Mitglied inaktiv
Lieber Dr Posth, mein Sohn (4.3) kann nicht gut einstecken. Sobald etwas quer laeuft sinnt er auf "Rache". Wenn ich ihn beispielsweise aus Versehen anrempel, dann boxt er, denn "du hast mir auch weh getan". Oder der beste Freund aergert ihn, dann haut er oder droht "du bist nicht mehr mein Freund". Die beste Freundin wurde gestern frueher vom Kiga abgeholt. Er war erbost. "Morgen spiel ich nicht mit P. und ihre Mutter ist auch ganz dumm". Seine Wut verfliegt fast in Sekunden, aber im Moment bin ich verbluefft ueber seinen vehementen Wunsch nach Vergeltung. Wir strafen nicht, aber ich unterbreche schon mal ein Spiel, wenn er bspw die Karten knickt. Mehr aber auch nicht... Klingt nach schwachem Selbstbewusstsein aber eigentlich gibt es dafuer sonst keine Anzeichen. Was tun? Ich versuche ihm den Vergeltungsgedanken auszureden, aber er ist da sehr festgefahren und sehr ueberzeugt. Vergeltung ist mir selbst voellig fremd. Viele Gruesse Christiane
Stichwort: Moralentwicklung Liebe Christiane, bis etwa zum 4. Lebensjahr ist das Prinzip Auge und Auge, Zahn um Zahn unter Kindern eigentlich die natürliche und damit normale Reaktion auf Schaden, der ihnen durch einen anderen zugefügt wird. Allerdings sind viele Kinder einfach defensiv, d.h. wenig aggressiv, veranlagt, so dass dieses Prinzip bei ihnen nicht so zum Tragen kommt. Das familiäre Vorbild spielt natürlich auch eine gewichtige Rolle. Aber wenn Sie und Ihr Mann nur selten oder gar nicht strafen, dann dürfte ein solches Vorbild weitgehend ausgeschaltet sein. Besonders Strafen, die in keinem Zusammenhang zur entstandenen Schuld stehen und auch in keinem Verhältnis zum angerichteten Schaden erzeugen solche Rachegefühle. Denn Kinder haben intuitiv ein Gerechtigkeitsbewusstsein, das aber einstweilen sehr subjektiv gewertet wird. Sehen sie dieses verletzt, entwickelt sich Wut und ein Vergeltungsbedürfnis. Ihr Sohn ist gerade über 4 Jahre alt und befindet sich wahrscheinlich mitten in der Entwicklungsphase, die sein Bewusstsein jetzt hierzu durchlebt. Dabei schleppt er noch die kindlichen Vorstellungen und Affekte mit sich herum. Sie müssten ihm durch einfache mit Bildern angereicherte Worte klar machen, dass Rache und Vergeltung der Einstieg zu einem immer wiederkehrenden Selbstläufer wird. Sie selbst würden ja auch nicht so handeln, damit dieser Teufelskreis gar nicht erst in Gang gesetzt wird. Erklären Sie ihm auch mit Ihrer christlichen Ethik?, dass rechtzeitige Vergebung für den Fehler des Anderen auf Dauer das höhere moralische Gut darstellt und die Stellung des Vergebenden in der Gemeinschaft klar erhöht. Letzteres ist sehr wichtig, denn ein Kind kann sich keinen ideellen Lohn im eigentlichen Sinn vorstellen. Es muss etwas für es herausspringen, damit es so handelt (positive Attributierung). Noch spielen materialistische Gesichtspunkte die größere Rolle. Aber die Wertung und Anerkennung in der Gemeinschaft ist dem Kind sehr viel wert und hat quasi materialistische Bedeutung. Viele Grüße
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