Frage im Expertenforum Entwicklung von Babys und Kindern besser verstehen an Dr. med. Rüdiger Posth:

Selbstsicherheit

Frage: Selbstsicherheit

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Hallo Dr. Posth, Ihren Langtext lese ich immer wieder gerne und mit Interesse. Allerdings würde ich gerne nochmal konkret etwas zum Thema Ich-Stärke nachfragen. Mein Sohn wird im Oktober 4 und ist ein sehr lebhaftes, fröhliches und originelles Kind. Mein Mann und ich sind sehr begeistert von ihm und loben ihn oft für das, was er schon alles kann. Auch im Kindergarten wird er gemocht und gelobt. Im Haushalt darf er mithelfen, wann er will und stellt sich oft sehr geschickt dabei an, schlägt z.B. beim Kuchenbacken selbst die Eier auf. Trotzdem kommt es vor, dass unser Sohn sehr schnell verunsichert ist. Neulich z.B. kamen uns auf der Straße 3 jugendliche Mädchen entgegen, die ihn ansahen und dabei lachten. Als sie vorbei waren, sagte er traurig zu mir: "Mama, die haben mich ausgelacht!" Dieser Eindruck entsteht bei ihm öfter. schnell ist er entmutigt, wenn er das Gefühl hat, man lacht. Dann läuft er auch schnell weg und versteckt sich, als würde er sich schämen. Nachdem mein Mann neulich über den Namen seines imaginären Tier-Freundes lachte (freundlich) hat er diesen Namen nie wieder erwähnt. Manchmal habe ich ausserdem den Eindruck, dass er geradezu nach Lob fischt, obwohl er doch eigentlich wissen müsste, dass wir ihn gut finden (weil wir es oft sagen). Wenn er ein Bild malt und ich ihn dafür lobe, malt er gleich noch zehn Bilder mehr, um immer wieder neu zu hören, dass er schon so schön malen kann. In Ihren Antworten habe ich gelesen, dass so etwas daher kommen kann, dass die Selbstwahrnehmung des Kindes nicht mit dem Lob von aussen übereinstimmt - aber wie kommt es dazu? Warum ist er nicht selbstsicherer obwohl er doch so viele Erfolgserlebnisse hat? Und wie kann ich ihn stärken? Loben wir ihn zuviel? Wie könnte ich ihm sonst helfen, selbstsicher und gelassen zu sein? Beste Grüße & vielen Dank für Ihre Antwort Mimi


Dr. med. Rüdiger Posth

Dr. med. Rüdiger Posth

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Hallo, schade, daß Sie noch nicht den 4. Teil meines "Langtextes" lesen können. Da erkläre ich nämlich, wie diese Entwicklung weiter geht. Im 5. Teil geht es dann um die Ausbildung des menschlichen Gewissens und wenigstens prinzipiell um die Vernunft. Das ganze ist natürlich längst ein Buch geworden mit dem Arbeitstitel "Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen" (der auch bleiben darf). Ich bin fleißig dabei, einen geeigneten Verlag für dieses Buch zu finden, aber das Kuriose ist, daß dieser Schritt gar nicht so einfach ist. Verlage schauen heutzutage mehr auf die wirtschaftliche Seite eines Buchprojekts, als auf die inhaltliche. Also im Vorweggriff: Jedes Kind braucht und entwickelt daher in seiner Selbstsicht und Selbstbeurteilung einen Stolz- und einen Schamanteil. Dafür sammelt es in seiner Kindheit positive wie negative Attribute. Dabei spielen selbstverständlich die Eltern eine entscheidende rolle, aber nicht mehr nur die Eltern, sondern alle einigermaßen wichtigen Menschen des jeweiligen Umfeldes auch. Also z.B. auch die Kindergärtnerinnen, was z.B. Jutta Kienbaum an der Uni Augsburg in einer groß angelegten Studie untersucht hat, veröffentlicht in Pabst Science Publishers. Gerade für Jungen, so hat sie herausgefunden, ist die Meinung der Kindergärtnerin sehr wichtig. Aber auch Mädchen werden jetzt ganz klar immer wichtiger für die Jungen! Ihre Geschichte mit den 3 kichernden Mädchen paßt ausgezeichnet dazu. Ihr Kichern hat ihn verunsichert und "beschämt". Der Vater bleibt jetzt wichtiges Vorbild dabei, und seine Meinung über den Sohn ist diesem besonders wichtig. (Mutter -Tochter identisch, gekreuzt je nach familiärer Konstellation etwas weniger). Lacht er z.B. über etwas, das seinem Jungen "heilig" ist, dann ist dieser gekränkt und fühlt sich negativ attributert. Auch wenn der Vater es eigentlich anders gemeint hat. Schlußfolgerung: Solche "Pannen" sollten nicht so oft passieren. Denn aus all diesen Erlebnissen mit sich selbst und seiner Außenwirkung, baut sich der Mensch (quasi als Summationseffekt) sein Selbstbewußtsein zusammen. Dieses sollte überwiegend gut attibutiert sein, sonst fühlt sich das Kind minderwertig und schlecht. Es zieht sich dann entweder traurig zurück oder es wird aggessiv aufmüpfig, je nach Charakterstrukter und Vorerlebnissen in der primären Bindung und Loslösung. Wohlgemerkt, das alles spielt sich im Normalbereich ab, d.h. bei jedem Menschen, und jetzt sehen Sie auch, wie wichtig das mit der Bindung und der Loslösung gewesen ist. Letztlich geht es nämlich um die Autonomie des Selbst, also die Individuation und Selbstentstehung. Es geht um den Kern der Persönlichkeit von uns allen! Ich hoffe, Sie konnten mir in dieser kurzen Abhandlung einigermaßen folgen. Viele Grüße


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