Frage im Expertenforum Entwicklung von Babys und Kindern besser verstehen an Dr. med. Rüdiger Posth:

"sich hineindenken" - wann ?

Frage: "sich hineindenken" - wann ?

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Guten Morgen Herr Dr. Posth! Ab wann sollte sich ein Kind VOR seinem Handeln bewußt sein können, was er bei seinem Gegenüber bewirkt ? Unser Sohn (8) ist zwar in der Lage anschließend zu reflektieren - z.B. daß XY ihn nicht mehr mag, weil er ihn gehauen hat - fühlt sich auch "schuldig" und möchte es beim nächsten Konflikt besser machen. Aber IN der Situation schafft er es nicht. Seine Worte: Ich WILL ja gar nicht hauen aber ich KANN dann nicht anders/aufhören". Es macht mich sehr betroffen, weil er hinterher auch immer (mit)leidet und durchaus gewillt ist, sich anders zu verhalten. Auch wenn ich in eine Konfliktsituation hineinkomme und ihn darauf hinweise, wie er sich gerade wieder verhält findet er zu 80% den "Absprung" nicht mehr - nur ab und an klappt es. Wie kann ich ihn - außer durch Gespräche - sinnvoll unterstützen ? Danke und VG, Silke


Dr. med. Rüdiger Posth

Dr. med. Rüdiger Posth

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Stichwort: Moralentwicklung Liebe Silke, die Fähigkeit, sich in den Empfindungs- udn Gedankenwelt eines anderen Menschen hinein zu denken beginnt mit dem Perspektivwechsel und der Erkenntnis des verschiedenen Realitätskontinuums im Anderen bereits mit 4 Jahren (Theory of Mind). Nun ist es natürlich so, daß das Schema allein noch nicht viel besagt, außer der Fähigkeit selbst. Im Laufe der nächsten Jahre muß die Fähigkeit mit viel Inhalt gefüllt werden, so daß sie zu einem Steuerinstrument im Sozialverhalten wird. Dazu braucht das Kind aber viel Sozialkompetenz und auch Einsichtsfähigkeit in sein eigenes Handeln. Das alles wächst mit den weiteren Lebensumständen und sucht sich seine Basis im bisherigen Selbstkonstrukt. Jetzt zeigt sich also langsam, was in den ersten Lebensjahren hierzu zusammengekommen ist. Kinder mit "unausgewogenem Selbst" (s. mein Buch), also Kinder, die ohne gesunden Stolz und mit viel tief verborgener Scham aus der frühen Kindheit hervorgehen, operieren also jetzt von einer schlechteren Basis aus. Ich erkläre das hier nur ganz allgemein, um die Zusammenhänge darzustellen. Nun ist es aber mit dem menschlichen Handeln so, daß längst nicht alles unter 100% bewußter Kontrolle stattfindet. Insbesondere wenn Emotionen im Spiel sind, versagt die Kontrolle leicht. Da geht es Ihrem Sohn nicht anders als anderen Menschen. Wenn nun ein unterschwelliger aggressiver Impuls vorliegt, ist er in einer emotional aufgeheizten Situation natürlich gefährdet, diesem aggressiven Impuls nachgeben zu müssen. Um das in den Griff zu bekommen, dafür gibt es inzwischen Angebote als Antiaggressionstraining. Ich weiß aber nicht, ob es das auch schon für so junge Kinder gibt, und vor allem wo in Ihrer Umgebung so etwas angeboten wird. Erkundigen Sie sich einmal. Viele Grüße


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