NPINPI
Liebe Frau Henkes! Ich möchte mich gerne mit einer Beobachtung zu unserer Tochter an Sie wenden und Ihre Einschätzung dazu hören. Unsere Tochter ist neun Jahre alt und geht in die dritte Klasse. Sie gehört zu den wenigen Kindern, die nicht in der Nachmittagsbetreuung sind – tatsächlich sind es nur zwei Kinder aus ihrer Klasse. Dadurch verbringt sie nach Unterrichtsschluss deutlich mehr Zeit zu Hause als die meisten ihrer Freundinnen und Mitschüler. Diese Zeit ist oft gefüllt mit Hausaufgaben, Spielplatz, Terminen oder Verabredungen; manchmal nehmen wir auch Freundinnen mit zu uns nach Hause zum Spielen. Es gibt aber natürlich auch Phasen von Langeweile oder Leerlauf. Seit einiger Zeit erleben wir sie als auffallend unzufrieden und schnell unzufrieden mit ihrer Situation. Häufig äußert sie Sätze wie: „Alle anderen haben das, warum bekomme ich das nicht?“ oder „Ich kriege nie ein Eis“, „Ich bekomme zu wenig zu trinken“. Dabei fällt uns auf, dass es oft gar nicht um den konkreten Anlass zu gehen scheint, sondern um ein generelles Gefühl von Ungerechtigkeit oder Mangel. Diese Wahrnehmung bezieht sich inzwischen auch stark auf ihre zwei Jahre jüngere Schwester. Sie hat häufig das Gefühl, dass ihre Schwester „mehr bekommt“ oder bevorzugt wird. Objektiv entspricht das aber oft nicht der Realität. Wenn sie zum Beispiel sagt, sie bekomme „nie ein Eis“, versuche ich ihr konkret vor Augen zu führen, dass das nicht stimmt („Du hattest gestern, vorgestern und auch die Tage davor ein Eis“). Allerdings verändert diese sachliche Einordnung ihre Unzufriedenheit kaum – vielmehr scheint sich der Fokus dann schnell auf das nächste Thema zu verlagern. Wir haben den Eindruck, dass diese Unzufriedenheit sehr präsent ist und sich inzwischen auch auf das Familienleben auswirkt. Es ist belastend, wenn man spürt, dass ein Kind innerlich oft unzufrieden ist, und es entstehen dadurch auch häufiger Spannungen und Streit zwischen den Geschwistern, in die wir als Eltern natürlich mit hineingezogen werden. Auf uns wirkt es ein wenig wie eine Entwicklungsphase, vielleicht verbunden mit stärkerem Vergleichen, wachsendem Gerechtigkeitsempfinden oder einer Vorphase der Pubertät. Gleichzeitig fragen wir uns, ob hinter dieser dauerhaften Unzufriedenheit vielleicht Frust, Unsicherheit oder ein anderes Bedürfnis steckt, das wir nicht richtig erkennen. Ich würde mich sehr über Ihre Einschätzung freuen, wie Sie dieses Verhalten einordnen und ob Sie Anregungen haben, wie wir sie in dieser Phase gut begleiten können. Vielen Dank und herzliche Grüße NPINPI
Guten Tag, Ihre Tochter befindet sich vermutlich in einer Übergangsphase, die mit der Pubertät nichts zu tun hat. Sie ist jetzt in einem Alter, in dem sie Unterschiede stärker wahrnimmt. Andere Kinder haben anderes als sie. Das kann sich auf materielle Dinge aber auch auf die Beziehung zu den Eltern oder Geschwistern beziehen. Woanders gelten andere Regeln und Umgangsformen. Neunjährige vergleichen ihre Beobachtungen schon mit der eigenen Lebenssituation. Diese ist bei Ihrer Tochter keineswegs schlechter. Aber sie schlüpft unbewusst probeweise in die Rolle der anderen und möchte es dann genauso haben wie die Freundinnen. Im Vergleich mit der Schwester spielt sicherlich die sich durch die gesamte Kindheit ziehende Geschwisterrivalität eine große Rolle. Gleichzeitig ist Ihre Tochter in einem Alter, in dem Kinder lernen können, zunehmend mehr Verantwortung für sich zu übernehmen. Bisher überträgt Ihre Tochter ihre Unzufriedenheit auf Sie und macht Sie für "Ungerechtigkeiten" verantwortlich. Sie können versuchen, Ihrer Tochter zu helfen, diese Unzufriedenheit aufzulösen, indem Sie die gestellte Aufgabe nicht übernehmen. Geben Sie diese an Ihre Tochter zurück. Ermuntern Sie sie, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. "Ich habe Euch beiden diese Woche gleich viel Eis gegeben. Wenn du mehr Eis brauchst, kannst du dir das doch von deinem Taschengeld kaufen." Sie kann sich selber etwas zu trinken holen u.ä.. Für Ihre Tochter ist es wichtig, zu erleben, dass Sie sich von ihren Vorwürfen nicht erschüttern lassen. Sie akzeptieren die Unterschiede, die es zwischen Ihnen und anderen Familien gibt. Auch wenn alle anderen, xy haben, muss es das in Ihrer Familie nicht geben, weil Sie als Eltern dazu eine bestimmte Einstellung haben. Versuchen Sie, das Ihrer Tochter gelassen zu vermitteln. Mit der Zeit wird sie erkennen, dass Ihr individuelles Familienleben viele positive Aspekte hat, die ihr zugute komen und auf die andere vielleicht neidisch sind. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Ingrid Henkes
NPINPI
Liebe Frau Henkes! Ich möchte mich ganz herzlich für Ihre ausführliche und sehr hilfreiche Einschätzung bedanken! Ihre Rückmeldung hat uns sehr weitergeholfen und uns auch ein Stück Sicherheit gegeben. Wir sind dankbar für ihre Unterstützung und bemühen uns, ihre Hinweise im Alltag so gut wie möglich umzusetzen. Herzliche Grüße NPINPI
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