Frage im Expertenforum Entwicklung von Babys und Kindern besser verstehen an Dr. med. Rüdiger Posth:

Fiktion und Realität

Frage: Fiktion und Realität

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Hallo Herr Dr. Posth, mein Sohn ist vor 3 Wochen 7 Jahre alt geworden. Er guckt gar nicht bis sehr wenig fern. Er kann es noch immer nicht ganz verstehen, dass in einem Film nur Schauspieler agieren und der Film nicht "echt" ist. Z. Bsp. bei "Hände weg von Mississippi" haben wir erst das Buch gelesen (von Cornelia Funke) und dann gemeinsam den Film angeschaut. Beim Buch war es ihm natürlich klar, dass es eine "Geschichte" ist, beim Film ist es ihm nicht ganz klar und er fragt immer wieder nach... Woran liegt das und wann gibt sich das? vielen Dank und herzliche Grüße!


Dr. med. Rüdiger Posth

Dr. med. Rüdiger Posth

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Stichwort: Wirklichkeit und Fiktion Hallo, Sie stellen eine hochkomplizierte, fast philosophische Frage. Einfach ist die Beantwortung dahingehend, zu sagen, Kinder auch noch im Grundschulalter können diesen Unterschied noch nicht 100% nachvollziehen. Warum das aber im Gehirn noch nicht richtig funktioniert, ist sehr schwierig zu beantworten. die Hirnforschung hat ergeben, dass das Gehirn tatsächlich erlebte Szenen und nur im Film gesehene Szenen offenbar nicht an unterschiedlichen Stellen abspeichert. Es selektiert vielmehr nur nach Themen oder Inhalten, und nicht nach sinnlichem Angebot und neuronalem Transport. So muss ein Bewusstseinsschritt dazu kommen, der diese Selektion vornehmen kann. Und dieser Bewusstseinsschritt muss gekoppelt sein an das Selbstempfinden und Ichbewusstsein. Platon hat dieses Problem des Erkennens von dem, was wirklich ist und was nur Einbildung im Höhlengleichnis seinen Schülern klargemacht. Solange die Menschen angekettet in der Höhle sitzen und nur ihre Schatten an der Höhlenwand erkennen können, ausgelöst durch das Feuer hinter ihnen, halten sie dieses Schattenspiel für die Wirklichkeit. Das setzt natürlich voraus, das diese Menschen ihren Platz in der Höhle nie verlassen haben (daher angekettet). So ergeht es den kleinen Kindern. Man könnte sagen, dass auf der Höhlenwand auch ein Film mit Schattenspielen dargeboten wird, und die Kinder können nicht unterscheiden, ob ihr Schattenspiel etwas anderes ist als der Film ihres Schattenspiels. Erst, wenn die Ketten gelöst werden, die Kinder aus der Höhle herausgeführt werden, können sie erkennen, dass das Schattenspiel in der Höhle nur ihre bisherige beschränkte Wirklichkeit gewesen ist und "dahinter" noch eine ganze Welt besteht. Diesen Erkennen setzt aber voraus, dass das Kind begriffen hat, allein sein eigenes Ich entscheidet, was wirklich ist und was Fiktion. Und dieses Ich muss ebenfalls erst aus der Höhle heraus, um zu erkennen, wie diese Entscheidung funktioniert. Im Gehirn wird das so aussehen, dass ein Exekutivzentrum entwickelt wird, welches diese Entscheidung treffen kann. In der Hirnforschung vermutet man auch schon den Ort dieses Zentrums. Aber bevor dieses Zentrum reif ist, muss das Kind ganz viel über sich und die wirkliche Welt wissen, um überhaupt Exekutivfunktionan aufnehmen zu können. Ich hoffe, einigermaßen verständlich herübergekommen zu sein. Viele Grüße


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