Frage im Expertenforum Gestärkt durch die Kinderwunschzeit an Dipl.-Psych. Miriam Hartz:

Trauma nach IUFT

Frage: Trauma nach IUFT

Sternsspange

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Liebe Frau Hartz, ich wende mich heute in der Verzweiflung einer zweifachen Sternenmutter an Sie. Ich habe mein erstes Kind in der 9. Schwangerschaftswoche und meinen zweiten Sohn in der 36. Schwangerschaftswoche verloren. Die Totgeburt unseres Sohnes jährt sich bald zum ersten Mal. Nun bin ich erneut schwanger – wieder in der 36. Schwangerschaftswoche. Ausgerechnet heute bin ich genau so weit wie an dem Tag, an dem das Herz meines Sohnes aufgehört hat zu schlagen. Gleichzeitig ist heute auf den Tag genau der zweite Jahrestag des Verlustes meines ersten Kindes. Diese gesamte Schwangerschaft wird von Ängsten begleitet, doch heute ist ein besonders schwerer Tag für mich. Je weiter die Schwangerschaft fortschreitet, desto mehr entfernt sich für mich paradoxerweise die Vorstellung, eines Tages tatsächlich ein gesundes Kind in den Armen halten zu dürfen. Ich habe das Gefühl, dass mit jedem Tag nicht die Hoffnung wächst, sondern die Angst. Noch einen solchen Verlust, noch einmal diesen Schmerz und diese Sehnsucht würde ich nicht überleben. Gleichzeitig schmerzt mich der Gedanke an meinen ersten Sohn unendlich. Bald hätte er seinen ersten Geburtstag gefeiert, vielleicht seine ersten Worte gesprochen oder seine ersten Schritte gemacht. Diese Gedanken vermischen sich mit der Angst um mein ungeborenes Kind und lassen mich kaum zur Ruhe kommen. Zusätzlich zermürbt mich die Entscheidung, ob ich den natürlichen Geburtsbeginn abwarten, die Geburt einleiten lassen oder einen Kaiserschnitt wählen soll – obwohl es medizinisch derzeit keinen Grund für einen Eingriff gibt. Einerseits möchte ich meinem Baby die Chance geben, selbst zu entscheiden, wann es bereit ist, zu uns zu kommen. Andererseits habe ich panische Angst, einen entscheidenden Moment zu verpassen und erneut ein Kind zu verlieren. Meinen ersten Sohn habe ich völlig unvermittelt verloren – nur wenige Stunden nach einer vollkommen unauffälligen Vorsorgeuntersuchung. Seitdem fällt es mir schwer, darauf zu vertrauen, dass “alles gut ist”, nur weil medizinisch gerade nichts Auffälliges zu sehen ist. Ich weiß, dass Sie mir diese Entscheidung nicht abnehmen können und dass es wahrscheinlich keine Antwort gibt, die mir meine Angst nimmt. Dennoch hoffe ich sehr, dass Sie mir vielleicht einen Gedanken oder einen mentalen Weg mitgeben können, der mir hilft, diese letzten Wochen auszuhalten und nicht ausschließlich von der Angst bestimmt zu werden. Ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie sich die Zeit nehmen, meine Nachricht zu lesen. Liebe Grüße  Sternsspange


Dipl.-Psych. Miriam Hartz

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Liebe Sternsspange, der Satz „Leben und Tod liegen so nah beieinander“ ist uns allen bekannt. Wie unendlich schmerzhaft er sein kann, begreift man aber wohl erst, wenn man ihn selbst erleben muss. Beim Lesen Ihrer Zeilen wird spürbar, wie viel Sie bereits tragen mussten. Es tut mir von Herzen leid, dass Sie Ihren Sohn verloren haben und auch eine frühe Fehlgeburt mit einem weiteren Kind hatten. Besonders bewegt mich, dass in dieser Phase so vieles zusammenkommt: Sie haben die Schwangerschaftswoche erreicht, in der Ihr Sohn gestorben ist, und gleichzeitig jährt sich der Verlust Ihres ersten Kindes. Das sind keine "normalen" Tage. Es ist deshalb überhaupt nicht verwunderlich, dass Trauer und Angst gerade jetzt so groß sind Ich nehme bei Ihnen eine starke und nachvollziehbare Ambivalenz wahr: Einerseits möchten Sie sich innerlich Ihrem ungeborenen Kind zuwenden und sich auf seine Ankunft freuen. Andererseits sind Sie mit Ihren Gedanken und Ihrem Herzen ganz nah bei Ihren beiden verstorbenen Kindern. Für mich stehen diese beiden Bewegungen nicht im Widerspruch. Sie müssen sich nicht für das eine oder das andere entscheiden. Sie tragen Ihre Sternenkinder im Herzen tragen und gleichzeitig gibt es ein Baby unter Ihrem Herzen, das ebenfalls geliebt wird. Beides darf gleichzeitig da sein. Sie schreiben, dass die Hoffnung mit jedem Tag kleiner und die Angst größer wird. Ich glaube, dass die Angst nach Ihren Erfahrungen ein verständlicher Begleiter ist. Vermutlich wird es in diesen letzten Wochen der Schwangerschaft gar nicht darum gehen, angstfrei zu sein. Vielleicht geht es vielmehr um die Frage: Wie viel Raum gebe ich der Angst?  Darf sie da sein, weil sie versucht, Sie und Ihr Kind zu schützen? Ja. Muss sie Ihr ganzes Denken und Fühlen bestimmen? Hoffentlich nicht. Vielleicht gelingt es Ihnen, sie immer wieder als einen Teil von sich wahrzunehmen und ihr gleichzeitig nicht den gesamten Platz zu überlassen. Dann können auch andere Gefühle zwischendurch wieder auftauchen: Vorfreude, Zuversicht oder einfach ein paar ruhige Momente mit Ihrem Baby. Ich möchte Sie daran erinnern, wie stark und mutig Sie gewesen sein müssen, sich für eine weitere Schwangerschaft zu entscheiden. Sie werden Mutter und da gehört genau diese Kraft dazu! Was die Entscheidung über den Zeitpunkt und die Art der Geburt betrifft, kann ich Ihnen diese leider nicht abnehmen. Ganz pragmatisch würde ich Ihnen empfehlen, jetzt besonders eng mit Ihren Geburtshelfern im Austausch zu bleiben: Ihrer Hebamme und dem Team in der Klinik. Sprechen Sie offen über Ihre Ängste. Neben den medizinischen Gründen gibt es auch die psychische Belastung. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie die letzten Tage kaum noch tragen können, darf auch das Teil des Gespräches mit den Ärzten sein. Es ist legitim, gemeinsam zu überlegen, ob dies Einfluss auf den Geburtsplan haben sollte. Für die kommenden Wochen wünsche ich Ihnen vor allem eines: Zuversicht, dass sie diese Schwangerschaft bis zum Ende austragen werden! Alles Gute für Sie.


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