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Geschrieben von ninas59 am 14.02.2006, 16:17 Uhr

DIE WURZEL ALLEN ÜBELS

(((Wusste doch, dass ich diesen Artikel auch im Netz finde :-) Passend zum Thema)))
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Unser Kollege Sebastian Glubrecht hat einen Mathelehrer zum Vater. Welch ein Glück! Sein Pech nur, dass Daddy die Schulung seines Sohnes den Kollegen überließ.


Ein talentierter Onkel genügte, um Benoît B. Mandelbrot die Gene eines Mathegenies zu vererben (vgl. Seite 16). Demnach hätte aus mir leicht ein zweiter Einstein werden können: Mein Vater ist Mathelehrer, mein Opa Physikprofessor, mein Onkel Informatiker. In unserem Wintergarten fanden Schachturniere statt; die Laudatio zum 75. Geburtstag meines Opas hielt der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker. Nur ich habe die Mathematik nie verstanden. Weil sie mir meine Mathelehrer nie ans Herz gelegt haben.

In der Grundschule war es Herr Maier. Ein böser alter Mann, der früher noch Schüler schlagen durfte und diesen guten alten Zeiten hinterhertrauerte. Seine Lehrmethode: Er schrieb Aufgaben an die Tafel, wir schrieben sie ab. Ich habe lieber unter dem Tisch Donald-Duck-Comics gelesen. Mich faszinierten die Fantastilliarden und Kolossiarden Taler, die Onkel Dagobert im Geldspeicher hortete. Meinen Spaß an großen Zahlen hätte Herr Maier fördern können, als er mich beim Lesen erwischte. Stattdessen scheuerte er mir eine.

Auf dem Gymnasium brannten die neuen Pädagogen darauf, mich für ihre Fächer zu begeistern. Meine Deutschlehrerin spornte mich an, einen zweiten Club der toten Dichter zu gründen. Der Biologielehrer führte mich wie Indiana Jones durch schlammige Biotope, um mir seltene Pflanzen zu zeigen. Selbst der Sportlehrer brüllte aus vollem Hals ein aufmunterndes »Laauuuf!« über den Fußballplatz. Wer schlechte Mathelehrer hat, läuft Gefahr, für immer für die Mathematik verloren zu sein, denn wo, wenn nicht in der Schule, kommt man mit Mathe in Berührung? Wer einen schlechten Deutschlehrer hat, kann immer noch leicht für Literatur begeistert werden, er braucht nur einen Freund, der sagt: »Hast du dieses wahnsinnig gute Buch gelesen?« Wer schlechte Englischlehrer hat, lernt die Sprache, weil er Musik hört oder sich – noch besser – in eine Engländerin oder Amerikanerin verliebt. Und das Dumme ist: Es gibt auffallend viele schlechte Mathelehrer, mehr als in allen anderen Fächern. Woran das liegt, weiß ich nicht. Mit dem Rücken zur Klasse schrieben sie meterlange Gleichungen an die Tafel. Ich saß da und starrte ihre Rücken an. Es war den Mathelehrern egal, ob ich mitschrieb, egal, ob ich etwas von ihrem Unterricht verstand oder nicht. Ein paar Streber würden schon die Einser schreiben. So unterdrückten schlechte Pädagogen die Mathegene, die doch eigentlich in mir schlummern müssten.

Ich verpasste die Grundlagen, kam nicht mehr mit und sackte ab auf Vier minus. An diesem Punkt griff mein Vater ein. Er war Lehrer an einem Gymnasium im Nachbarort. Stundenlang erteilte er mir Nachhilfeunterricht im Wintergarten. Seine Lehrmethode war besser. Er appellierte an meine Vorstellungskraft: »Wenn du ein Band um den 40000 Kilometer langen Äquator legst«, fragte er, »um wie viele Meter musst du es verlängern, damit es überall einen Meter von der Erde absteht?« Im Geist konnte ich jenes Band sehen, wie es sich durch Afrika, Asien, über Berge und durch Ozeane zog. »Ich müsste es um mindestens tausend Kilometer verlängern«, sagte ich. »Falsch«, antwortete er. »Nach der Formel 2(rE + 1) - 2rE, wobei rE der Radius der Erde ist, braucht das Band bloß um 6,28 Meter verlängert werden.« Nun bekam auch Mathe einen Sinn und Zweck. Ich staunte und lernte. Mit 15 Jahren hatte ich mein erstes mathematisches Aha-Erlebnis. Nun hätte ich zu großen geistigen Abenteuern aufbrechen können. Leider machte mir diesmal ein verrückter Mathelehrer einen Strich durch die Rechnung.

Herr Bachoff war Mitglied einer fundamentalistischen christlichen Sekte. Er dozierte im Unterricht über drei Höllen, in denen Sünder unterschiedlichsten Grades schmoren. Ich konzentrierte mich nur noch auf seine irren Geschichten und fragte mich nicht mehr: »Wie löse ich die Aufgabe?«, sondern: »Was muss ich sagen, damit ich keine Sechs bekomme?«

Bachoffs Unterricht versetzte meinem aufkeimenden Interesse den Todesstoß. Ich schloss mit der Mathematik ab, blockierte, wollte nicht mehr mitdenken, bekam eine Fünf. Daran konnte selbst mein Vater nichts mehr ändern. Auf Beschluss des Familienrats wählte ich Mathe nach der zwölften Klasse ab. Sechs Jahre später stellte mein kleiner Bruder die Familienehre wieder her und entschied sich für den Mathematik-Leistungskurs. Mein Vater geht in zwei Jahren in Rente. Er hat 35 Jahre lang für die Mathematik geworben. Wäre ich in seiner Klasse, ich würde wie die jungen Literaturschüler im Club der toten Dichter in der letzten Stunde auf den Tisch steigen und laut rufen: »Oh Captain, mein Captain!«



SEBASTIAN GLUBRECHT
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Quelle
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/front_content.php?lang=2&idcatside=1637

 
5 Antworten:

Ja, das kenn ich

Antwort von Schwoba-Papa am 14.02.2006, 17:39 Uhr

ich wurde auch schon in der Schule als Genie verkannt und mangels entsprechender Förderung des Lehrkörpers sämtlichen akademischen Graden beraubt :-)

Gott sei Dank hatte meine Frau Mathe LK und darf mich mal vertreten !

Grüßle

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Re: Ja, das kenn ich

Antwort von JoVi66 am 14.02.2006, 18:32 Uhr

Ich hatte in Mathe immer einsen, selten eine zwei. Dann bekamen wir in der 8. Kl unseren Sportlehrer, der einfach ein Fach dazu nehmen musste und leider Gottes war dies Mathe. Sport alleine ging nicht mehr durch.
Nicht nur ich, auch alle anderen fielen um eine oder zwei Noten ab! Und erst in der 10.Kl wurde gehandelt und ein neuer Mathelehrer übernahm die "versauten Klassen". Es war wirklich höllisch schwer, noch den Anschluss zu kriegen und erst in der 11 Kl war ich wieder so fit, dass ich in Mathe 12 Punkte bekam. So dass ich letzztendlich doch noch Mathe LK nehmen konnte
Gruß Johanna

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JA!

Antwort von maleja am 14.02.2006, 19:26 Uhr

Unterschreibe ich alles.

Bis zur Zehnten hatte ich einen begnadeten Mathelehrer. Der hat seinen Unterrischt so gestaltet, dass ich jetzt noch sehr viele Dinge weiß (und die bringen mir auch noch heute Vorteile)
In der 11. dann eine Katastrophe. Eine kleine unscheinbrae Lehrerin, die ich in der hintersten Reihe nicht verstehen konnte. Ich schaltete ab und gab die Klausurblätter mit name, Klasse, datum und sonst nix drauf, ab.
Eine glatte 6. 11. nochmal. Die gleiche Lehrerin. Schule verlassen.

Jahre später die Fachhochschulreife nachgemacht. Mein bester Freund in der KLasse ein Mathegenie. Der saß mit mir stundenlang in der Küche, bis die Kronleuchter in meinem Kopf aufgingen....

Erste Arbeit: 4
Prüfung: 1,5

Ingenieurstudium:

Was will der Mathe- Prof da vorne eigentlich von mir? (Ich hatte mich hauptsächlich auf Mathe gefreut)

nach dem Semester Wechsel in ein naderes Studienfach (war so geplant, hatte nix mit mathe zu tun)...und ich bekam den besten begnadesten Mathelehrer auf der Welt. Und ich war beruhigt. Ich konnte es doch noch!

Ein BEispiel seiner Lehrkunst:

"Meine damen und Herren, auf der ganzen Welt wird die erste Ableitung f`(x) geschrieben. Ich werde es IHnen beweisen. Ich geh jetzt ins Foyer und hole mir einen Chinesen" (Anmerkung: Wir hatten viele chinesischen Studenten, da die Hochschule eine Partnerhochschule in China hat)

Errausgeschossen, war 2 Minuten draußen und kam mit einem Afrikaner zurück "Einen Chinesen habe ihc leider nicht entdecken können. Aber - an den Studenten gewandt - woher kommen Sie?" "Aus Kamerun" "Bitte schreiben Sie die erste Ableitung auf"

"f´(x)"

Triumphierend: "Sehen Sie meine Damen und Herren, IN DER GANZEN WELT ist dies das ZEichen für die erste Ableitung"




So was bleibt einem das restliche Leben im Kopf. Oh, wie haben wir ihn alle geliebt. *schwärm

Grüßle Silvia

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f ´(x) - man sieht das kleine ´ nämlich nicht genau im Text

Antwort von maleja am 14.02.2006, 19:28 Uhr

Und um das ging es ja....

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Ein Hoch auf meinen Mathelehrer.

Antwort von Allly am 15.02.2006, 8:03 Uhr

Bis ich in die 12. Jahrgangstufe kam, hatte ich in Mathe 5en. Mal war eine 6 zur Abwechslung dabei. Die Lehrer dachten, ich sei unbegabt, bzw. unmotiviert.

Und dann kam Herr Meierarendt. Der erste und einzige Pädagoge im Fach Mathematik, den ich je kennenlernte. Seine Begeisterung für das Fach sowie seine Art zu unterrichten brachten mich auf eine gute 4 in Mathe. Meine Familie war ganz aus dem Häuschen.

Da es in Mathe anscheinend nicht viele didaktische Alternativen gibt, bevorzugen eben jene Lehrer den Frontalunterricht, der bei den meisten Schülern gerade in Naturwissenschaften Motivation als auch Interesse bremst. Schade eigentlich.

LG Ally.

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