Frage im Expertenforum Stillberatung an Biggi Welter:

Stillen - vergifte ich mein Kind?

Frage: Stillen - vergifte ich mein Kind?

Mitglied inaktiv

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Hallo, ich komme gerade vom Kinderarzt. Meine Tochter ist 7 Moante alt und fiebert seit einigen Tagen. Als er mich fragte wie sie denn essen würde erwiderte ich dass sie normal und gut stillen sowie ihren Brei essen würde (mittlerweile 2 Brei-Still-Mahlzeiten am Tag).Der Arzt schaute ziemlich perplex und antwortete mir dass es unmöglich von mir wäre mein Kind noch zu stillen. Wir wären ja nicht in einem Entwicklungsland und die allgemeine Empfehlung lautet max 4 Monate zu stillen. Muttermilch wäre das am extremsten belastete Nahrungsmittel für Kinder (z.B. Schwermetalle) und ich solle SOFORT auf Flaschennahrung umstellen. Ebenso meinte er dass neueste Studien belegen dass bei Stillkindern, die länger als 4 - max. 6 Monate gestillt werden würden, der vermeintlich gesundheitsfördernde Aspekt sich ins Gegenteil verkehren würde, diese Kinder hätten dann viel höhere Anfälligkeiten für Allergien und bronchialerkrankungen wie Asthma. Und da meine beiden Großen ja derartige Asthmaerkrankungen hätten, solle ich meinem Kind zuliebe sofort umstellen. Gibt es da wirklich neueste Studien? Fakt ist meine Große hat(te) Asthma, die Mittlere neigt auch eher zu einer Bronchitis in der Erkältungszeit. Beide sind aber ohne Dauermedikation, dazu verbessert sich die Anfälligkeit zusehends. Auch und vor allem liegt hier eine vermutliche genetische Dispositon vor, da der Vater der beiden in seiner Kindheit auch Asthma. Außerdem irritiert mich dass eben dieser Kinderarzt bei meiner Mittleren noch völlig in Ordnung fand dass sie mit sieben Monaten voll gestillt und wurde und auch "dicker" war als andere Kinder. Und nun? Sollte ich abstillen? Ehrlich gesagt bin ich zu bequem um mich jetzt noch mit Flaschennahrung zu befassen und auch ist es so dass ich es ja von den anderen weiß dass die Stillzeit absehbar ist. Schließlich haben sie mit 12 Monaten nur noch ein paar Wochen Einschlafstillen wollten. Allerdings bin ich zum ersten Mal verunsichtert und weiß nicht wie ich mich verhalten soll, denn bei aller Bequemlichkeit will ich sicherlich eines nicht - meinem Kind schaden! Vielen Dank. Anja


Biggi Welter

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Liebe Anja, da die Studie Sears MR et al (2002). Long term relation between breastfeeding and development of atopy and asthma in children and young adults: a longitudinal study. Lancet 360: 901 07 einiges an Wirbel ausgelöst hat, haben sich zwei Stillberaterinnenkolleginnen damit befasst und einen Text dazu geschrieben, den ich unten anhängen werde. Es war übrigens auch sehr schön zu sehen, welche Schlagzeilen sich in der Presse (und im Videotext) aus dieser Studie ergeben habe. So lautete die erste Überschrift "Stillen schützt nicht vor Allergien", dann folgte "Stillen mach Kinder krank" und dies obwohl selbst M.R. Sears in seiner Studie eindeutig sagt, dass das Stillen nach wie vor die beste Ernährung für Säuglinge ist. Da auch das Thema Schadstoffe immer wieder hohe Wellen schlägt und sich die Anfragen bei vielen Stillberaterinnen häufen, gibt es auch bereits einige Reaktionen und Antworten von Kolleginnen, von denen ich jetzt auch noch eine anhänge, weil darin bereits alles gesagt wird, was es zu sagen gibt. LLLiebe Grüße Biggi Erneut ungerechtfertigte Verunsicherung der Familien zum Thema Stillen Seit einigen Tagen werden junge Familien wieder einmal verunsichert. Da bekannt ist, dass Stillen die beste Ernährung für Säuglinge ist und sowohl für Mütter und Kinder wichtige gesundheitliche Vorteile bietet, ist es uninteressant darüber zu berichten. Immer wieder kommt es jedoch zu Pressemitteilungen, wenn Studien zu belegen versuchen, dass Stillen doch nicht so gut sei. Umso wichtiger ist es, kritisch mit solchen reißerisch aufgemachten Mitteilungen umzugehen. Kritisches Lesen der Studien ist dringend erforderlich. In der aktuellen Mitteilung geht es um die Aussage "Stillen schützt nicht vor Allergien". Dazu folgendes: Die Studie von Sears (Sears MR et al (2002) "Long term relation between breastfeeding and development of atopy and asthma in children and young adults: a longitudinal study." Lancet 360: 901 07) findet keinen Zusammenhang zwischen dem Stillen und einem Schutz vor Allergien und Asthma und steht damit im Widerspruch zu einer ganzen Reihe von Studien wie sie zum Beispiel von Oddy (Oddy WH et al (2002) "Maternal asthma, infant feeding, and the risk of asthma in childhood." J Allergy Clin Immunol 110: 65 7) erst vor wenigen Monaten veröffentlicht wurden. Dabei ist einer der wichtigsten Punkte bei der Beurteilung dieser Studie der Punkt, wie "voll Stillen" definiert wurde. Sears vergleicht in seiner Studie Babys, die "mindestens vier Wochen gestillt wurden" mit Babys, die nicht oder kürzer als vier Wochen gestillt wurden. Dabei wurden jedoch nur 15 % dieser Babys "voll" gestillt, wobei der Autor auch Kinder, die in der Nacht oder im Krankenhaus künstliche Säuglingsnahrung erhielten als voll gestillt bezeichnet. Dies widerspricht der internationalen Definition von "voll stillen", da darunter verstanden wird, dass ein Baby nichts anderes als Muttermilch erhält. Außerdem werden in der Studie Kinder, die nach den ersten vier Wochen nicht mehr oder nur mehr teilgestillt wurden, in die Gruppe der "voll gestillten Kinder" aufgenommen, denn Sears nimmt das Alter von vier Wochen als Trennungspunkt. Oddy konnte in seinen Untersuchungen feststellen, dass Kinder, die vier Monate ausschließlich gestillt wurden (= voll gestillt nach internationaler Definition) im Alter von sechs Jahren seltener an Asthma litten als Kinder, die kürzer voll gestillt oder gar nicht gestillt wurden. Da angenommen wird, dass selbst eine einzige Flasche künstliche Säuglingsnahrung bei entsprechend empfindlichen Kindern eine allergische Reaktion auslösen kann, ist die Studie von Sears et al. mit großer Vorsicht zu betrachten. Stillen ist sicher kein Allheilmittel und auch gestillte Kindern sind nicht vor Krankheiten und Allergien gefeit, doch wie so oft sollten solche Veröffentlichungen immer kritisch hinterfragt werden. Zu gern nimmt die Babynahrungsindustrie bei sinkenden Geburtszahlen o.g. Aussagen in ihre Vermarktung auf, um ihren Umsatz zu gewährleisten. So gilt nach wie vor die Empfehlung der WHO von 2000, dass die Säuglinge sechs Monate ausschließlich gestillt werden und mit Einführung von Beikost das gesamte erste Lebensjahr. Zudem sagt selbst Sears, dass das Stillen unbedingt als erste Wahl zur Ernährung von Babys betrachtet werden sollte, eben wegen der vielen, gut dokumentierten Vorteile. Gudrun von der Ohe, Ärztin und IBCLC / Denise Both, IBCLC 28.September 2002 "Das Thema Schadstoffe ist ja etwas, was immer wiederkehrt und auch das, was in dieser Veröffentlichung steht, ist nicht neu, sondern (leider) altbekannt auch in Hinsicht auf die Flammschutzmittel. Doch genau so ist es auch bekannt, dass bis heute kein Fall bekannt ist, in dem das Stillen wirklich geschadet hat, was man von der Ernährung mit künstlicher Säuglingsnahrung nicht behaupten kann. Leider wird die Veröffentlichung des BUND auch nicht so verstanden wie es sein soll, nämlich als Appell PRO Muttermilch, wie es auch Angelika Zahrnt, BUND Vorsitzende, sagt: "Muttermilch ist die wichtigste und beste Nahrung für jeden Säugling. Synthetische Chemikalien haben darin nichts zu suchen. Wir raten nicht vom Stillen ab, sondern wollen, dass die Belastungen schnell und effektiv minimiert werden. Nur eine konsequent am Vorsorgeprinzip ausgerichtete Chemikalienpolitik kann dazu beitragen, dass Muttermilch künftig weniger belastet sein wird." Da ich aber das Rad jetzt nicht neu erfinden will, zitiere ich dir noch einen Kommentar von Ute Renköwitz, der Stillbeauftragten des Bund Deutscher Hebammen, zum Thema, dem ich mich anschließe: "Solche plakativen Schlagzeilen werden sicher wieder viele (werdende) Mütter verunsichern. Was zuerst gelesen wird, ist die Überschrift und was dann folgt. Und das ist dazu angetan, massiv Stimmung gegen das Stillen zu machen, ja sogar gegen Frauen, die stillen! Denn diese Meldung hinterlässt ganz subtil den Eindruck, dass Mütter aus egoistischen Gründen stillen, um willentlich ihren Körper zu entgiften. Eine Aneinanderreihung von (hoffentlich) unbedachten Formulierungen und Tatsachen ergibt ein Potpourri an Meldung. Und dies wird sicher einige Frauen auf der emotionalen Ebene erfassen und dazu führen, dass bei Ambivalenz die Verunsicherung das Zünglein an der Waage gegen das Stillen ausschlagen lässt. Oder jemand aus dem Umfeld der Stillenden, der ihr die Meldung präsentiert: Macht doch nichts, wenn es nicht klappt, es ist sowieso nicht so gut. Es entsteht der Eindruck, dass der Schadstofftransfer erst mit dem Stillen beginnt und die Frauen am Ende schadstofffrei und Kinder randvoll wären. Sachlich richtig ist, dass der Transfer bereits in der Schwangerschaft beginnt und am Ende von Schwangerschaft und Stillzeit die Problemstoffspiegel von Mutter und Kind in etwa gleich sind. Keine Studie hat erwiesen, dass die heute vorhandene Belastung die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigt! Eine unbewiesene Behauptung wird als wissenschaftlich begründet ausgegeben. Bei einem Thema von solcher Bedeutung ist es besonders verwerflich, wissenschaftliche Erkenntnisse mit bloßen Behauptungen zu vermischen. Es wird völlig unterschlagen, dass die LCP (Langkettige, mehrfach ungesättigte Fettsäuren) in der Muttermilch und andere Substanzen anderseits die Gehirnentwicklung unterstützen und viele Studien das Gegenteil beweisen, nämlich, dass gestillte Kinder in der Gehirnentwicklung besser abschneiden. Da fällt auch der nachgeschobene letzte Absatz nicht mehr ins Gewicht. Versäumt wurde ebenfalls an dieser Stelle darauf hinzuweisen, welchen Stellenwert Muttermilchanalysen haben. Nämlich nicht um die einzelne Mutter zu beunruhigen, sondern als Instrument für die Umweltforschung und damit Gesetze dafür sorgen, dass die Vorkommen der Gifte in der Muttermilch in der Zukunft geringer werden und die Verantwortung nicht der einzelnen stillenden Mutter zugeschoben wird. Das wird allerdings der mit der Materie unerfahrenen Leserin nicht plausibel." (Zitat Ende) Es wäre blauäugig zu behaupten, dass es auf dieser Welt noch irgend etwas gibt, was schadstofffrei ist, doch es liegt zum Teil auch an uns und unserem Konsumverhalten, die Belastung zumindest zu verringern. Ich hoffe, dass durch solche Veröffentlichungen erreicht wird, dass ein Umdenken in der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik in Hinblick auf den Einsatz von Chemikalien in Gang kommt, von dem wir alle und auch unsere Kinder und deren Kinder profitieren werden.


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...wahnsinn......!!!!! was is na des für ein arzt.....


Mitglied inaktiv

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Gut, daß Du hier die Frage stellst! Biggi wird Dir das Gegenteil schreiben. Wie soll man Ärzten vertrauen, wenn manche solchen Unsinn verbreiten?


Mitglied inaktiv

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Meiner Meinung nach solltest Du nur Eines tun: DEN KINDERARZT WECHSELN!


Mitglied inaktiv

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Bitte such dir einen anderen Arzt...ist ja ärgstens... ...und stille weiter solange es dir gefällt...es gibt nichts Besseres für die Gesundheit deines Kindes...


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