Frage im Expertenforum Kinderernährung - Gastroenterologie an Prof. Dr. med. Michael Radke:

Supplemente bei Kuhmilcheiweißunverträglichkeit

🔒️ Frage: Supplemente bei Kuhmilcheiweißunverträglichkeit

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Violett 466

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Hallo Herr Dr. med. Radke, ich stille meinen 6 Monate alten Sohn noch voll (Beikoststart war vor ein paar Tagen) und habe eine Frage zur sinnvollen Supplementierung. Vor der Schwangerschaft habe ich vegetarisch gelebt und viele Milchprodukte konsumiert. Seit Mitte April ernähre ich mich aufgrund einer Kuhmilcheiweißunverträglichkeit meines Sohnes vegan. Zwischenzeitlich habe ich auch keine Eier gegessen, da unklar war, ob er darauf ebenfalls reagiert. Inzwischen verträgt er Eier, sodass ich wieder etwa 5–7 Eier pro Woche esse. Vor etwa einem Monat wurden Blutwerte kontrolliert. Mein Selenwert war erhöht, weshalb ich ein bisher verwendetes Kombinationspräparat absetzen möchte. Vitamin B12 wurde nicht direkt bestimmt, allerdings lag das Holotranscobalamin bei über 150. Weitere Auffälligkeiten sind mir nicht bekannt. Aktuell nehme ich: - morgens: L-Thyroxin 63 µg und Omni-Biotic Panda, - mittags: Folio basic 2 (150 µg Jod, 400 µg Folsäure, 20 µg Vitamin D3 und 9 µg Vitamin B12), - täglich eine Kapsel veganes Algenöl mit 246 mg DHA, 129 mg EPA und insgesamt 425 mg Omega-3-Fettsäuren, - abends 600 mg Calcium. Zusätzlich habe ich Vitamin B12 (10 µg pro Tablette) gekauft und frage mich, ob ich dieses ergänzend einnehmen sollte. Meine Fragen: - Reichen bei vollstillender, veganer Ernährung die 9 µg Vitamin B12 aus dem Folio-Präparat zusammen mit etwa 5–7 Eiern pro Woche aus, oder wäre eine zusätzliche Einnahme von 10 µg täglich sinnvoll? - Ist die Einnahme von täglich 246 mg DHA und 129 mg EPA aus Algenöl für eine stillende Mutter ausreichend, oder sollte die Dosis höher sein? - Sollte ich zusätzlich Cholin supplementieren oder lässt sich der Bedarf mit etwa 5–7 Eiern pro Woche ausreichend decken? - Gibt es weitere Nährstoffe, die ich als vollstillende Mutter mit überwiegend veganer Ernährung besonders im Blick haben sollte (z. B. Zink oder andere Mikronährstoffe), um sowohl meine eigene Versorgung als auch die meines Babys sicherzustellen? Vielen Dank für Ihre Einschätzung!


Prof. Dr. med. Michael Radke

Prof. Dr. med. Michael Radke

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Ihre sehr detaillierten Fragen sind leider ohne zusätzliche (und vergleichsweise aufwändige) Untersuchungen nicht zufriedenstellend zu beantworten. Dazu müßte man die jeweiligen Konzentrationen in Ihrer Milch und in einigem zeitlichen Abstand (> 4 Wochen) im Blut Ihres Kindes messen. Das ist kaum umsetzbar. Ich habe daher für Sie folgende pragmatische Anregungen: 1. Wenn Sie schon 6 Monate voll gestillt haben (Glückwunsch!) sind mehr als 80 % des Vorteils der Muttermilch gegenüber anderen Nahrungen (Entwicklung des Immunsystems u.a.) für Ihr Kind bereits realisiert. 2. Wenn es sich um eine sicher nachgewiesene Kuhmilchallergie handeln sollte, wäre natürlich für Sie als Stillende eine sehr restriktive vegane Ernährung nicht nötig, da für Ihr Kind nachteilig. Prüfen Sie also, ob Sie nicht lediglich auf Kuhmilch verzichten und dennoch andere tierische Eiweiße (Fleisch, Fisch) essen, um die kritischen Vitamindefizite (B-Vitamine) sowie Eisen in Ihrer Milch auszugleichen. 3. Wenn das keine Option für Sie ist, empfehle ich in diesem Fall mit Verweis auf Punkt 1 u.U. die Ernährung Ihres Kindes mit einem therapeutischen Vollhydrolysat + reguläre, d.h. fleischhaltige Beikost. 4. Wenn Sie sich weiter vegan ernähren und stillen wollen, setzt das ein engmaschiges Monitoring bei Ihrem Kind voraus (regelmäßige Untersuchungen kritischer Vitamine sowie Eisen u.a. im Blut Ihres Kindes).


Violett 466

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Sehr geehrter Herr Dr. med. Radke, ​vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Ich muss jedoch gestehen, dass mich Ihre Antwort in doppelter Hinsicht überrascht hat. ​Zum einen ging es mir in meiner Frage lediglich um eine fachliche Einschätzung zu den konkreten Dosierungen meiner Supplemente (wie B12, DHA und Cholin), um meine Versorgung zu optimieren. Diese Fragen blieben leider komplett unbeantwortet. ​Zum anderen widerspricht Ihre pauschale Empfehlung in zentralen Punkten den aktuellen medizinischen Leitlinien und den Empfehlungen der großen Fachgesellschaften: 1. ​Goldstandard bei KMPA: Bei einer Kuhmilcheiweißallergie (KMPA) des Säuglings ist der internationale Goldstandard die milchfreie Ernährung der stillenden Mutter unter Fortführung des Stillens. Ein Abstillen zugunsten eines therapeutischen Vollhydrolysats (eHF) wird in keiner aktuellen Leitlinie als primäre Option empfohlen, solange die Mutter bereit ist, auf Milchprodukte zu verzichten. Die Muttermilch bleibt auch hier die beste Option. 2. ​Stilldauer & Nutzen: Die Nationale Stillkommission (NSK) und die WHO empfehlen das ausschließliche Stillen für 6 Monate und das Weiterstillen unter Beikost bis ins zweite Lebensjahr und darüber hinaus. Zu suggerieren, nach 6 Monaten seien 80 % des Nutzens „realisiert“ und man könne daher leichter auf Spezialnahrung umsteigen, untergräbt die Stillförderung fundamental. ​3. Pflanzenbasierte Ernährung in der Stillzeit: Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) ist eine vegane oder überwiegend vegane Ernährung in der Stillzeit bei adäquater Supplementierung (insbesondere Vitamin B12) sicher umsetzbar. Da ich als Ovo-Vegetarierin Eier konsumiere und mein aktiver B12-Wert (Holotranscobalamin) nachweislich bei exzellenten über 150 pmol/l liegt, ist meine Muttermilch optimal versorgt. 4. ​Invasive Diagnostik beim Kind: Eine pauschale Blutabnahme beim Säugling („engmaschiges Monitoring“) ohne klinische Symptome eines Mangels, nur aufgrund der mütterlichen Ernährungsform, ist eine unnötige Belastung für das Kind, wenn die Werte der Mutter nachweislich im guten Bereich liegen. ​Gerade in einem Expertenforum suchen Mütter evidenzbasierte, stillfreundliche Unterstützung, um die Stillbeziehung auch bei gesundheitlichen Hürden wie einer KMPA aufrechtzuerhalten. Ratschläge zum Abstillen oder zum vorschnellen Einsatz von Spezialnahrung entsprechen hier leider nicht mehr dem aktuellen Stand der Wissenschaft.


Prof. Dr. med. Michael Radke

Prof. Dr. med. Michael Radke

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Ja, Sie haben Recht. Alles nicht so ganz einfach und ein typisches Beispiel für die theoretisch sehr gut begründeten Leitlinien (einige alte Praktiker schreiben Leidlinien statt Leitlinien) und deren Umsetzung in der Praxis. Sie haben sich offenbar sehr detailliert informiert. Dies wollen und können nicht alle Nutzer und Nutzerinnen in diesem Forum. Aus diesem Grunde beschränke ich mich auf in der Praxis leicht umsetzbare Empfehlungen, die durch eine mehr als 40jährige Tätigkeit als Kindergastroenterologe und Ernährungsmediziner gedeckt sind. Zudem muß mich wirklich niemand vom Wert der Frauen-/Muttermilch überzeugen: Ich habe während meines Berufslebens zwei Frauenmilchbanken an großen deutschen Kinderkliniken gegründet und geleitet und unzähligen Frühgeborenen viel Leid damit erspart. Nun zu Ihren konkreten Punkten: Zu 1. Stimmt, was Sie mitteilen: Deswegen habe ich ausdrücklich hinterfragt, ob die Kuhmilchallergie gesichert ist. Andernfalls müßte man von Muttermilch-induzierter Enterokolitis sprechen, wofür noch eine Vielzahl anderer allergener Proteine in der Nahrung einer Stillenden in Frage kommen (vegane Ernährung kann dieses Problem nicht lösen - manchmal ist schon ein Apfel zu viel). Zu 2. Das sehe ich unter Verweis auf meine Initiative für die Frauenmilchbanken grundsätzlich genauso. Dennoch ist es so, daß der Wert der Muttermilch für die Hirnentwicklung, das Mukosa-assoziierte Immunsystems des Darms und die Körperzusammensetzung (Protein-Fett-Ratio) etc. insbesondere in den ersten Lebenswochen unschlagbar ist, später läßt er eben nach, da sich auch die Zusammensetzung der Muttermilch ändert und allein für die Ernährung des Säuglings nicht mehr ausreicht (u.a. wenig Protein, zu wenig Eisen u.a.). Deswegen hat die Natur ab ca. 6 Monaten die ersten Zähnchen vorgesehen.  3. Ich kann und möchte Ihnen ohne Detailkenntnis (Blutspiegel etc.) beim besten Willen keine Dosierungsempfehlungen für kritische Mikronährstoffe in diesem Forum geben, insbesondere nicht, wenn es um langfristige (Monate) Anwendungen geht. 4. Ja, stimmt. Deshalb habe ich Ihnen den pragmatischen Weg vorgeschlagen. Wenn Sie alles genau wissenschaftlich begründet durchführen möchten, wird es ohne Messungen (Grundpfeiler jeglicher Wissenschaft) leider nicht gehen. Sie können nicht von der Dosierung der von Ihnen eingenommenen Präparate auf die dann eingetretene Konzentration dieser Stoffe im Blut Ihres Kindes schließen. Das geht (leider) nur durch Messungen. Darüber hinaus sollten wir anerkennen, daß in den letzten 50 Jahren wissenschaftliche Resultate im Bereich der Säuglingsernährung erarbeitet wurden, die unseren Kindern zugute kommen und besonders jenen Kindern/Müttern helfen, bei denen das Stillen aus unterschiedlichen vielfältigen Gründen nicht erfolgt oder erfolgen kann.  


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