Frage im Expertenforum Stillberatung an Biggi Welter:

Wann ist der richtige Abstillzeitpunkt - Langzeitstillkind

Frage: Wann ist der richtige Abstillzeitpunkt - Langzeitstillkind

Mamalade88

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Hallo, ich habe eine Tochter, sie ist 2 1/2 Jahre alt und zum Einschlafen mittags und abends sowie nachts wird sie noch gestillt. Ich hatte nie ein Problem damit sie lange zu stillen, ich hatte es nicht "geplant", aber im Laufe der Zeit hat sich das Stillen nun so entwickelt. Das Stillen war mir und meiner Tochter immer eine große Hilfe herunterzukommen, abzuschalten, Nähe zu finden, im Alltagstrubel mit noch einem Schulkind. Auch abends ist es immer schön und auch praktisch gewesen, so konnte man kuscheln, das Einschlafen ging schnell und man hatte noch Zeit in Ruhe mit dem anderen Kind den Tag ausklingen zu lassen. Kein Weinen und kein Zu-Bett-Geh-Stress wie man so oft liest. Schlaflose Nächte hatten wir nie. Hanna hat ja immer ihre Brust zum Beruhigen. Ich habe oft blöde Sprüche von anderen gehört und inzwischen auch von meinem Mann, ob ich sie mit 18 noch stillen will... Blöde Sprüche halt. Das aber auch mein eigenes Gefühl haben mich nun zu dem Wunsch veranlasst die Stillbeziehung zu beenden. Wir haben ein schönes Abendritual, mit Lesen, Musik und Kuscheln, Zähneputzen und Umziehen gehen dem vorweg. Ich habe Hanna oft erklärt, dass es nun an der Zeit ist, dass ich nicht mehr Stillen möchte, sie scjon groß ist und sie ohne Stillen einschlafen muss. Ich bin trotzdem bei ihr und lege mich mit hin, dass wirklich sonst alles beim Alten ist. Die ersten Tage gab es Geschrei ohne Ende, ich blieb konsequent, weitere Tage vergingen und ich fing an an meiner Entscheidung zu zweifeln. Vielleicht ist sie noch nicht soweit und braucht das Stillen einfach noch. Es hat sich keine Besserung entwickelt. Man sagt ja es braucht seine Zeit, aber nach zwei Wochen wehrt sie sich immer noch so sehr dagegen, dass ich es nun aufgegeben habe. Ich möchte nicht, dass sie so viel schreit, sie scheint es zu brauchen. Nein ich brauche das Stillen nicht mehr une eigentlich möchte ich es nicht mehr, ich bin inzwischen genervt. was soll ich tun... ihr die Zeit geben oder gibt es andere Wege... Es kann sie niemand anders ins Bett bringen, mein Mann arbeitet lange und hält sich auch so viel raus. Ich mache im Prinzip alles alleine und war auch noch nie ohne Hanna. Vielleicht ist die Bindung einfach zu eng, weil sie es auch nicht kennt ohne Mama. Ich weiß es nicht. Sie soll auch irgendwann in den Kindergarten, zwei Monate bei der Tagesmutter sind kläglich gescheitert. Geschrei ohne Ende, bis Mama wieder da war, das ging immer so eine Stunde. Vielleicht war auch alles zuviel auf einmal. Dazu kommt, dass sie Backenzähne bekommt und sowieso sehr unruhig und anhänglich ist. Mache ich vielleicht was falsch? Bei meinem Sohn lief alles problemlos mit dem Abstillen, er war auch schon früh in der Krippe, also das komplette Gegenteil. Ich hoffe auf Rat und Hilfe. Vielleicht Denkanstöße oder einen ganz anderen Blick zu der Sache. Vielen Dank.


Biggi Welter

Biggi Welter

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Liebe Mamalade88, vielleicht ist es wirklich ein wenig zu viel für Dein Mädchen im Moment und Du solltest noch etwas abwarten. Stillen ist viel, viel mehr als reine Nahrungsaufnahme. Es ist Trost, Geborgenheit, sicherer Hafen und ein Weg zur Ruhe zu kommen, wenn die Wellen des Alltags so hoch geschlagen sind, dass das Kind keinen Weg mehr weiß, um mit sich selbst und der Umgebung ins Reine zu kommen. Das Stillen bietet in dem Alter der ersten Ablösung wichtige emotionale Hilfe Dein Kind kann immer wieder den "Heimathafen" ansteuern, wenn etwas beängstigend ist. Es scheint, dass dein Kind viel Nähe braucht, wenn du nun abstillst, wird dein Kind deswegen sicherlich nicht weniger anhänglich sein. Sei stolz darauf, dass Du deinem Kind diese Nähe und Liebe so schenken kannst! NEIN, das Kind kann nicht „verwöhnt" werden, wenn es viel Nähe und Zuwendung bekommt. Eine Kollegin von mir hat dazu einen schönen Text geschrieben, aus dem ich jetzt einen Abschnitt zitiere: „Das Kind wird verwöhnt und verzogen. "Ja, das ist jetzt schon total verwöhnt" "Ihr verzieht das Kind, nachher will es nur noch auf den Arm" "So lernt das Kind ja nie alleine einzuschlafen, alleine zu spielen, sich mit sich selbst zu beschäftigen ..." "Wie soll das Kind denn seinen Rhythmus finden, wenn Du es ständig mit dir herumziehst". So und ähnlich lauten viele Aussagen wohlmeinender Freunde, Verwandte und auch wildfremder Menschen, von denen man auf der Straße angesprochen wird. Was ist dran an dieser Theorie, dass das Baby durch die Zuwendung, die es erhält verwöhnt und verzogen wird? Bernadette Stäbler beschreibt in ihrem Buch "Mama" die Angst, sein Kind nicht richtig zu erziehen: "Und schon ist sie da, diese Angst, sein Kind zu verziehen. Welche Ursachen hat sie? Denn, wer dieses unschuldige Baby anschaut, fühlt sich sehr glücklich. Niemand kann sich vorstellen, dass es eines Tages unerwünschte Handlungen vollbringen wird. Wenn wir also von "verziehen" sprechen, haben wir ein älteres Kind vor Augen. Das Kind im Trotzalter, das immer "nein" ruft, lässt seine Mutter denken: "Was für einen Dickkopf habe ich mir großgezogen. Sicher habe ich es falsch gemacht!" Ist es wirklich so wichtig, dass unsere Kinder vor der Zeit lernen, alleine zu schlafen, alleine zu sein und sich mit sich selbst zu beschäftigen? Ist es notwendig, dass wir Erwachsenen unseren Lebensrhythmus ändern und an das Baby anpassen, damit sich das Kind gut entwickelt? Auch hierzu möchte ich wieder aus dem Buch von Bernadette Stäbler zitieren: "In vielen ursprünglich lebenden Kulturen, die wir "primitiv" nennen, wurden inzwischen Untersuchungen durchgeführt, deren Ergebnisse eine Umwälzung unserer Ansichten über die herkömmliche Kindererziehung mit sich brachten. Ich möchte eine afrikanische Studie herausgreifen und vereinfacht darstellen: Die erste Gruppe gebar ihre Babys zuhause und ließ diese keinen Moment allein. Geborgen bei der Mutter, wurden sie nach Bedarf gestillt und mussten niemals schreien. Bald ging die Mutter wieder auf das Feld, um die gewohnte Arbeit zu verrichten, das Neugeborene in ein Tragtuch geschlungen. Die Kontrollgruppe bekam ihre Babys im Krankenhaus mit aller medizinischen Hilfe, einschließlich schmerzlindernden Medikamenten. Gleich nach der Geburt wurden Mutter und Kind getrennt, um zu ruhen. Die Babys bekamen Fläschchen und Schnuller, weil dies "das Moderne" war. Daheim schliefen die Kinder in ihrem Bettchen, in ihrem eigens dafür hergerichtetem Zimmer. Allein, ohne Körperkontakt. Alles ging recht zivilisiert zu, nämlich nach einem genauen Zeitplan, denn die Kinder sollten sich früh an ein geordnetes Leben gewöhnen und weder kleine Tyrannen noch nervös werden. Ein Jahr später offenbarte sich das Unerwartete: Die Kinder der ersten Gruppe waren in allem den anderen voraus: Sie waren intelligenter in ihren Verhaltensweisen und auch viel sozialer eingestellt, selbst die körperliche Entwicklung war besser, obwohl sie die ganze Zeit "festgebunden" waren. Ähnliche Ergebnisse ergaben vielseitige Studien in den verschiedensten Kulturkreisen. Wenn wir versuchen, dies mit einer natürlichen, einfühlsamen Intelligenz nachzuvollziehen, wissen wir, warum das Ergebnis so ausfallen musste. Das Baby fühlt sich bei seiner Mutter geborgen. Es muss seine Kräfte nicht für das Weinen verbrauchen. Der mütterliche Körper gibt ihm Wärme. Wenn das Baby sich an seine Mutter schmiegt, fühlt es ein wenig von dem Glück, das es neun Monate lang im Mutterleib haben durfte. Es kennt von daher ja auch schon die Herztöne seiner Mutter, es kennt sogar schon ihre Stimme und nun sieht es endlich ihr Gesicht, ihre Augen und darf an der Brust trinken, wenn es möchte. Das ist das Glück, die mütterliche Liebe, die Impulse gibt für die Intelligenz und das soziale Verhalten. Wenn das Baby sich an die Körperbewegungen der Mutter anpassen muss, während sie ihre alltägliche Arbeit verrichtet, übt es in wundervoller Weise seine Muskeln und den Gleichgewichtssinn." (Aus: Denise Both: „Tragen") Auch ich war damals verunsichert und wurde als Glucke und sonstwas bezeichnet ;-). Heute sind meine Kinder meine größten Stützen und ich weiß, dass Achtsamkeit nichts mit Verwöhnen zu tun hat. Ist dir schon einmal aufgefallen, dass niemand fragt „Wann muss das Kind selbstständig atmen lernen" oder „Wann muss das Kind frei laufen können"? Beim ersteren geht jeder davon aus, dass dies eine Fähigkeit ist, die ein gesundes Kind selbstverständlich beherrscht und bei zweiten wird eine große Zeitspanne von vorneherein als normal angenommen. Nur beim Stillen, da wird dem Kind nicht die Kompetenz zugestanden, dass es auch diese Fähigkeit selbst und in dem für es passenden Tempo entwickeln wird. Da wird immer wieder behauptet, dass die Eltern das Kind entsprechend „trainieren" müssen. Wenn es DICH also nicht stört, dann schenke deinem Kind diese Zeit. Wenn Du allerdings sicher bist, dass Du nicht mehr stillen möchtest, dann bleib bei Deiner Entscheidung. So lange DU nicht ABSOLUT sicher bist, dass Du weniger stillen möchtest, wird dein Kind das spüren. Ist die Mutter innerlich nicht davon überzeugt, dass sie ihr Kind ab- oder weniger stillen will, dann ist dieser Zweifel für das Kind sehr deutlich fühlbar und es reagiert in fast allen Fällen so, dass es eher noch häufiger gestillt werden mag. Zweifel und Unsicherheit sind für ein Kind unerträglich, Kinder brauchen Klarheit. Dein Kind spürt jetzt deinen Zwiespalt und da es sich nicht hinsetzen und sagen kann „Mama, ich spüre, dass Du dir nicht sicher bist, was jetzt das Richtige ist, deshalb werde ich dir jetzt bei deiner Entscheidungsfindung helfen" reagiert es auf deine Zweifel mit Unruhe, Weinen und Verunsicherung. Es hat keine anderen Ausdrucksmöglichkeiten als Weinen und (vermehrte) Anhänglichkeit. Kinder sind für „geordnete Verhältnisse", Unsicherheit und Zweifel bringen sie aus dem Gleichgewicht. Wichtig ist nun, dass ihr zum einen wirklich miteinander redet und Du deinem Kind klar erklärst und sagst, was Du willst und was Du nicht mehr willst. Zum anderen muss für dein Kind deutlich erkennbar sein, wo deine Grenzen gesetzt sind. Liebevolle Konsequenz ist das Zaubermittel in der Erziehung. Lieben Gruß Biggi


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