, wer wieviel Zeit in den Erhalt eures Familiensystems investiert. Dafür gibt es auch technische Hilfsmittel. Vielleicht habt ihr Lust, die Who cares? App mal auszuprobieren? (https://whocares-app.de/). Vielleicht kann ein Überblick über anfallende Aufgaben auch Grundlage für ein Gespräch über ein zweites Kind sein. Du schreibst, ein zweites Kind mit deinem Mann wäre “keinesfalls vernünftig”, äußerst aber gleichzeitig deinen Wunsch danach. Ihr seid hier an verschiedenen Punkten gelandet. Für uns klingt es, als käme seine Ablehnung aus Überlastung. Er stellt als Bedingung, dass seine Mutter mehr mit einbezogen wird. Das ist nicht fair, da du beschreiben hast, nicht gut mit ihr auszukommen und bereits deine Grenzen diesbezüglich erweitert hast. Gibt es andere Personen, die euch unterstützen könnten, anstatt deiner Schwiegermutter? Manchmal funktionieren Unterstützungssysteme besser, wenn Personen außerhalb der biologischen Familie miteinbezogen werden. Vielleicht eine Tagesmutter? Oder Bekannte aus eurer Umgebung, die einen Nachmittag Kinderbetreuung übernehmen können? Eventuell könnte es auch hilfreich sein, die Überlastung ein bisschen zu verringern, wenn ihr euch nach Möglichkeiten für gemeinsame Auszeiten umseht. Vielleicht kann dein Mann sich neben seinem Urlaubsanspruch noch ein bisschen unbezahlten Urlaub nehmen und ihr verbringt mal eine Woche Alltag mit eurem Kind zusammen. So wird sichtbar, was alles an Aufgaben anfällt und gleichzeitig auch wieder spürbar, wie schön Familienleben sein kann. Oder ihr denkt über ein Sabbatical nach, bei dem ihr zusammen wegfahrt und euch als Familie eine Weile gemeinsam um euer Kind kümmert und euch Zeit für euch als Familie nehmt. In eurer aktuellen Situation kommen Bedürfnisse von dir zu kurz. Du wurdest in einer sehr herausfordernden Zeit allein gelassen und hast den Wunsch nach einem zweiten Kind, den dein Mann an eine Bedingung knüpft, die für dich nicht machbar ist. Das ist unfair. In einer Partnerschaft muss Raum für alle Bedürfnisse sein. Dein Mann muss mit dir gemeinsam überlegen, wie ihr eure Familie weiter gestalten könnt und wie deine Bedürfnisse darin Raum finden. Er muss nicht alles nachempfinden können, Zuhören und dich mit deinen Wünschen ernst nehmen ist aber das Minimum, was er als Partner leisten muss. Es ist schön, dass du für dich einstehst! Wenn in einem Prozess (wie zu klein gewordene Kinderklamotten aussortieren), Gefühle wie Traurigkeit entstehen, weil ein Bedürfnis zurückgesteckt wurde, ist es gut, sich diese genauer anzusehen und dazu in Austausch zu gehen. Du hast den ersten Schritt schon geschafft! Alles Gute! Xenia und Leonie