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1. Schuljahr - Elternforum

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Geschrieben von Schniesenase am 25.09.2018, 20:29 Uhr

Angelehnt an die unter Frage, was habt ihr davon wenn euer Kind

Wir sind uns hier bestimmt alle einig, dass Kinder zum Schulbeginn nicht lesen und schreiben und rechnen können MÜSSEN. Aber ich erzähle hier sicher auch niemandem etwas Neues, wenn ich daran erinnere, dass jedes Kind seinen eigenen "Zeitplan" hat, schon verschieden früh laufen, sprechen etc. lernt und Kinder am besten lernen, wenn sie das dann können, wenn ihr innerer Schalter sich umlegt und sie intrinsisch motiviert sind, also aus eigenem Antrieb da hinterher sind.

Darum wundere ich mich jetzt, wenn hier teilweise fast abfällig davon geschrieben wird, dass jemand "selbst Schuld" ist, wenn das Kind bestimmte Dinge, die eigentlich in Klasse 1 gelernt werden sollen, schon kann. Ich verstehe auch nicht, warum man ein Kind davon zurückhalten oder es vertrösten soll, wenn es sich fürs Schreiben interessiert, egal in welchem Alter.

Das Problem liegt hier, so glaube ich, im System Schule und der Tatsache, dass wir Eltern noch solche Blockaden im Kopf haben, von Schule eben wirklich die schon längst erwiesenen und in den Lehrplänen geforderten Veränderungen zu fordern. Ich kann das schreiben, ich bin selbst Grundschullehrerin, und ich weiß auch, was es heißt, eine 28 Kinder starke Grundschulklasse differenzierend zu "unterrichten" bzw. beim Lernen zu begleiten. Das ist Hardcore, und es ist nur bedingt möglich. Man kann nicht alle im Blick behalten, man muss viel Augenmerk auf Disziplin und Funktionieren des zu vollgestopften Systems legen, und das geht auf Kosten des Lernens und der korrekten Lernatmosphäre. Kein größeres Problem ist es aber in einer Klasse bis ca. knapp 20 Kinder, sofern diese nicht gehäuft besondere Probleme mitbringen. Aber auch dann - wir müssen am System anfangen, nicht unsere Kinder ändern wollen. Durchhalteparolen für ein unterfordertes Kind finde ich fatal. Dann lieber mit der Lehrerin, die sicher sehr gefordert ist, zusammenarbeiten und andere Lösungen finden, wie es ja auch oft praktiziert wird; überspringen einer Klasse, ein Jahr in der dreijährigen Eingangsstufe verbringen, Lernspiele, Bücher, anderes Material nutzen, Helfersystem usw.

Ein Beispiel von der anderen Seite aus unserem Bekanntenkreis: Der Junge ist, uneingeschränkt schulreif, nun eingeschult worden. Klasse mit weniger als 20 Kindern. Er ist ein Pedant, hat Freude daran, Dinge schön zu machen und kann es in seiner Penibilität nicht ertragen, wenn es nicht nach seinem Urteil gut genug aussieht. Dazu kommt, dass er viel träumt. Also arbeitet er sehr langsam und schafft ganz viel Arbeit nicht, obwohl er kognitiv zurechtkommt und durchaus alles versteht. Sozial ist er unauffällig, spielt mit anderen Kindern, kann in Kontakt gehen. Die Lehrerin reduziert seine mengenmäßigen Anforderungen nicht, da er das "Pensum" schaffen muss, sonst sei er nicht so weit und müsse in den Schulkindergarten. Die Folge ist, dass der arme Junge jetzt stundenlang nachmittags nacharbeiten muss, um alles nachzuholen, was er in der Schule nicht schafft und seine schöne Arbeit nicht gewürdigt, stattdessen er gehetzt wird, schneller zu arbeiten. Die Freude am schönen Schreiben geht ihm verloren, die Schule, auf die er sich gefreut hat, mag er schon nicht mehr so. Das ist ein klassisches Beispiel, wie es nicht gehen sollte. Die Mutter aber fühlt sich natürlich nicht in der Position, Alternativen vorzuschlagen, will es sich mit der Lehrerin nicht verderben, und sitzt nun Hilfslehrerin zu Hause mit dem Kind, das eigentlich den Kopf frei bekommen und spielen müsste. Würde hier der Junge "gesehen" werden und dort abgeholt, wo er ist, hätte er eine Chance, erst einmal Freude an der Schule und Stolz auf seine Arbeit zu entwickeln. Von dem Punkt an könnte man ihm Arbeitsgeschwindigkeit und mehr Menge viel leichter beibringen. Dass er träumt, ist klar. Er kann ja kaum spielen, sein Hirn macht nicht mit, die Freude, die hormonelle Belohnung im Hirn ist nicht da. Da lernt es sich einfach nicht richtig.

Und bevor jetzt jemand mit der alten Leier kommt, dass Lernen eben auch "Arbeit" ist, sei gesagt, dass diese Arbeit, gern gemacht, ganz leicht von der Hand geht und irre Früchte trägt. Das weiß jeder, der mal ein Kind beobachtet hat, das laufen lernt. Ich habe als Kind über Tage und Wochen, ja Monate und Jahre stundenlang am Klavier im Keller gesessen und Noten entziffert, die ich nie irgendwo gelernt hatte, weil ich das Weihnachtsoratorium von Bach in der Klavierpartitur spielen wollte - und ich habe es gelernt. Niemand hat mich unter Druck gesetzt, niemand hat mich dabei in irgendeiner Weise beeinflusst, mir wurden lediglich die Möglichkeiten dazu gegeben: ein altes Kneipenklavier, Noten, eine Klavier spielende Mutter (ich hatte alle Stücke im Ohr und wusste also, wenn ich es richtig spielte), ein altes Klavierlernbuch, in dem alle notwendigen Infos zu finden waren. Solche Leistungen erbringen Kinder, wenn man sie lässt, ihnen Zeit gibt, sie nicht stört mit anderem Kram und ihnen die Möglichkeiten dazu gibt. Mit Druck, Unlust und möglicherweise auch Versagensangst funktioniert das Lernen einfach nicht bzw. maximal nicht gut. Meine Cousine musste Klavier lernen. Sie wundert sich heute immer noch, dass ich mich an ein Klavier setze und einfach losspiele, ohne Noten, ohne alles. Es ist eine sehr gut belegte Tatsache, dass Lernen so funktioniert, mit Druck, Angst und Langeweile aber nicht. Und wenn dann noch das "sich gesehen", sich anerkannt, gewürdigt und verstanden Fühlen dazu kommt, vollbringen Menschen, übrigens auch im Erwachsenenalter, Großartiges. Das nämlich macht Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, und diese sind die notwendige Basis, selbstbestimmt die Lern- und Leistungswege zu verfolgen, die für diesen Menschen gerade dran sind bzw. sich aus der Situation heraus logisch ergeben.

Ich weiß, so, wie unser Schulsystem funktioniert, ist das eine Utopie, zu glauben, das würde flächendeckend in den Schulen so gehen können. Aber das System ist auf dem Weg, es wandelt sich, und ich stelle fest, dass unter den Eltern nun eine sehr konservative Gegenbewegung zu entstehen scheint, die das Gegenteil von den und für die Kinder verlangt. Was bei uns ging, kann für unser Kind auch nicht schlecht sein. Ich musste da auch durch, das muss er/sie lernen. So funktionieren wohl gesellschaftliche Veränderungen. Es gibt immer Widerstände. Aber eines ist unwiderlegbar. Die Hirnforscher haben in den letzten 10-20 Jahren so viel über die Funktionsweise unseres Gehirns gelernt, dass wir WISSEN, so, wie wir es bisher gemacht haben, können wir nur Bruchteile unserer Potentiale ausnutzen und nagen am Selbstwertgefühl der Lernenden, mit dem Erfolg, dass wir 7,5 Millionen funktionelle Analphabeten haben, die fast alle mindestens 9 Jahre Schule durchlaufen haben, davon können 300.000 überhaupt nicht lesen und schreiben, 2 Millionen schaffen es nicht, Sätze zu lesen bzw. zu schreiben und der Rest kommt über ganz kurze Sätze nicht hinaus, kann also quasi keine Texte lesen, geschweigedenn schreiben. Der Anteil der Ausländer, die tatsächlich gar nicht in der Schule waren, ist dabei sehr gering. Sie sind fast alle in der Schule gewesen. Sie waren auch in der Grundschule, haben Erstleseunterricht gehabt.

Ich finde es wichtig, nicht auf den Lehrerinnen herumzuhacken, wenn es nicht klappt. Doch auf jeden Fall muss vom Kind ausgegangen werden. Wir kennen unsere Kinder. Wir sind die Experten. Und wir müssen in Kommunikation gehen (ohne die Lehrenden totzuquatschen mit belanglosem Kram), damit unsere Kinder gut lernen können, Freude haben, selbstbewusste, aufrichtige und kompetente Menschen werden können. Das haben wir doch vorher auch gemacht. Warum es hier so hinnehmen?

Das musste ich jetzt mal schreiben.

 
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