jumy
Hallo Frau Hartz, hier kurz zu Beginn ein bisschen Kontextinformation bevor ich zu meinen Fragen komme: Ich habe mehrere Jahre lang erfolglos versucht auf natürlichem Wege schwanger zu werden was mich damals extrem traurig gemacht hat und eine sehr schwere Zeit war. Nach einer Kinderwunschbehandlung hatte ich sehr viel Glück und wurde endlich schwanger. Die SS war aufgrund von durchgehender Hyperemesis schwierig. Die Geburt war dann leider sehr komplikationsreich und auch laut Aussagen der Ärzten traumatisch. Aufgrund von schweren Komplikationen während und auch nach der Geburt wäre ich fast verstorben und hatte einen längeren Krankenhausaufenthalt. Ich habe seitdem eine Traumatherapie gemacht aber immernoch starke Ängste und Panik bei medizinischen Eingriffen. Da erneut ein Kinderwunsch besteht habe ich eine Voruntersuchung gemacht bei der rauskam das es Komplikationen in meiner Gebärmutter gibt und man erst operieren muss bevor ich eventuell eine IVF Behandlung machen kann. Selbst wenn es zu einer SS kommen würde wäre es eine Risikoschwangerschaft da ein größeres Risiko besteht eine Uterusruptur zu erleben die ggf tödlich enden kann wenn sie nicht sofort behandelt wird (ich lebe in einer ländlichen Gegend). Ich bin wahnsinnig traurig darüber das die schlimme Situation nicht einfach "in der Vergangenheit bleibt" sondern das die medizinischen Probleme von damals auch noch Konsequenzen für meine Gegenwart und Zukunft haben und somit ein zweites Kind für mich unerreichbar scheint. Leider wurde mir seitens der Reproduktionsmediziner damals deutlich gesagt das ich bei erneutem Kinderwunsch schnellstmöglich wieder eine IVF Behandlung machen sollte da ansonsten die Chance schwanger werden zu können extrem gering ist. Insofern kann ich auch nicht lange mit der Entscheidung warten. Bisher habe ich einfach immer die Zähne zusammen gebissen und mich durchgekämpft und gemacht was notwendig war um weiter zu kommen aber mittlerweile fühle ich mich erschöpft und weiß nicht wie es weiter gehen soll. Meine Fragen sind: Wie kann ich zu einer Entscheidung kommen ob ich die ganzen Behandlungen auf mich nehmen soll/will? Und falls ich mich dagegen entscheide, wie verarbeite ich die Trauer darüber nie ein zweites Kind haben zu können?
Liebe Jumy, entschuldigen Sie bitte meine verzögerte Rückmeldung. Ihre Geschichte berührt auf mehreren Ebenen – weil sie nicht nur von einem unerfüllten Kinderwunsch erzählt, sondern auch von Grenzerfahrungen, Kontrollverlust und der sehr realen Konfrontation mit der eigenen Verletzlichkeit. Dass Ihr Körper und Ihre Geschichte sich jetzt nicht einfach „abschließen lassen“, sondern weiterwirken, ist zutiefst schmerzhaft. Diese Erschöpfung, die Sie beschreiben, wirkt auf mich sehr nachvollziehbar – sie ist oft ein Signal, dass das bisherige „Durchkämpfen“ an seine Grenze kommt. Ich möchte Ihre beiden Fragen gern etwas auseinanderziehen – und gleichzeitig miteinander in Beziehung setzen. 1. Wie komme ich zu einer Entscheidung? Im Moment scheint die Entscheidung stark unter Druck zu stehen: medizinische Dringlichkeit, Risiken, Zeitfenster. Unter solchen Bedingungen neigen wir dazu, entweder in ein „Augen zu und durch“ oder in eine Art inneres Blockieren zu geraten. Eine hilfreiche systemische Perspektive ist, die Entscheidung nicht nur als „Ja oder Nein zur Behandlung“ zu sehen, sondern als Aushandlungsprozess zwischen verschiedenen inneren Anteilen. Vielleicht mögen Sie dazu eine kleine Übung ausprobieren: Nehmen Sie sich bewusst Zeit und geben Sie drei inneren Stimmen Raum: Ihrer Sehnsuchts-Stimme (die sich ein zweites Kind wünscht), Ihrer Schutz-Stimme (die Angst hat vor erneuter Gefährdung, Schmerz und Kontrollverlust), Ihrer weisen, beobachtenden Instanz in Ihnen. Sie können diese Stimmen z.B. aufschreiben lassen. Dabei bekommt jede Stimme „ihr eigenes Blatt“ und darf unzensiert sprechen: 1 Der Schutz: Wovor habe ich Angst? Was brauche ich, um mich sicherer zu fühlen? 2 Die Sehnsucht: Was erhoffe ich mir? 3 Erst im Anschluss lassen Sie die „weise Instanz“ darauf schauen: Was würde eine Entscheidung sein, die beiden Seiten gerecht wird so gut es geht? Unter welchen Bedingungen wäre ein „Ja“ verantwortbar? Und unter welchen Bedingungen wäre ein „Nein“ ein Akt von Selbstfürsorge und nicht von Aufgeben? -> Diese Form des inneren Dialogs kann helfen, aus dem reinen Funktionieren auszusteigen und wieder in eine selbstbestimmte Position zu kommen. Manchmal entsteht dabei auch eine dritte Option: nicht nur ob, sondern wie (z.B. Ort der Versorgung, Sicherheitskonzepte, zweite Meinungen, engmaschige Begleitung). 2. Wie gehe ich mit der möglichen Trauer um, wenn ich mich dagegen entscheide? Hier sprechen Sie etwas sehr Wesentliches an: Es geht nicht „nur“ um eine Entscheidung, sondern um einen möglichen Abschied von einer Lebensvorstellung. Trauerprozesse brauchen Raum und oft auch eine Form. Was ich aus der Arbeit mit ähnlichen Situationen weiß: Es kann sehr entlastend sein, diese Trauer aktiv zu gestalten, statt sie nur auszuhalten. Beispiele aus der Arbeit mit meinen Klientinnen: ein Brief an das „nicht gelebte Kind“, ein Ritual (z.B. einen beschriebenen Kieselstein zu anderen Steinen ins Wasser legen) ein Ort, an dem dieser Wunsch gewürdigt wird. Das ist kein „Ersatz“, sondern eine Form, der Beziehung zu diesem Wunsch einen würdigen Platz zu geben, statt ihn nur als Verlust zu erleben. Zum Schluss noch eine Frage, die ich Ihnen gern mitgeben möchte, weil sie oft eine andere Perspektive eröffnet: Wenn Sie in einigen Jahren auf diese Phase zurückblicken: Woran würden Sie erkennen, dass Sie eine für sich stimmige Entscheidung getroffen haben?vbNicht unbedingt die „richtige“, sondern eine, die sich für Sie in Ihrer ganzen Geschichte mit allem, was Sie erlebt haben integrierbar anfühlt. Sie müssen diesen Weg nicht im Modus des Durchhaltens gehen. Vielleicht geht es jetzt eher darum, eine Form zu finden, in der sowohl Ihre Sehnsucht als auch Ihre Grenzen ernst genommen werden dürfen. Herzlichst, Miriam Hartz
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