Frage im Expertenforum Entwicklung von Babys und Kindern besser verstehen an Dr. med. Rüdiger Posth:

Warum ist die bindungsorientierte Sicht so weing verbreitet?

Frage: Warum ist die bindungsorientierte Sicht so weing verbreitet?

Mascha1980

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Lieber Dr.Posth,als große Anhängerin Ihrer Ausführungen stelle ich mir oft die Frage,weshalb diese bindungsorientierte Sicht so wenig verbreitet ist bzw.oft negiert wird.Ihre Erklärungen klingen für mich sehr schlüssig und speisen sich sicher nicht nur aus persönlichen Thesen?Gibt es wissenschaftliche Studien/Breitbanderfahrungen,die Ihre Ansichten stützen?Oder gilt auch hier,dass diese Annahmen leider nur als Theorie neben vielen anderen Erziehungstheorien stehen müssen?Mir sträuben sich die haare,wenn selbst Ihre tiefenpsychologischen Fachkollegen z.B. das Ferbern propagieren(Christine Rankl),von Verhaltenstherapeuten ganz zu schweigen...Im persönlichen Umfeld begegnet mir auch oft Skepsis bzgl.meines Vorgehens.Haben Sie Hoffnung,dass Ihr Erziehungsstil sich in absehbarer Zeit durchsetzen und als allgemein anerkannt etablieren kann?Wie geht es Ihnen persönlich mit Ihrer Rolle,sind Sie fachlich gut vernetzt oder sehen Sie sich eher als recht einsamen"Vorkämpfer"?


Dr. med. Rüdiger Posth

Dr. med. Rüdiger Posth

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Stichwort: Bindungstheorie Hallo, Ihre Fragen stellen Sie ja so, als wollten Sie mich interviewen. Aber ich will Ihnen kein Antwort schuldig bleiben. Die bindungsorientierte Sicht der frühkindlichen Entwicklung hat durchaus längst ihre Befürworter. Ich bin da keineswegs der einzige und so gesehen sicher ausreichend vernetzt. Z.B: arbeitet die Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der Kindheit, kurz GAIMH nach diesen Prinzipien, und deren Mitglied bin auch ich. Vorsitzender dieser Gesellschaft ist derzeit Karl-Heinz Brisch, der genau wie ich die Bindungstheorie (s. seine Bücher u.a. mit Th. Helbrügge) propagiert und mit seinem S.A.F.E.-Programm etwas Ähnliches macht wie ich, nur hauptsächlich mit noch werdenden und gerade frisch gebackenen Eltern. Meine Arbeit beginnt dagegen mit der Geburt und zieht sich bis ins Schulalter. Wir überschneiden uns also im 1. Lebensjahr. Brisch hat aber nicht wie ich ein so umfangreiches öffentliches Forum. Durch das Forum und durch meine Bücher verbreiten sich die Ansichten der Bindungstheorie nicht unerheblich. Aber ein so relativ neuer Weg wird oft argwöhnisch betrachtet, muss sich erst beweisen und braucht seine Zeit zur Durchsetzung. Die wissenschafltiche Untermauerung bersorgt u.a. das Forscherehepaar Prof. K. und K.E. Grossmann in Regensburg. Aber auch viele andere Forschungsergebnisse, die gar nicht mal von Anfang unter bindungstheoretischen Gesichtspunkten gesehen worden sind, reihen sich im Ergebnis passgenau ein. Langzeitstudien, wie z.B. die Mannheimer Längsschnittstudie von Prof. M. Laucht liefern die nötigen empirischen Daten. Nötige neurobiologisch- neuropsychologische Erklärungen liefern z,.B. Prof. G. Hüther oder Prof. G. Roth. Das ist schon eine gewichtige Riege von Wissenschaftlern. Nur, die Bindungstheorie, wie sie von J. Bowlby und M. Ainsworth einmal entwickelt worden ist, ist heute durch die Neurowissenschaften viel komplizierter geworden als seinerzeit angedacht. Da muss man schon ein gehöriges Maß an theoretische Kenntnissen haben, um die Zusammenhänge gut zu verstehen. Außerdem sind nach meiner Auffassung Erweiterungen dazu gekommen wie das Loslösungsparadigma und die Verbindung mit der Selbstentstehung. Das zusammengenommen ist ein großes Programm, aber wie sollte es bei der komplizierten Spezies Mensch denn anders sein. Wir wissen doch allzu gut, wie schwierig später das gesellschaftliche Zusammenleben der erwachsenen Menschen ausfällt. Eine einfache Theorie kann das nicht abdecken. Aber Kompliziertes setzt sich schwerer durch als Einfach-plakatives, dass brauche ich nicht besonders zu betonen. Dann kommt dazu, dass angewandte Bindungstheorie verhältnismäßig hohe Anforderungen an die erziehenden Erwachsenen stellt, das mach sie nicht gerade beliebt. Schließlich müssen neue gesellschaftliche Strömungen wie die Organisation der Frühen Fremdbetreuung noch einmal überdacht werden. All das ist unpopulär. Und es gibt natürlich Konkurrenz, die entweder damit aufwartet zu sagen, es hat doch bisher mit allen auch ganz gut funktioniert, oder "abgespeckte" Versionen auf den Markt bringt, die letztendlich mehr rein verhaltenstherapeutische Programme bieten als wirklich tiefenpsychologisch fundiertes Wissen (das ich immer noch für "überlegen" halte). Ich darf verraten, dass ich an einem neuen Buch arbeite, das alle diese Aspekte noch einmal "von unten" beleuchtet und ein erweitertes "Erziehungsprogramm" entwickelt, welches die bindungstheoretischen Grundlagen wie hier im Forum vertreten ausführlich zur Darstellung bringt und einen neuen Ansatz für die Moralentwicklung zeigt. Aber es wird noch etwas dauern bis das Buch fertig ist. Viele Grüße


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