Biggi Welter

Biggi Welter

Stillberaterin

Biggi Welter absolvierte ab 1996 ihre Ausbildung zur Stillberaterin bei der La Leche Liga Deutschland e.V., einer Organisation in 78 Ländern in offizieller Beziehung zur Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Schwangeren und stillenden Mütter in Fragen rund um das Stillen Beratung anbietet. Danach leitete Biggi Welter viele Jahre lang eigene Stillgruppen mit intensiver Betreuung. Ab 1999 übernahm sie zudem die Online-Stillberatung von Rund-ums-Baby.de, die sie heute noch leitet. Ihre Beratungen bei Rund-ums-Baby.de werden jeden Monat hunderttausendfach weltweit von stillenden Müttern gelesen. Ein achtsamer und wertschätzender Umgang mit Kindern liegt ihr am Herzen.

Biggi Welter

Chronischer Schlafmangel- meine Nerven liegen blank!

Antwort von Biggi Welter, Stillberaterin

Frage:

Hallo Biggi,
Ich bin nach gut zehn Monaten Stillzeit psychisch und physisch total am Ende. Meine Nerven liegen blank und meine Knochen schmerzen immer mehr, kurz - ich fühle mich wie ein altes Wrack, dabei bin ich erst 32. Da ich es für keine gute Idee hielt, Dilara(10 1/2 Monate) bei meinem Grossen(10 Jahre) einzuquartieren, schläft sie immer noch in meinem Bett, was zur Folge hat, dass sie mich ca. alle zwei Stunden zum Stillen bzw. Nuckeln weckt,indem sie mir an den Haaren zieht und mir ins Gesicht kneift. Ich weiss zwar, dass sie mir nicht mit Absicht wehtut, aber manchmal ist das alles nur schwer zu ertragen. Ich wollte mich nie mit anderen vergleichen, da auch jedes Kind anders ist, doch mitlerweilewird mir das alles wirklich zu viel, und bevor ich mir und meinen Kindern mit eher schade als nutze, möchte ich dich gerne um Deinen Rat bitten. Die kleine ist mitlerweile so verwöhnt, dass sie sofert anfängt zu brüllen, wenn ich versuche, mich auch nur einen Schritt weit von ihr zu entfernen, und sie schläft nur wenn ich sie in den schlaf stille und wird meistens sofort wach, sobald ich versuche, mich wegzuschleichen. Glaubst Du, dass es besser wäre abzustillen. Muss man ein Kind wirklich schreien lassen, damit es sich normal entwickelt? Ich weiss nicht mehr weiter - bitte hilf mir!

von Nicole Bach am 05.01.2002, 21:03 Uhr

 

Antwort auf:

Chronischer Schlafmangel- meine Nerven liegen blank!

Liebe Nicole,

in einem amerikanischen Buch über die Entwicklung von Kindern (Aldrich: „Babys are Human Beeings"‘) habe ich einmal den wichtigen Satz gefunden „Damit Kinder sich gut entwickeln können, sind liebevolle Fürsorge und ein beständiges, direktes Eingehen auf ihre Bedürfnisse so ausgesprochen wichtig". Das steht zwar manchmal im Widerspruch zu unserem „modernen, westlichen" Lebensstil, aber es zahlt sich langfristig aus.

Es ist ein seit Jahrtausenden und in vielen Kulturen bewährtes „Mittel" ein Kind an der Brust zu beruhigen und zum Einschlafen zu bringen. Das Saugen wirkt beruhigend und nicht umsonst wurden im Laufe der Zeit die verschiedensten Brustattrappen (z.B. Schnuller s.o.) erfunden. Von der Natur ist es nicht vorgesehen, dass ein Baby oder Kleinkind allein ist und alleine einschläft. Nur passt dieses „natürliche" Verhalten des Kindes nicht in unsere derzeitige Zeitströmung und damit haben wir ein (von uns selbst produziertes) Problem: Babys und Kleinkinder wissen nicht, was zur Zeit „Mode" ist und benehmen sich so, wie sie es seit Anbeginn der Menschheit getan haben und Eltern, die nicht in das „Schema der derzeitigen Mode" passen, werden verunsichert.

Ist dir schon einmal aufgefallen, dass niemand fragt „Wann muss das Kind selbstständig atmen lernen" oder „Wann muss das Kind frei laufen können"? Beim ersteren geht jeder davon aus, dass dies eine Fähigkeit ist, die ein gesundes Kind selbstverständlich beherrscht und bei zweiten wird eine große Zeitspanne von vorneherein als normal angenommen. Nur beim Schlafen, da wird dem Kind nicht die Kompetenz zugestanden, dass es auch diese Fähigkeit selbst und in dem für es passenden Tempo entwickeln wird. Da wird immer wieder behauptet, dass die Eltern das Kind entsprechend „trainieren" müssen.

Ein Baby schläft alleine und ohne Brust ein, sobald es reif genug dazu ist. Das bedeutet jetzt aber nicht, dass Du die nächsten Jahre damit verbringen musst, dein Baby in den Schlaf zu stillen, wahrscheinlich wird es sogar schneller vorbei sein, als Du es dir jetzt vorstellen kannst.

Aus Erfahrung kann ich sagen, dass bis jetzt noch jedes Kind aus dem Bett der Eltern ausgezogen ist und zwar lange vor der eigenen Hochzeitsnacht:-). Die Zweifler und all die, die meinen, dass sie es besser wissen, kannst Du ja mal fragen, ob sie gerne alleine schlafen und ob sie der Meinung sind, dass sie ihren Partner „verwöhnen" (im Sinne von „verziehen"), wenn sie gemeinsam in einem Bett, vielleicht sogar aneinandergekuschelt, schlafen.

Um Menschen bewusst zu manipulieren, muss ein gewisses logisches Denkvermögen und auch bereits eine vorausschauende Denkweise vorhanden sein. Über beides verfügt ein Baby oder Kleinkind noch nicht, denn es kennt noch keinen Zeitbegriff und es hat auch noch keine zielgerichteten Gedankenfolgen wie sie erforderlich sind, um den Eltern „auf der Nase herumzutanzen".

Es ist deshalb auch nicht möglich ein Baby zu „verwöhnen" im Sinne von „verziehen". Ohnehin ist verwöhnen ja nichts Negatives. Freuen wir uns nicht alle darüber, wenn uns jemand verwöhnt will heißen etwas Gutes tut. Verwöhnen ist nichts anderes als jemandem etwas Gutes tun, dafür zu sorgen, dass er sich wohl fühlt und das ist etwas Positives.

Trotzdem brauchst Du Entlastung und Hilfe! Aber durch Abstillen wird sich die Situation nicht verbessern lassen.
Nutze jede Möglichkeit der Entlastung für dich. Nimm jede Hilfe, die Du für den Haushalt, das Einkaufen, die Gartenpflege (falls ihr einen habt) usw. bekommen kannst. Lass den Haushalt auf Sparflamme laufen. Wenn deine Fenster erst in einem halben Jahr wieder geputzt werden, dann schadet das niemandem.
Vielleicht gibt es jedoch in der Nachbarschaft einen verantwortungsbewussten Teenager, der gegen ein nicht all zu hohes Entgelt bereit ist, mit den Kindern ab und zu für eine Stunde zu spielen oder sie spazieren zu fahren, so dass Du in dieser Zeit schlafen kannst oder dir etwas nur für dich gönnst.
Eine weitere Entlastung könnte (falls finanzierbar) eine Haushaltshilfe für einige Stunden in der Woche oder im Monat sein. Wenn gelegentlich jemand anders sämtliche Fußböden wischt, dann kann dies schon eine große Hilfe sein.
Das Kochen lässt sich durch geschicktes Vorkochen ebenfalls weniger arbeitsintensiv gestalten. Wenn Du statt einer Portion Spaghettisauce gleich die dreifache Menge kochst, kannst Du zwei Portionen einfrieren. Nudeln sind schnell gekocht und die Sauce ist dann für zwei weitere Mahlzeiten fertig im Tiefkühlschrank. Es gibt eine ganze Menge Gerichte, die sich ohne wesentlich höheren Aufwand in doppelter oder dreifacher Menge zubereiten und dann portionsweise einfrieren lassen.
Nicht alles muss gebügelt werden. Mach den Tragetest. Bügele etwas und trage es für zehn Minuten. Das nächste Mal bügele es nicht und trage es für zehn Minuten. Dann vergleiche: ist der Unterschied nach der kurzen Tragezeit wirklich so deutlich, dass das Bügeln sich gelohnt hat?
Viel Bügelarbeit lässt sich sparen, wenn die Wäsche sorgfältig aufgehängt wurde bzw. nicht lange im Trockner liegen bleibt, wenn der Trockner fertig ist.
Kurz: beschränke viel Dinge auf das absolut Notwendige, so dass Du auf diese Weise mehr Zeit für dich bekommst. Diese „gewonnene“ Zeit kannst Du dann dazu nutzen, dich wieder zu erholen, neue Energie zu tanken.
Mutter sein ist einer der härtesten Berufe, die es gibt. Du bist 24 Stunden am Tage, sieben Tage die Woche und das das ganze Jahr im Einsatz. Es ist überlebensnotwendig sich in dieser Situation das (Alltags)Leben so einfach wie möglich zu machen.
Ich hoffe, diese Tipps helfen dir ein wenig weiter.
LLLiebe Grüße

Biggi

von Biggi Welter, Stillberaterin am 05.01.2002

Antwort auf:

Chronischer Schlafmangel- meine Nerven liegen blank!

Hallo Nicole,
hmm, ich sehe das etwas anders als Biggi. Hast du mal versucht, Deine Tochter ins eigene Bett zu legen? Vielleicht ein Reisebett, falls Du keinen Platz für ein Gitterbett hast? Mein Sohn schlief zwar nie bei mir im Bett, aber als er dann ein eigenes Zimmer bekam, schlief er nochmal deutlich besser und länger und er war erst 5 Monate alt. Ich kann mir vorstellen, daß Dein Tochter einen leichten Schlaf hat und aufwacht, wenn Du Dich bewegst und dann einfach an die Brust will. Ich befürworte zwar nicht, daß ein Baby brüllend ins eigene Bett gesteckt wird, aber vielleicht klappt es doch besser als Du denkst.
Ich drück Dir die Daumen für ruhigere Nächte!

von jutta am 05.01.2002

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