Früherkennung einer Präeklampsie in der Schwanngerschaft

Früherkennung einer Präeklampsie

Dr. Mallmann

Unser redaktionelles Interview mit Dr. med. Hellmut Mallmann, Facharzt für
Gynäkologie und Geburtshilfe zum Thema der Früherkennung einer
Präeklampsie in der Schwangerschaft

Redaktion:

Herr Dr. Mallmann, was versteht man unter einer Präeklampsie?

Dr. Mallmann:

Die Präeklampsie ist eine sehr ernst zu nehmende, schwangerschaftsbedingte Erkrankung, die sich bei 3 - 5% der Schwangeren nach der 20. Woche – also in der 2. Schwangerschaftshälfte – mit hohem Blutdruck in Verbindung mit vermehrter Ausscheidung von Eiweiß im Urin ankündigen kann und zu einer verminderten Durchblutung der Plazenta führt, die das ungeborene Kind versorgt. Deshalb sind die regelmäßigen Blutdruck- und Urinkontrollen im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge so wichtig.

Redaktion:

Ist eine Präeklampsie gefährlich für Mutter und Kind?

Dr. Mallmann:

Ja – in besonders schweren Fällen kann es zu einer Störung der Leber- oder Nierenfunktion, zu Störungen des blutbildenden Systems und des Nervensystems kommen – bis hin zum Organversagen. Beim Ungeborenen führt die Präeklampsie meistens zu einem niedrigen Geburtsgewicht, bzw. zu Wachstumsstörungen im Mutterleib. In nicht seltenen Fällen kann eine vorzeitige Entbindung, bzw. das Einleiten einer Frühgeburt erforderlich werden, um größere Gefahren abzuwenden.

Redaktion:

Wie entsteht eine Präeklampsie? Gibt es Risikofaktoren?

Dr. Mallmann:

Wie es zu diesen Prozessen kommen kann, ist noch immer nicht vollständig geklärt – wobei jedoch das Verhältnis eines Wachs­tums­faktors der Plazenta (PIGF) und eines Eiweißenzyms (s-Flt-1) im Blut der Mutter offenbar eine entscheidende Rolle spielt.

Redaktion:

Was erwartet man in der Zukunft?

Dr. Mallmann:

Die medizinische Forschung arbeitet an stammzellenbasierten Therapien. Stammzellen spielen wegen ihrer Entwicklungs­möglichkeiten eine besondere Rolle. Bei Krankheiten, bei denen vorwiegend ein Zelltyp betroffen ist, wie bei Herzschwäche, Diabetes Typ I, Leberschäden oder bestimmten Augen­erkrankungen, könnten Stammzellen große Fortschritte in der Therapie bringen. Manche Forscher gehen sogar davon aus, dass in Zukunft ganze Organe aus den eigenen Stammzellen nachgebildet werden können.

Diese Erkrankung tritt häufiger in der ersten Schwangerschaft auf, oder wenn eine Vorschwangerschaft betroffen war. Aber auch bei Frauen über 40, Zwillingsschwangerschaften, wenn Mutter und Schwester erkrankt waren, bei bestehendem Blut­hochdruck und Übergewicht ist das Risiko höher. Bei Frauen mit solchen Kriterien spricht man dann auch von einer Risiko­schwangerschaft. Man wird bei diesen Frauen etwas wachsamer sein und häufiger kontrollieren.

Redaktion:

Warum ist Früherkennung so wichtig?

Dr. Mallmann:

Wird die Präeklampsie und ihre Folgen nicht behandelt oder nicht darauf reagiert, sind in der Folge Mutter und Kind gefährdet. Wird die Erkrankung früh erkannt, sind enge Kontrollen erforderlich, um den richtigen Zeitpunkt zu finden, wann blutdrucksenkende Medikamente oder eine vorzeitige Geburtseinleitung notwendig werden. Das ist lästig aber nicht lebensgefährlich. Frühzeitig erkannt, führt auch eine Schwangerschaft mit Präeklampsie meist zu einem guten Ende.

Redaktion:

Welche Möglichkeiten der Früherkennung gibt es heute?

Dr. Mallmann:

Schon beim Ersttrimesterscreening wird das Risiko, an Präeklampsie zu erkranken, berechnet. Auch die Größen­bestimmung mit Ultraschall und Doppleruntersuchungen im Verlauf der Schwangerschaft geben einen Hinweis auf eine Risikosteigerung. Ab der 20. SSW wird die Beobachtung des Blutdrucks im Hinblick auf eine mögliche Präeklampsie wichtig. Steigt der Blutdruck nachhaltig über 140/90 mmHg, ist hohe Aufmerksamkeit geboten. Da sich jedoch lediglich in etwa 20% der so erhöhten Blutdruckfälle eine Präeklampsie entwickelt, kann eine möglichst frühe Gewissheit nur durch einen Bluttest, der sogenannte "sFlt-1/PIGF Quotient", erlangt werden. Dieser Test misst die Konzentration bestimmter Proteine, die nach der Produktion in der Plazenta im Blut der werdenden Mutter zirkulieren.

Aus dem Verhältnis von dem Enzym, sFlt-1, zu dem Wachstumsfaktor des Mutterkuchens, PIGF, lässt sich eine verlässliche Prognose errechnen. Das ist im gesamten Vorgehen von großer Wichtigkeit, tritt doch bei 80% auffälliger Blutdruckwerte keine Präeklampsie auf.

Nach neuen Leitlinien wird die Untersuchung, seit dem 1.10.2019 bei Vorliegen eines Anfangsverdachtes, ab der 24. SSW von den Krankenkassen übernommen.

Redaktion:

Ist dieser Präeklampsie-Labortest zuverlässig?

Dr. Mallmann:

Man darf wohl sagen, dass es kaum eine Untersuchung gibt, die eine Krankheit mit solch hoher Sicherheit ausschließen oder voraussagen kann – so dass der sFlt-1/PIGF-Quotient inzwischen eine Schlüsselrolle bei der Behandlung der Präeklampsie einnimmt.

Anhand der Ergebnisse des Tests können recht sichere Aussagen gemacht werden, ob eine Schwangere eine Präeklampsie hat, oder ob sie in einer 1 Woche bzw. in 4 Wochen daran erkranken wird. So lassen sich Krankenhausaufenthalte verhindern. Das erspart den betroffenen Frauen viele Sorgen.

Es ist Aufgabe der Pränatalmedizin aus der Bewertung von Blutdruck, sFlt-1/PIGF Quotienten, Ultraschall und Doppler­kontrollen im Falle einer Präeklampsie Entscheidungen zu treffen, ob und wann eine vorzeitige Geburtseinleitung erforderlich ist.

Frühzeitig erkannt, lässt sich mit regelmäßigen Kontrollen in den meisten Fällen das Ziel erreichen: ein gesundes Kind.

Redaktion:

Herzlichen Dank, Herr Dr. Mallmann, für dieses Interview.

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