Prof. Dr. med. Gerhard Jorch

RSV-Impfung

Antwort von Prof. Dr. med. Gerhard Jorch

Die Antwort auf Ihre Frage ist nicht einfach. Ich will aber versuchen, Ihnen die Hintergründe darzustellen.

Die derzeit verfügbare "RSV-Impfung" ist keine Impfung im engeren Sinne (Antigen-Verabreichung mit dem Ziel, den Körper zum Aufbau einer eigenen Abwehr anzuregen) sondern besteht in einer Verabreichung von (sogenannten monoklonalen) Antikörpern durch intramuskuläre Injektion, die für jeweils etwa 4 Wochen einen Schutz bieten. Man muß also die Injektion im 4 Wochen Abstand wiederholen bis man das Ansteckungsrisiko für vertretbar hält. Es wurde in einer kontrollierten Studie außerhalb Deutschlands nachgewiesen, daß durch dieses Vorgehen die Wahrscheinlichkeit, daß ein gefährdetes Kind wegen einer RSV-Infektion ins Krankenhaus muß, um etwa die Hälfte (von ca. 10 % auf 5 %) gesenkt wird. Die Häufigkeit schwerer Krankheitsverläufe mit erneuter Beatmungsnotwendigkeit wurde jedoch nicht beeinflußt. Wesentliche Nebenwirkungen der "Impfung" wurden bisher nicht beobachtet. Die Kosten jeder Injektion betragen nach meinem Kenntnisstand etwa DM 1000-2000.
Nach gerade erst ermittelten Zahlen ist aber die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Krankenhausbehandlung in Deutschland mit etwa 5 % niedriger als in den USA (bessere Betreuung durch Eltern und Kinderärzte?
bessere soziale Absicherung?). ferner waren die Ergebnisse der genannten Studie insofern etwas widersprüchlich, als ausgerechnet die Hochrisikokinder weniger von der "Impfung" profitierten als die Frühgeborenen mit nur geringem Gefährdungsgrad. Man weiß also im Grunde nicht genau, welchen Stellenwert die "Impfung" - insbesondere unter den deutschen Verhältnissen - hat. Die Gesellschaft für Neonatologie (medizinische Fachgesellschaft für die Behandlung von Neugeborenen) sah sich deshalb bislang außerstande, eine ausreichend begründete Empfehlung zur "Impfung" zu geben. Die Gesellschaft für Infektiologie hingegen empfiehlt die "Impfung" mindestens für ehemalige Frühgeborene mit behandlungsbedürftiger BPD (wie in Ihrem Falle) während der Wintersaison in den ersten beiden Lebensjahren.
Es kann durchaus sein, daß die preiswerteren "echten" Impfungen gegen Pneumokokken und Grippe genauso viel oder mehr Schutz bringen als die RSV-Impfung.
Ich persönlich bin im letzten Winterhalbjahr so vorgegangen, daß ich in einigen ausgewählten Fällen die RSV-Impfung bei Frühgeborenen mit behandlungsbedürftiger BPD empfohlen und aus dem Kliniksetat finanziert habe.
Ich möchte indes abschließend betonen, daß Hygienemaßnahmen wie Fernhalten von Personen mit Atemwegsinfekt für weitaus wichtiger halte als die Impfung gegen RSV.

von Prof. Dr. med. Gerhard Jorch am 17.09.2001

 
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