Hannah1990
Hallo Herr Dr. Gagsteiger, mir haben Ihre Antworten bei anderen Beiträgen immer sehr weitergeholfen und nun habe ich selbst eine Frage. Bei mir wurde bei einer transvaginalen Hydrolaparaskopie Endometriose Grad II an den Beckenwänden und vermutlich auch an den Eileitern festgestellt. Da meine beiden Eileiter verschlossen sind, sind wir auf eine IVF angewiesen (das SG meines Partners ist normal). Ich bin hin und hergerissen, ob ich mich einer Bauchspiegelung unterziehen soll, um die Endometriose entfernen zu lassen oder direkt mit einer IVF beginnen kann? Ich habe die Befürchtung, dass durch diesen Eingriff mein ovarielle Reserve weiter sinken könnte. Ich bin 35 Jahre alt und mein AMH-Wert lag Anfang des Jahres bei 1,04. Habe Sie eine Empfehlung für mich? Vorab herzlichen Dank und viele Grüße
Guten Abend, vielen Dank für Ihre Nachricht und Ihr Vertrauen. Ihre Überlegung ist absolut berechtigt: Wenn beide Eileiter verschlossen sind, ist die IVF tatsächlich der entscheidende Weg zur Schwangerschaft. Die zentrale Frage ist dann nicht mehr, ob eine Operation die natürliche Fruchtbarkeit verbessert, sondern ob sie die Chancen einer IVF relevant erhöht — und genau das ist bei einer Endometriose Grad II nicht automatisch der Fall. Bei einer leichten bis mäßigen Endometriose an den Beckenwänden würde ich vor einer IVF nicht grundsätzlich zu einer Bauchspiegelung raten, wenn keine starken Beschwerden, keine größeren Endometriome am Eierstock und kein konkreter Verdacht auf entzündliche oder flüssigkeitsgefüllte Eileiter bestehen. Gerade bei einem AMH von 1,04 und einem Alter von 35 Jahren sollte man sehr sorgfältig abwägen, ob man durch eine Operation Zeit verliert oder die ovarielle Reserve zusätzlich belastet. Wichtig ist besonders die Frage, wie die verschlossenen Eileiter aussehen. Wenn ein Eileiter zu einer Hydrosalpinx erweitert ist, also Flüssigkeit enthält, kann diese Flüssigkeit die Einnistung deutlich verschlechtern. In diesem Fall wäre vor einem Embryotransfer häufig eine operative Sanierung oder zumindest ein Verschluss des betroffenen Eileiters sinnvoll. Wenn die Eileiter dagegen zwar verschlossen, aber nicht flüssigkeitsgefüllt erweitert sind, ist der Nutzen einer Operation vor IVF deutlich weniger klar. Ich würde deshalb pragmatisch vorgehen: Zunächst sollte nochmals sehr genau per Ultraschall — gegebenenfalls auch durch eine erfahrene Kinderwunschpraxis oder Endometriose-Sprechstunde — geprüft werden, ob eine Hydrosalpinx vorliegt und ob Endometriome an den Eierstöcken bestehen. Wenn keine Hydrosalpinx und keine größeren Endometriome vorhanden sind, spricht vieles dafür, eher zeitnah mit der IVF zu beginnen, statt vorher operativ einzugreifen. Eine Operation wäre aus meiner Sicht eher dann zu erwägen, wenn Sie deutliche Schmerzen haben, wenn eine Hydrosalpinx vorliegt, wenn größere Endometriome am Eierstock bestehen, wenn der Ultraschall auf eine tief infiltrierende Endometriose hinweist oder wenn der Zugang zu den Eierstöcken bei der Punktion sonst schwierig wäre. Ihre Sorge bezüglich der ovariellen Reserve ist ernst zu nehmen. Besonders Eingriffe am Eierstock können die Reserve beeinträchtigen. Eine reine Entfernung oberflächlicher Herde an der Beckenwand ist meist weniger problematisch, aber jede Operation bedeutet Zeit, Narkose, Entzündungsreaktion und ein gewisses Risiko. Bei Kinderwunsch sollte eine Operation deshalb immer einen klaren Nutzen haben — nicht nur „weil Endometriose da ist“. Meine Tendenz wäre daher: Wenn keine Hydrosalpinx, keine größeren Endometriome und keine starken Beschwerden bestehen, würde ich eher nicht zuerst operieren, sondern zeitnah eine IVF planen. Wenn bei der Diagnostik aber eine Hydrosalpinx bestätigt wird, sollte diese Frage vor einem Transfer sehr ernsthaft besprochen werden. Besprechen Sie bitte mit Ihrem Kinderwunschzentrum ganz konkret diese drei Punkte: Gibt es eine Hydrosalpinx? Gibt es Endometriome am Eierstock? Würde eine Operation in meinem individuellen Fall die IVF-Chance tatsächlich verbessern — oder eher Zeit und ovarielle Reserve kosten? Dann lässt sich die Entscheidung meist deutlich klarer treffen. Herzliche Grüße F. Gagsteiger
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