Prof. Dr. med. Michael Zemlin

Stammzellen Muttermilch bei Asphyxie/Frühgeborenen

Antwort von Prof. Dr. med. Michael Zemlin

Frage:

Guten Tag,
Wie ordnen Sie fachlich die "Verwendung" von Muttermilch aufgrund der enthaltenen Stammzellen bei vorgeburtlichem Sauerstoffmangel/Frühgeborenen ein?
Hintergrund: mir erzählte eine Mutter ihrem Kind wurde nach einem starken Sauerstoffmangel unter Geburt (Reanimation, Krampfanfälle, Kühlung) auf Anordnung einer Oberärztin Muttermilch in die Nase geträufelt, da es Studien dazu gäbe, dass die in der Muttermilch enthaltenen Stammzellen so über Umwege ins Gehirn wandern können. Ob nun damit zusammenhängend oder nicht, hat sich das Kind entgegen aller Prognose erstaunlich gut entwickelt. Ich hatte im Nachgang gelesen, auch bei Frühgeborenen wird das wohl teilweise angewandt?
Was denken Sie dazu? Wird das in der Praxis öfter durchgeführt?
(Meine Frage hat keinen akuten Anlass, ich möchte nicht auf eigene Faust Muttermilch verwenden. Mein (glücklicherweise zeitgerecht entwickeltes) Kind hatte lediglich aufgrund einer Plazentalösung ebenfalls einen Sauerstoffmangel, weshalb mich das Thema beschäftigt. Ich hoffe, es ist in Ordnung, dass ich die Frage trotzdem stelle.)

von Frage1234 am 28.06.2022, 00:23 Uhr

 

Antwort auf:

Stammzellen Muttermilch bei Asphyxie/Frühgeborenen

vielen Dank für diese interessante Frage! Muttermilch ist die beste Ernährung für den Säugling (mit sehr wenigen Ausnahmen wie z.B. bei hochinfektiöser HIV-Infektion). Seit Urzeiten werden der Muttermilch viele Heilwirkungen zugeschrieben, die zum großen Teil nicht in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen wurden. Die Wirkungen der Muttermilch werden in zahlreichen Forschungsprojekten intensiv untersucht. Ein besonders interessante Beobachtung ist, dass Muttermilch Zellen enthält, die viele Eigenschaften von Stammzellen aufweisen. Stammzellen sind vereinfacht gesagt Zellen, die sich in fast jedes beliebige andere Gewebe weiterdifferenzieren können. Stammzellen werden deshalb bei Knochenmarktransplantation und anderen Therapien eingesetzt. In Studien wird geprüft, ob sich Stammzellen beim Neugeborenen dazu eignen, unreife oder erkrankte Organe wie Lunge oder Gehirn positiv zu beeinflussen. Die Applikation von Muttermilch oder von angereicherten Stammzellen in die Nase des Neugeborenen wird momentan in aufwendigen klinischen Studien geprüft. Erste Studienergebnisse sind vielversprechend und deuten außerdem darauf hin, dass bei Beachtung entsprechender Vorsichtsmaßnahmen zumindest kein Schaden aus der Gabe von Muttermilch in die Nase entsteht. Ob und in welcher Dosierung durch die Applikation von Stammzellen oder Muttermilch in die Nase ein Nutzen, eine neutrale Wirkung oder sogar ein Schaden entsteht, ist noch nicht abschließend geklärt.
Was bedeutet dies für die Praxis? Die Anwendung von Muttermilch ist als "Hausmittel" seit Jahrhunderten üblich. Im medizinischen Umfeld ist Muttermilch bisher nur zur Ernährung zugelassen. Daher sind in der Regel die Anwendungen, zu denen momentan wissenschaftliche Untersuchungen stattfinden (wie z.B. die Applikation in die Nase), nur mit Zustimmung der Eltern als sogenannter "Heilversuch" zulässig. Es wäre also am besten, eine solche Maßnahme im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie durchzuführen, in der die Entwicklung des Kindes systematisch erfasst wird - denn dies würde dann dem wissenschaftlichen Fortschritt dienen. Ganz ähnlich verhält es sich mit vielen anderen neuen Therapiemethoden.

von Prof. Dr. med. Michael Zemlin am 28.06.2022

Antwort auf:

Stammzellen Muttermilch bei Asphyxie/Frühgeborenen

Vielen Dank für die ausführliche Antwort!

von Frage1234 am 28.06.2022

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