Frage im Expertenforum Entwicklung von Babys und Kindern besser verstehen an Dr. med. Rüdiger Posth:

Trotzen

Frage: Trotzen

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Lieber Dr. Posth, nach der Lektüre des 3. Teils Ihres Langtextes haben sich mir noch einige Fragen zum Thema Trotzen gestellt. Nach Aussage unserer Eltern haben sowohl mein Mann als auch ich im Kindesalter gar nicht getrotzt. Meine Schwiegermutter erzählt, sie habe z.B. noch zu Hause, also vor der typischen Supermarkt-Süßigkeiten-Situation, ausgehandelt, was gekauft wird und was nicht. Damit hätte es keinen Trotz gegeben. Ehrlich gesagt kann ich mir nur schwer vorstellen, dass das immer so geklappt hat. Meine Mutter dagegen hat einen sich anbahnenden Trotzanfall bei mir früh bemerkt und mich sofort abgelenkt, so dass der Trotz quasi verpuffte. Im Nachhinein denke ich, dass es mir eher geschadet als genutzt hat, nicht wütend werden zu dürfen. Was ist Ihre Meinung dazu? Sie schreiben zwar, dass man Trotzsituationen durchaus meiden kann, aber ist es sinnvoll, das ständig zu tun, so dass das Kind kaum eine Chance hat, sich dahingehend auszuprobieren? Unser Sohn ist zwar erst 10 Monate alt, aber natürlich mache ich mir schon Gedanken, wie ich später mit entsprechenden Situationen umgehen werde... Ist Trotz eigentlich ein kulturübergreifendes Phänomen? Herzlichen Dank für Ihre Antwort und i.a. für Ihr Engagement hier in diesem Forum! Liebe Grüße Anne


Dr. med. Rüdiger Posth

Dr. med. Rüdiger Posth

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Liebe Anne, sehr interessante Fragen und Anlaß zu langen Diskussion. Leider muß ich mich kurz fassen. Also erst einmal glaube ich auch nicht, daß Ihrer Mutter es immer gelungen ist, durch Ablankung oder vorheriges Aushandeln den Trotz vollständig zu neutralisieren. Und dann haben Sie auch damit Recht, daß es gar keinen Sinn macht, den Trotz immer geschickt abzuwehren. Meine Vorschläge sind auch eher so gemeint, daß vor allem Eskalationen vermieden werden sollten, welche für Eltern wie für Kinder zermürbend sind. Es gibt ja schon sehr, sehr heftige Trotzanfälle und in manchen familiären Verhältnissen auch sehr häufige. Trotzen ist aber auch schon das eher stille Opponieren, das man dann als Nichtgehorchenwollen beschreibt. Hier reagiert man eher gelassen und das ist in gewisser Weise gut so, denn auf diese Weise erlebt das Kind auch schon seine Autonomie. Es probt gewissermaßen den Aufstand. Ich will hier nicht grundsätzlich den Ungehorsam predigen, aber ich halte es für völlig normal und wichtig, daß ein Kleinkind nicht immer gleich das tut, was die Eltern von ihm verlangen. Wahrscheinlich habe ich das in meinem Text noch zu wenig betont. Aber dieser ist ja ohnehin schon recht lang und kompliziert geworden. Nur wo macht man am besten den Schnitt? Also grundsätzlich sind Widerstand, Opposition und Trotz notwendig für die endgültige Loslösung und die Einrichtung des autonomen Selbst im Inneren des eigenen Kopfes, und Ziel einer sinnvollen Pädagogik ist dabei, diese Prozesse geschickt zu lenken, daß Kinder und Eltern unbeschadet daraus hervorgehen. Viele Grüße


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