Dr. med. Ludger Nohr

Die psychische Entwicklung von Babys
und Kindern besser verstehen

Dr. med. Ludger Nohr

   

 

Leicht oppositionell... was tun?

Lieber Dr. Nohr, unsere To. 3,5 Jahre ist ein sehr intelligentes, gut entwickeltes, witziges Mädchen mit guter sozialer Kompetenz. Sie hatte von Anfang an Schwierigkeiten Gefühle zu regulieren. Bisher haben wir mit sehr viel Verständnis und immer bindungsorientiert reagiert. Es wird nun aber zunehmend offensichtlich, dass sie sich in den meisten Situationen, in denen sie anfängt zu schreien (teils auch beißen und treten), sehr gut beruhigen KANN, aber nicht WILL. Z.B. wir haben Besuch, ich beende eine Bastelarbeit, weil es zu viel Schweinerei wurde... sie hört nicht, biegt den Rücken durch, will sich auf den Boden schmeißen, knatscht und mault, brüllt teils... ich buchsiere sie ins Bad zum waschen... sie wehrt sich. Beißt meine Hand. Ich sage, wiel mir nichts anderes einfällt: "Sofort Stoff, sonst geht der Besuch heim!". Sie sortiert sich sofort und sagt kleinlaut: "OK, das will ich nicht. Ich höre auf". Ich bin sehr verunsichert, da es immer heißt man solle Wut nicht abwerten. ABer ich kann doch ein solches VErhalten nicht mehr einfach nur anschauen und sie dann am Ende trösten? Ich habe das Gefühl das war ein Fehler meinerseits bisher.

von Siegfriedstochter am 10.01.2019, 07:10 Uhr

 

Antwort:

Leicht oppositionell... was tun?

Hallo Tochter Siegfrieds,
"liebevolle Klarheit" heißt nicht aushalten und gewähren lassen, nur verstehen und erklären. Es heißt auch, in dieser Weise Grenzen setzen, für Klarheit sorgen.Das kann das Kind nur lernen, was (bei Ihnen oder anderen) geht und wo Ärger droht, wo weiche oder harte Grenzen sind, wieviel Sie wann aushalten. Diese Lernschritte kann man nur durch Klarheit ermöglichen, ohne das Kind für seine Handlung und Haltung zu beschuldigen oder gar zu demütigen. Das Kind muß "lesen lernen", woran sie bei Ihnen ist, was Sie für richtig halten. Das bedeutet, dass diese Klarheit, auch wenn das Kind das im Moment anders erlebt, eine Hilfe ist, die Entwicklung sozialer Kompetenz unterstützt.
Das bedeutet auch, die eigenen Gefühle sichtbar/erkennbar machen, damit das Kind lernt, was es auslösen kann, welche Wirkung seine Handlung hat.
Es geht also um eine ehrliche, authentische Haltung die es dem Kind erlaubt, klare aber nicht kränkende oder abwertende Erfahrungen zu machen und daran zu lernen.
Dr.Ludger Nohr

von Dr. Ludger Nohr am 10.01.2019

Antwort:

Leicht oppositionell... was tun?

Im Kindergarten und bei anderes benimmt sie sich tadellos. Heißt, sie kann ihre Impulse sehr wohl kontrollieren.
Wie kann ich konkret Grenzen setzen? Wenn sie mich beißt und sich auf dem Boden windet, es offensichtlich keine sie übermannende Emotion ist? Darf ich dann das aktuelle Spiel beenden und sagen: "so nicht... es geht weiter, wenn du wieder ruhiger bist?".... oder sagen: "Wir sind beide grad sauer... lass uns ruhiger werden. Ich im Wohnzimmer und du in deinem Zimmer. Dann gehts am schnellsten".... Danach würde ich natürlich mit ihr drüber reden, was nicht OK war.
Wenn ich sie körperlich irgendwo weg holen muss, weil sie niicht hört. Sie dann zappelt und strampelt und kreischt... darf ich sie locker, aber bestimmt halten und sagen: "Ich setz dich ab, sobald du normal mit mir redest und mit dem Theater aufhörst?"

Irgendetwas muss ich dringend an meiner Art nur zu "spiegeln" und lieb und nett zu sagen: " Ja, du bist jetzt wütend.... das verstehe ich" und alles nur auszusitzen ändern. Denn wir haben Tage, an denen rauscht sie von einer Szene in die Nächste bis sie ihren Willen hat.

Sie bekommt viel Aufmerksamkeit. darf an allem teilhaben. Bisher keinerlei Bestrafung. Logische Konsequenzen auch sparsam eingesetzt. Alles ist gut, solange ihre Laune gut ist. Dann sind die Pforten zur Hölle aufgestoßen.

Habe ich die abwartende Haltung und Emotionen nicht bewertende Haltung, die Sie empfehlen, überinterpretiert?

von Siegfriedstochter am 10.01.2019

Antwort:

Leicht oppositionell... was tun?

Hallo Siegfriedstochter,
mir kam beim Lesen sowas wie ein Deja vu. Darum schreibe ich spontan. Ich hoffe, es stört Dich nicht.

Ich hatte in einer zweiten Klasse mal einen sehr lustigen, sehr begabten, aber sozial und emotional deutlich weniger gereiften Schüler. Er fand alles lustig, was anders war als es sein sollte, saß unter dem Tisch, tanzte singend durch die Klasse, wenn Stillarbeitsphasen waren und tat alles, um alles durheinanderzubringen. Eines Tages war es so schlimm, dass ich ihn an den Schultern anfasste und stillhieltund ihm sehr laut, klar und unwiderruflich deutlich machte, dass dieses Verhalten von mir absolut nicht mehr akzeptiert würde, er müsse es SOFORT lassen. Ich habe meine persönliche Grenze sowas von deutöich gemacht, dass die ganze Klasse mucksmäuschenstill war und den Atem anhielt. Danach arbeitete er still, alle anderen Kinder waren sehr beeindruckt, dass ich auch SO sein konnte, aber froh, dass endlich Ruhe war, und das blieb so den Rest des Tahes. Ich nahm aber ein furchtbar schlechtes Gewissen mit nach Hause, machte mir Gedanken, Vorwürfe, so böse und hart gewesen zu sein usw.

Am nächsten Tag kam ich geknickt zur Schule, entschlossen, das noch mal zu thematisieren, als er angeschossen kam, mir um den Hals fiel und rief: "Du bist die beste Lehrerin der Welt!!" Als ich daraufhin erstaunt war und fragte, wie er denn das so sehen könne, wo ich doch am Tag zuvor so echt hart und streng zu ihm gewesen war, antwortete er ganz ernst: "Aber genau das hab ich da gebraucht!" Mir kamen fast die Tränen. Aber er hat mir damals beigebracht, dass nur nett zu sein eben manchmal auch überfordert. Fehlende Authentizität wird von den Kindern fein gespürt, und sie zeigen uns dann, dass wir UNSERE EIGENEM Gefühle auch zeigen müssen. Die Grenze, die die Kinder auch bei uns manchmal überschreiten, muss fühlbar sein.

Ich würde Dein Kind überhaupt nicht mit diesem Schüler vergleichen wollen, eher Deine Haltung mit meiner eigenen. Ich finde es absolut legitim, die eigenen Gefühle und die eigenen Grenzen klar zu zeigen. Das wertet keine Gefühle des Kindes ab, sondern gibt ihm die Klarheit und den Rahmen, den es in dem Moment möglicherweise auch braucht. Du sagst ja nicht sowas wie: "Das ist jetzt albern, so ein Getue zu machen!" DAS wäre beschämend. Du sagst, dass es Dir zu viel ist, es Notwendigkeiten gibt, z.B. waschen, bevor noch mehr Wohnung eingesaut wird, was DIR Arbeit verursacht und DU darum nicht willst. Vollkommen ok, würde ich sagen. :--)

Liebe Grüße und viel Freude mit Deinem Schlaukopf zu Hause!

Sileick

von Schniesenase am 10.01.2019

Antwort:

Leicht oppositionell... was tun?

Darf ich dann nochmals konkret nachfragen, ob das Androhen von Konsequenzen ("wenn du mich beißt, ist das Spiel an dieser Stelle beendet" oder "wenn du hier (z.B. Café) so ein Drama machst, nehm ich dich nächstes Mal nicht wieder mit") vertretbar ist? Ich bin sehr verunsichert, wie ich meine Grenzen deutlich machen soll, ohne entweder viel zu erklären und zu reden, das Kind nicht alleine zu lassen (also umdrehen und ignorieren) und die Handlung nicht abzuwerten. Ein "ich will nicht, dass Du dich so benimmst", bewertet doch die Handlung als "nicht akzeptabel"... oder sehe ich das falsch?

von Siegfriedstochter am 10.01.2019

Antwort:

Leicht oppositionell... was tun?

Natürlich kann das gesagt werden. Wichtig ist, nicht damit anzufangen, also eine Steigerung zu ermöglichen, früh eine falsche Richtung zu erkennen. Und Sie können auch sagen, dass Sie dieses Verhalten nicht wollen, nicht akzeptieren, falsch finden. Die Handlung kann und muß immer wieder auch bewertet werden, aber das Kind soll deshalb nicht abgewertet werden ("Du bist ein schlimmes Kind, wenn du so was machst" usw.) An Ihrer Reaktion lernt die Tochter was geht und sie wird und darf die Grenzen ausprobieren. Sie braucht die Klarheit Ihrer Grenzen, aber ohne Abwertung der Person (Wir haben das früher "niederlagslose Methode" genannt).
Ist klarer, wie das gemeint ist?
Dr.Ludger Nohr

von Dr. Ludger Nohr am 11.01.2019

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