Frage im Expertenforum Kinderwunsch an Dr. med. Friedrich Gagsteiger:

ICSI und Kryotransfer

Frage: ICSI und Kryotransfer

Johanna0407

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Sehr geehrter Herr Dr. Gagsteiger, es tut mir Leid, wenn ich Sie wieder fragen muss, aber ich bin so dankbar für Ihre guten und ausführlichen Antworten. Im August hatte ich aufgrund des OAT-Syndrom meines Mannes die erste ICSI. Nach Stimulation mit Elonva 150 und Bemfola 150 über 3 Tage, ließen sich am Punktionstag nur 7 Eizellen punktieren (ich bin 38 und das AMH lag bei 1.16 im Februar).  Davon waren 6 befruchtet, an Tag 5 wurde eine Blastozyste "mittelgradigen Gradings" (eine genaue Klassifikation wurde nicht angegeben) transferiert. Die Tag 6 Blastozyste wurde eingefroren. Die anderen Eizellen sind nicht über das Morulastadium gewachsen. Leider war der SS-Test gestern negativ.  Nach Absetzen von Utrogest, begann gestern eine Schmierblutung heute trat die normale Periodenblutung auf und sehr starke Schmerzen, ähnlich wie nach der Punktion. Normalerweise habe ich nie solche Schmerzen, auch nicht nach der biochem. SS vor 3 Monaten nach IUI. Der letzte Ultraschall war am Transfertag am 19.8.  Ab übermorgen soll ich Progynova 21 2x tgl. nehmen, nä Sonotermin ust am 14.9. und dann soll im künstl. Zyklus die Blastozyste transferiert werden. Macht das für Sie Sinn? Die 6 Tage Blastozyste hat wahrscheinlich eine deutlich schlechtere Prognose als die 5 Tages Blastozyste. Der letzte Monat hat mich schon sehr mitgenommen. Wie stehen denn überhaupt die Chancen? Wir können uns auch nicht unendlich viele ICSIs leisten.  Und es kann ja auch sein, dass im nächsten Zyklus keine einzige  Blastozyste am Ende übrig ist. Dann wären alle Strapazen umsonst gewesen. Gibt es da Statistiken, wie die Chancen stehen?  Vor 4 Jahren haben wir nach spontaner SS einen Sohn bekommen, niemals hätten wir erwartet, dass es für das 2. Kind so schwierig wird. Ich habe immer eine gut aufgebaute Uterusschleimhaut gehabt und regelmässige spontane Eisprünge. Ich bin aktuell leider sehr entmutigt. Vielen vielen Dank und viele Grüße Johanna


Dr. Friedrich Gagsteiger

Dr. Friedrich Gagsteiger

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Liebe Johanna, Sie dürfen mich sehr gerne wieder fragen – gerade nach einem solchen ersten ICSI-Versuch kann ich sehr gut verstehen, dass plötzlich aus jeder beantworteten Frage drei neue entstehen. Und nach all den Hoffnungen, Medikamenten, Kontrollen, der Punktion und schließlich dem Transfer tut ein negativer Schwangerschaftstest einfach weh. Dass Sie im Moment entmutigt sind, ist deshalb mehr als nachvollziehbar. Trotzdem möchte ich zunächst einen Gedanken ein wenig geraderücken: Ihr erster ICSI-Versuch war biologisch betrachtet keineswegs schlecht. Mit 38 Jahren und einem AMH von 1,16 wurden sieben Eizellen gewonnen. Sechs davon ließen sich befruchten – das ist mit etwa 86 % sogar eine sehr gute Befruchtungsrate. Und aus diesen sechs befruchteten Eizellen sind zwei Blastozysten entstanden, eine an Tag 5 und eine an Tag 6. Das bedeutet eine Blastozystenrate von rund einem Drittel der befruchteten Eizellen. Auch das ist in Ihrem Alter absolut kein Ergebnis, bei dem ich sagen würde: „Da funktioniert grundsätzlich etwas nicht.“ Dass die übrigen Embryonen im Morulastadium stehen geblieben sind, ist leider etwas, was wir bei IVF/ICSI häufig sehen. Gerade ab Ende 30 nimmt zudem der Anteil chromosomal nicht regelrechter Eizellen und Embryonen deutlich zu. Das kann weder die Stimulation noch das Labor vollständig verhindern. Und was ist nun mit Ihrer Tag-6-Blastozyste? Hier möchte ich Ihnen ausdrücklich etwas Hoffnung zurückgeben. Ja: Statistisch haben Tag-5-Blastozysten im Durchschnitt etwas bessere Chancen als Tag-6-Blastozysten. Große Metaanalysen zeigen diesen Unterschied tatsächlich. Eine aktuelle Metaanalyse mit über 100.000 Single-Blastozystentransfers fand insgesamt höhere Lebendgeburtenraten für Tag 5 als für Tag 6. (⁠PubMed) Aber daraus darf man keinesfalls machen: Tag 5 = gut und Tag 6 = schlecht. Eine Tag-6-Blastozyste ist eine entwicklungsfähige Blastozyste, die lediglich ungefähr einen Tag länger gebraucht hat. Entscheidend sind zusätzlich ihre Morphologie, ihr Expansionsgrad und – letztlich am wichtigsten – ihre chromosomale Ausstattung. Das sieht man auch sehr schön daran, dass der Unterschied zwischen Tag 5 und Tag 6 wesentlich kleiner werden oder sogar verschwinden kann, wenn vergleichbar entwickelte beziehungsweise chromosomal unauffällige Embryonen miteinander verglichen werden. (⁠PubMed) Und eine ganz aktuelle Studie aus Zürich aus dem Jahr 2026 kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Tag-6-Blastozysten nach Berücksichtigung anderer Einflussfaktoren durchaus vergleichbare klinische Ergebnisse erreichen können. (⁠PubMed) Ihre eingefrorene Blastozyste hat also eine echte Chance. Deshalb würde ich diesen Embryo auch keinesfalls abschreiben, sondern zunächst einmal transferieren. Ich würde allerdings Ihr Kinderwunschzentrum noch nach dem genauen Grading der beiden Blastozysten fragen. „Mittelgradig“ ist mir persönlich etwas zu ungenau. Üblicherweise kann man beispielsweise nach Gardner Angaben wie 4AA, 3BB, 4BC usw. machen. Wenn wir das Grading Ihrer Tag-6-Blastozyste kennen, können wir ihre Prognose noch wesentlich besser einordnen. Macht der geplante Kryotransfer mit Progynova Sinn? Ja. Ein künstlich aufgebauter Kryozyklus mit Progynova und anschließend Progesteron ist ein völlig etabliertes Vorgehen. Bei Ihnen gibt es allerdings noch einen zweiten Gesichtspunkt: Sie schreiben, dass Sie regelmäßige spontane Eisprünge haben und Ihre Gebärmutterschleimhaut bisher immer gut aufgebaut war. Damit wäre grundsätzlich auch ein natürlicher beziehungsweise modifiziert natürlicher Kryozyklus eine sehr vernünftige Möglichkeit. Das heißt nicht, dass Progynova falsch ist. Überhaupt nicht. Es ist vielmehr eine Frage des Behandlungskonzeptes und der organisatorischen Steuerbarkeit. Da Sie gerade erst eine Stimulation und Punktion hinter sich haben, finde ich einen gut kontrollierten Kryotransfer grundsätzlich ausgesprochen vernünftig. Sie müssen nicht gleich wieder durch die nächste Stimulation. Und nun zu Ihrer vielleicht wichtigsten Frage: Wie groß ist überhaupt noch Ihre Chance? Hier würde ich nicht nur auf den gerade negativen Transfer schauen. Sie haben nach einer einzigen Punktion zwei Blastozysten bekommen. Eine hat leider nicht implantiert. Aber eine zweite Chance liegt bereits eingefroren im Labor. Das ist ein ganz anderer Ausgangspunkt als bei einer Patientin, bei der sieben Eizellen gewonnen werden und am Ende überhaupt keine Blastozyste entsteht. Natürlich kann niemand versprechen, dass die zweite Blastozyste zu Ihrem zweiten Kind führt. Bei einer ungetesteten Tag-6-Blastozyste einer 38-jährigen Frau würde ich – abhängig insbesondere vom genauen Grading – eher in Größenordnungen von vielleicht 20–30 % Lebendgeburtenchance pro Transfer denken als in „fast aussichtslos“. Einzelne Studien berichten beispielsweise etwa 17–20 % Lebendgeburten pro Tag-6-Transfer, wobei sich die Ergebnisse je nach Embryoqualität und Patientenkollektiv erheblich unterscheiden. (⁠PubMed) Und danach wäre immer noch nicht gesagt, dass eine weitere ICSI wieder genauso verläuft. Ein einzelner Stimulationszyklus ist nur eine Stichprobe aus Ihrer vorhandenen Eizellreserve. Im nächsten Zyklus können es beispielsweise fünf Eizellen sein – oder neun. Ebenso können daraus keine, eine, zwei oder gelegentlich auch mehr Blastozysten entstehen. AMH 1,16 bedeutet dabei übrigens nicht, dass Ihre Eizellqualität schlecht ist. AMH und Antralfollikelzahl helfen uns vor allem vorherzusagen, wie viele Eizellen wir auf eine Stimulation erwarten können; dafür empfiehlt auch die aktuelle ESHRE-Leitlinie ausdrücklich AMH beziehungsweise AFC. (⁠ESHRE) Die altersabhängige Eizellqualität ist eine andere Frage. Deshalb würde ich jetzt noch überhaupt keine Entscheidung treffen, wie viele weitere ICSIs Sie sich finanziell oder emotional zumuten müssen. Sie haben im Augenblick noch eine Blastozyste. Nutzen wir zunächst diese Chance. Und sollte es damit leider ebenfalls nicht funktionieren, würde ich vor einer zweiten ICSI den ersten Stimulationszyklus sehr genau analysieren: Wie viele Antralfollikel waren zu Beginn vorhanden? Wie entwickelten sich die einzelnen Follikel? Wie waren Estradiol und Progesteron? Wie groß waren die Follikel bei Auslösung? Welcher Trigger wurde verwendet? Wie viele der sieben Eizellen waren reif? Wie sah die Embryonalentwicklung Tag für Tag aus? Und lässt sich aus diesen Informationen die nächste Stimulation noch optimieren? Erst danach würde ich über das nächste Protokoll entscheiden. Eine Sache ist mir aber noch wichtig Die ungewöhnlich starken Schmerzen, die Sie jetzt mit Einsetzen der Blutung beschreiben, würde ich nicht einfach der Enttäuschung über den negativen Versuch zuschreiben. Nach einer Stimulation sind die Eierstöcke häufig noch deutlich vergrößert und empfindlich. Eine stärkere und schmerzhaftere erste Blutung nach Punktion und hormoneller Unterstützung kann durchaus vorkommen. Da Sie aber schreiben, dass die Schmerzen für Sie völlig ungewöhnlich und ähnlich stark wie nach der Punktion sind und seit dem Transfer am 19.08. kein Ultraschall mehr erfolgt ist, würde ich bei ausgeprägten oder zunehmenden Beschwerden nicht bis zum 14.09. warten, sondern vorher einmal sonographisch nachsehen lassen. Bei sehr starken oder einseitigen Schmerzen, Kreislaufproblemen, Fieber, Erbrechen, zunehmendem Bauchumfang oder außergewöhnlich starker Blutung sollten Sie bitte kurzfristig ärztlich untersucht werden. Und zum Schluss noch etwas, das mir bei Ihrer Geschichte wichtig erscheint: Vor vier Jahren sind Sie spontan schwanger geworden und haben Ihren Sohn bekommen. Jetzt haben Sie mit 38 Jahren zwar andere biologische Voraussetzungen als damals – aber Ihr erster ICSI-Versuch hat gezeigt, dass Sie Eizellen gewinnen, diese befruchten und daraus Blastozysten entwickeln können. Der negative erste Transfer ist deshalb für mich noch lange kein Urteil über Ihre Chancen auf ein zweites Kind. Im Moment steht es nicht „1. ICSI gescheitert“. Eigentlich steht es: 1 Punktion → 7 Eizellen → 6 Befruchtungen → 2 Blastozysten → eine Chance leider verbraucht, eine Chance noch vorhanden. Und genau um diese zweite Chance würde ich mich jetzt kümmern. Viele herzliche Grüße Ihr Dr. Gagsteiger


Johanna0407

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Vielen vielen Dank! Die Beschwerden sind heute schon deutlich gebessert.  Ich weiß bisher nur, dass alle 7 Eizellen reif waren, das genaue Grading nach Gardner werde ich erfragen. Sie machen einen tollen Job!


Johanna0407

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Das Grading der eingefrorenen Blastozyste ist übrigens 4BA, wie ich gerade erfragen konnte.


Dr. Friedrich Gagsteiger

Dr. Friedrich Gagsteiger

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Das freut mich sehr zu hören – sowohl, dass es Ihnen heute schon deutlich besser geht, als auch über diese zusätzliche Information. Eine 4BA-Blastozyste ist eine wirklich schöne, gut entwickelte Blastozyste. Die „4“ bedeutet, dass die Blastozyste bereits expandiert ist, das „B“ beschreibt eine gute innere Zellmasse, aus der sich später der Embryo entwickelt, und das „A“ einen sehr schön ausgeprägten Trophoblasten, aus dem später wesentliche Teile der Plazenta entstehen. Und auch die Information, dass alle 7 gewonnenen Eizellen reif waren, ist wichtig. Das spricht dafür, dass die Auslösung und der Zeitpunkt der Punktion sehr gut gepasst haben. Dass sich daraus sechs Eizellen befruchten ließen, ist ebenfalls erfreulich. Natürlich kann auch eine morphologisch schöne 4BA-Blastozyste keine Schwangerschaft garantieren – gerade mit 38 Jahren spielt die genetische Ausstattung des einzelnen Embryos eine zunehmend wichtige Rolle, die wir am Aussehen leider nicht erkennen können. Aber für Ihren eingefrorenen Embryo ist 4BA definitiv ein Befund, mit dem man mit berechtigter Hoffnung in einen Kryotransfer gehen darf. Sie haben also trotz des negativen ersten Transfers keineswegs mit leeren Händen aufgehört: Im „Eisschrank“ wartet noch eine durchaus vielversprechende kleine 4BA-Chance auf Sie. 😊 Und noch ganz herzlichen Dank für Ihr liebes Kompliment – darüber habe ich mich wirklich gefreut. 😊 Wobei ich der Fairness halber sagen muss: Das hier ist eigentlich gar nicht unser „Job“ im klassischen Sinne. Wir Experten beantworten die Fragen hier freiwillig und unentgeltlich, weil es uns wichtig ist, Ihnen in dieser oft so schwierigen und verunsichernden Kinderwunschzeit ein wenig Orientierung und Unterstützung mitzugeben. Wenn Sie uns dafür etwas zurückgeben möchten, freuen wir uns natürlich sehr über eine nette Bewertung bei Google bzw. Google Maps für "www.bestfertility.de". Das hilft uns tatsächlich sehr – und vielleicht hilft Ihre Erfahrung damit irgendwann auch einem anderen Kinderwunschpaar bei der Suche nach der richtigen Unterstützung. Aber vor allem: Noch einmal ganz herzlichen Dank für Ihre lieben Worte. Solche Rückmeldungen sind für uns wirklich ein schönes Dankeschön. 😊 Herzliche Grüße Ihr Dr. Gagsteiger


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