Dr. med. Ludger Nohr

Sensibles Kind?

Antwort von Dr. med. Ludger Nohr

   

 

Sensibles Kind?

Sehr geehrter Herr Dr. Nohr,

könnten Sie mir bitte Tipps geben, wie ich mit Folgendem umgehen soll:
Seit einer Weile darf ich keine Bücher mehr vorlesen, in denen schlechte Dinge passieren, außer sie passieren "den Bösen". Also zB Geschichten mit Autonfällen, Tiere die andere Tiere fressen, Menschen die Angst haben usw werden nur noch unter Protest akzeptiert. Ich darf mit ihm nicht mehr das Sankt Martinslied singen wegen dem "armen Mann".
Vermeidungsverhalten beunruhigt mich sehr aufgrund eigener Diagnose/Verhaltenstherapie vor einigen Jahren, ggf mit erblicher Veranlagung. Sollte ich vor diesem Hintergrund versuchen, meinem Kind nicht nachzugeben? Ich bin mir bewusst, dass ich nicht ganz unbefangen bin, darum bitte ich ja um Hilfe.
Kann ich meinem Kind denn helfen "abzuhärten" ohne Methoden aus der schwarzen Pädagogik? Mein Kind ist 3,5 Jahre alt. Vielen Dank im Voraus.

von Karasuma am 30.11.2020, 15:47 Uhr

 

Antwort:

Sensibles Kind?

Hallo,
es ist gut und wichtig, dass Sie das bemerken und sich damit auseinandersetzen.
Man erlebt immer wieder Phasen bei Kindern, in denen sie Schlechtes und Böses nicht akzeptieren und aushalten können. Bei anderen Kindern erleben wir, dass "Böses" sie lange Zeit ängstigt und bewegt. Und wieder andere freuen sich, wenn es richtig "schlimm" wird.
Nun sind Sie über Ihre eigene Geschichte natürlich für dieses Thema, das übrigens nicht vererbt wird, sensibilisiert. Und das nennt man dann soziale Vererbung (also nicht genetisch festgelegt), die Kinder spüren und lernen die elterliche Haltung.
Das ist der Hintergrund, der Sie ein bißchen beruhigen soll.
Wie können Sie hilfreich und verständnisvoll damit umgehen? Solche Stellen kommen in Geschichten immer wieder vor (man muß sie nicht suchen aber auch nicht vermeiden) und dann sollte man sich die Zeit nehmen, auf die Reaktion der Tochter einzugehen. Was hört sie da, was stellt sie sich vor, was könnte eine Lösung für die Märchenfigur sein(man kann also das Märchen mal ganz anders weitergehen lassen) usw.? Das ist nicht abhärten (das ist für mich das falsche Ziel), sondern altersgerechter Umgang mit belastenden Situationen. Ihre Erklärungen können ihr dann helfen, das Geschehen einzuordnen, wenn Sie akzeptieren können, dass sie so heftig und emotional reagiert. Diese imaginierten Lösungen können Ihrer Tochter auch erfahrbar machen, dass es Wege gibt und sie sie selbst auch finden kann.
Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie "Störungen" hilfreich (für die Beziehung und für neue Lösungen) sein können. Man lernt sich kennen.
Dr.Ludger Nohr

von Dr. med. Ludger Nohr am 01.12.2020

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