Mehrsprachig aufwachsen

Mehrsprachig aufwachsen

Fotogalerie

Redaktion

 
Ansicht der Antworten wählen:

Geschrieben von galia am 15.02.2006, 20:20 Uhr

Mehrsprachig=Heimatlos..?

Hallo,
zur Heimatlosigkeit: die hat meiner Meinung nach wirklich nichts mit Sprachen/Mehrsprachigkeit zu tun, sondern eher mit Wohnortwechsel bzw. mehreren Kulturen.
Ich bin selber aus zwei Kulturen 'gemischt' und habe außerdem bis ich 21 war in 5 verschiedenen Ländern gelebt und irgendwie fühle ich mich jedem verbunden, mehr oder weniger - aber keinem ganz.
Das kommt, glaube ich, daher, dass man prägende Erfahrungen in mehreren Ländern hatte und in verschiedene Kulturen und Mentalitäten eingetaucht ist.
Heimatlos - ja, aber wenn man die positiven Aspekte betrachtet (flexibel-offen- bunt..?) kann man sich trotz des natürlichen menschlichen Zugehörigkeitsbedürfnisses irgendwann auch damit 'abfinden' in keine Gruppe zu passen und Frieden und einen ruhigen Punkt in sich selbst finden bzw. in der Partnerschaft und Familie, wie in meinem Fall ;-)
Ist auf jeden Fall nichts, worüber man unbedingt unglücklich sein müsste..meine ich.
Meinungen und Erfahrungen?

galia

 
13 Antworten:

Re: Mehrsprachig=Heimatlos..?

Antwort von DK-Ursel am 15.02.2006, 22:02 Uhr

hej galia!
Schön, daß Du unser Thema unten nochmal gesondert aufgreifst.
Ich bin einig mit dem, was Du auch im ersten Absatz Deines Postings andeutest:
Die heiatlosigkeit, so sie besteht, liegt weniger (ich will nichtsagen: ausschließlich) in den Umzügen als i nden beiden Sprachen.
ichg laube, vom Wesen her bezeichnen sich meine Kinder in 1. Linie als Dänen, dennsie haben ihr bisheriges leben eben nur hier verbracht, haben hier langjährige Freunde (aus der Scuhle, und sowas ist wichtig: Freunde, die man täglich sieht, mit denen man Alltagssorgen teilt) und sie haben ihr Zuhause, ihre Umgebung hier.

Deutschland steht ihnenweitaus näher als anderen Dänen, sie fahren ja auch nicht ins Ausland,wenn wir nach Dtld. fahren, wir haben Familie und Freunde - auch für die Kinder gleichaltrige - dort, dennoch ist es immernur eine kurze Zeit.
Itrotzdem behaupte ich, daß meine große zwei Muttersprachen hat, in denen sie sich gleichermaßen zuhause fühlt.
Tja, und wie gesagt, heimalos fühlt sie sich dadurch nicht - das käme vielleicht, wenn wir jetzt nach Dtld. ziehen (und irgendwann womöglich sogar nochmal zurück oder anderswohin) ziehen würden.

Ich selber bin mehrmals durch verschiedene Bundesländer gezogen, bevor ich vor 15 Jahren nach DK kam ---wo meine heimat nun wirklich ist, weiß ich nicht - deutshcland als großer Begriff ist es mehr als DK, aber mein Zuhause ist natürlich jetzt hier - Heimat und Zuhause ist ja wieder nicht dasselbe.
Ich bin aber nur insofern zweisprachig, daß ich Dänisch als Erwachsene gelernt habe und mich immer noch im Deutschen und nur dort zuhause fühle. Da liegt auch sprachlich meine Heimat - und wenn ich wirklich mal im Alter zurückzöge, dann wäre gerade die Sprache, die deutsche Sprache als meine Heimat, ein wichtiges Argument, weitaus mehr als Landschaft und Menschen.

Ich glaube nicht, daß Mehrsprachigkeit heimatlos macht, sie öffnet den Blick und das Herz für mehrere Kulturen auf ganz andere Weise als es Fremdsprachenschüler je erfassen können (übrigens hat sowas Ähnliches eine Studie erwiesen, an der wir mal teilnahmen - wird hoffentlich noch weiter ausgebaut!) und nur etliche Umzüge vor allem in jungen Jahren führen wohl zur einem Gefühl der heimatlosigkeit.

Oder was meint Ihr?

Ursel, DK

Beitrag beantworten Beitrag beantworten

Re: Mehrsprachig=Heimatlos..?

Antwort von trixi1310 am 15.02.2006, 22:31 Uhr

Na ja also sagen wir es mal so. Ich bin geborene Deutsche die wenn es hochkommt*gruebel* mhm 10 Jahre in Deutschland gelebt hat. die andern 16 Jahre im Ausland.
Ich selber fühle mich dadurch meiner Heimat Deutschland auch nicht so verbunden wie meine Freundin zum beispiel die nie aus Berlin weg gekommen ist.
Ich habe viel in Belgien gelebt und habe viele Jahre diese Land als meine Heimat gesehen.
Heute ist meine Heimat da wo ich lebe. In den Niederlanden.
Und ich fahre und besuche gerne mein Geburtsland aber bin auch froh wenn ich nach 1-2 Wochen wieder nach Hause komme LOl
Manchmal üeberlege ich wie meine Tochter später das sehen wird.
Ob die genau so denken wird und wie sich fühlen wird.

Lg trixi

Beitrag beantworten Beitrag beantworten

Re: Mehrsprachig=Heimatlos..?

Antwort von paulita am 15.02.2006, 22:55 Uhr

spannende sache!
ich finde den begriff 'heimat' eh sehr fragwürdig. für ganze länder finde ich ihn total suspekt und wenn genauer nachfragt, empfinden menschen meistens für sehr konkrete, regionale, lokale dinge ein heimatliches zugehörigkeitsgefühl im sinne von "da gehöre ich hin". oft sind es bestimmte städte, ganz bestimmte mundarten, mentalitäten, landschaften, erinnerungen an geborgenheit und vertrautheit. aber es ist so gut wie nie "deutschland" oder "spanien".
ich habe bis ich 9 war in vier verschiedenen ländern und drei sprachen gelebt. und mein leben lang bin ich sozusagen mit verschiedenen bezügen aufgewachsen: etwas latino-szene in deutschland, jüdisch-deutsch-europäische r kontext in argentinien, internationales studium + arbeitsumfeld, türkische, italienische freunde/innen....und ich fühle mich dort am beheimatesten (unwort), wo genau solche mischungen und mehrfachzugehörigkeiten anerkannt und wert geschätzt werden. am fremdesten fühle ich mich immer mit leuten, die sowas unvorstellbar, falsch, problematisch, fehlerhaft usw. finden. leute, die fragen: "aber in was für einer sprache träumst du denn", um zu wissen, welche sprache meine "eigentliche" ist z.b. das finde ich immer richtig be-fremdlich.
also: meine heimat ist bei den menschen, mit denen ich mich identifizieren kann. und zu denen gehören immer leute, die auch solche mischmaschs sind oder zumindest dafür einen offenen geist haben. ansonsten ist mir in D das ruhrgebiet die vertrauteste und liebste gegend. um genauer zu sein: das östliche ruhrgebiet.
lg
paula

Beitrag beantworten Beitrag beantworten

Re: Mehrsprachig=Heimatlos..?

Antwort von mamaselio am 16.02.2006, 12:19 Uhr

Hallo,

ich selbst habe bis zu meinem 19. Lebensjahr in Deutschland gelebt, bin dann waehrend des Studiums fuer einige Jahre nach Frankreich und dann direkt von Frankreich nach Italien.Da lebe ich seit ueber 15 Jahren.

Was ist meine Heimat? Ich glaube Deutschland, genauer gesagt das Muensterland. Die ersten 19 Jahre haben mich gepraegt, keine Frage. Ich halte so eine Verwurzelung fuer wichtig. Menschen, die von Kind auf viel Reisen haben oft keine Wurzeln, das finde ich genauso bedenklich wie Unoffenheit (gibts das Wort??) und Angst vor Neuem.

Ich habe noch heute nach all den Jahren extrem viel Kontakt zu meinen Jungendfreunden. Wir sind in alle Richtung verstreut, aber die Freundschaft ist tief und der Kontakt regelmaessig.

Bei vielen Bekannten, die gerade in der Jugend viel gereist sind und ueberall und nirgens gelebt haben fehlen diese alten Freundschaften.Ich weiss nicht ob ihr das auch bestaetigen koennt.

Wie fuehle ich mich heute? Sicher deutsch, aber als ich mal versuchte in Deutschland wieder Fuss zu fassen hatte ich im sturen Muensterland so meine Probleme...Nach 10 Monaten bin ich zurueck nach Italien. Italienisch fuehle ich mich aber auch nicht, ich fuehle mich sehr sehr wohl, aber nicht italienisch.

Fuer meinen Sohn wuensche ich mir, dass er mit moeglichst vielen Sprachen zunaechst in einem Land aufwaechst, dann, wenn die Wurzeln gelegt sind soll er reisen, reisen, reisen...

Gruss
Christiane

Beitrag beantworten Beitrag beantworten

Re: Zugvögel, Kosmopoliten und Endemiten

Antwort von galia am 16.02.2006, 12:32 Uhr

Hallo alle drei!

Ich finde Eure Antworten alle sehr interessant und kann nur zustimmen!
Ich kann mich voll und ganz mit Paulita identifizieren und auch was das Konzept Heimat betrifft nur einstimmen: Es ist nie ein ganzes Land – dieses Nationalitäten- und Staats-Konstrukt ist sowieso etwas eher Politisches und nichts womit sich Menschen von Natur aus identifizieren können (höchstens etwas für das man sterben und töten geht).
Heimat kann ja, noch mehr als eine Stadt, sogar ein bestimmtes Stadtviertel sein – das wäre in Großstädten häufig so..
Als ich mir einmal über 'Heimat' Gedanken gemacht habe, kam ich für mich zu dem Schluss, dass wir vielleicht nicht anders als Tiere, Plfanzen, Steine etc... auch irgendwie an eine bestimmte Landschaft/Klima etc. (genetisch) angepasst sind – und in unserer ganzen (körperlichen) Beschaffenheit, die sich über viele Generationen unserer Vorfahren hinweg herausgebildet hat, dorthin gehören.
Das wäre dann also die natürliche Heimat. Wenn man allerdings 'gemischt' ist, was ja heute schon in regionaler Hinsicht sehr Viele sind, passt das eben oft alles nicht mehr ganz. Das mit dem Staat als Heimat halte ich für blanke Manipulation, die den Menschen selbst nichts Gutes bringt.
Das Zuhause ist, da stimme ich auch völlig zu, eine ganz andere Sache – das findet sich leichter und ganz individuell.

Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass es oft andere Leute sind (ein-heitliche und nicht soo offene), die Einem das Gefühl der Fremdheit bzw, Heimatlosigkeit vermitteln. Aber solche Scheuklappen-Typen sind mir auch fremd.
Wenn ich es mir recht überlege waren und sind meine Freunde auch alle irgendwie 'mehr-schichtig'.
Ich bin zwar z. B. ein paar Jahre in England zur Schule gegangen und habe sehr enge Freundschaften aus dieser Zeit – aber keinen einzigen 'glatten' Engländer – so verhält sich das mit allen Orten bis heute.

Die Frage wäre – ist denn 'Heimat' so wichtig? Warum beschäftigt es Einen so sehr? Ist es vielleicht wirklich nur die Gesellschaft um uns herum, die einen in Schubfächer pressen will - schön gleich, einfach und eindeutig? Nationalismus liegt ja durchaus im Interesse der Staaten und Regierungen.
Es existiert schon lange (wenn nicht schon immer) eine andere, gar nicht so kleine, Gruppe Menschen, mit der das nicht funktioniert. Ich finde es auch bedenklich, wenn die deutsche Politik ein Thema wie 'Doppelte Staatsbürgerschaft' instrumentalisiert und derartig als Problem / negativ darstellt.

Diese Fragen “In welcher Sprache träumst Du/denkst Du?” sind mir auch sehr bekannt... wenn man dann antwortet -”Das wechselt!” sind die Fragenden ganz verwirrt und irgendwie ist die Reaktion nicht wirklich positiv und man hat einander dann auch nicht mehr viel zu sagen.

Ich schätze mal, ein Zugehörigkeitsgefühl, ein Zuhause ist scheinbar für Menschen grundsätzlich wichtig – wir sind ja soziale Wesen. Oft ist es so (für Leute, die zwischen z.B. zwei Kulturen stehen), dass man sich in jeder Mehrheitsgruppe jeweils etwas fremd fühlt und eher das Andere in sich stärker spürt – das wechselt dann immer so hin und her; außerdem gibt es immerwieder Leute, die einen stets als fremd abstempeln und die andere Hälfte in einem überhaupt nicht anerkennen wollen – es scheint ihnen geradezu Vergnügen zu bereiten. So etwas ist ermüdend und kann ein Kind oder einen Jugendlichen auch frustrieren. Das ging sowohl mir als auch meinem Mann so – so haben wir einander gefunden und uns auf Anhieb seelenverwandt gefühlt und in einander beheimatet ;-)
Wir werden uns bemühen unsere 3-Monate alte Tochter, das kleine Super-Mischmasch mit Stolz und Selbstbewusstsein ins Leben zu schicken – leztendlich ist es doch etwas Schönes!
Man kann im Leben niemals alles haben, und so ist es wohl natürlich, dass wenn man den Vorzug der Mehrsprachigkeit und das gewisse Multikulti genießt, man nicht auch noch das süße Heimatgefühl für die eine einzige Region und die Menschen dort empfinden kann und nur dort wirklich zu Hause ist.

Entschuldigt die Länge! ..Mitteilungsbedürfnisse einer frischgebackenen Mutter.. ;-)

lg
galia

Beitrag beantworten Beitrag beantworten

Re: Mehrsprachig=Heimatlos..?

Antwort von DK-Ursel am 16.02.2006, 13:17 Uhr

Hej allesammen!
Spannende Diskussion!
Heimat - vielleicht ist es das, was wir eben in uns fühlen, in uns tragen aus einem Leben,das für uns wichtig war und uns geprägt hat.
Wie ich schon erklärt habe, ist es bei mir ganz sicherdie deutsche Kultur, die deutsche Sprache, die ich hier am meisten vermisse und die mich wieder "nach Hause" zieht, aber wo dieses "nach Hause " dann sein soll, weiß ich nicht.
In Dtld. eben,denn dort sind Menschen, so wie Galia schreibt, ja auch ewig lange auf die gliche/ähnliche Weise durch landschaft ,Gescihchte udn Kultur geprägt worden wie ich, sowasverbindet irgendwie anscheinend doch.

ich zuckte hier vor ca. 10 Jahren immer mehr als zusammen, wenn die Dänen uns als "Neu-Dänen" bezeichneten. Dem haftete immer der unausgesprochene, aber doch starke Wunsch an, wir mögen doch bitte unsere eigene Vergangenheit, unsere Kultur vergessen und Dänen werden.
Das kann ich nicht, dementsprechend erschüttert waren sie denn auch, wenn ich dies ofen sagte, so auf die Frage: Und, hast du schon die dänische Staatsbürgerschaft?

Ehrlich gesagt habe ich mich nie deutscher gefühlt als jetzt, wo ich im Ausland lebe, mich vo den anderen doch immer irgendwie unterscheide, in er Sprache doch immer wieder an (meine) Grenzen stoße und wo ich versuche, meinen Kindern auch meine Kultur, mein Land, näherzubringen.
Hätte ich früher nie gedacht!

Das Positive sollten wir unbedingt hervorheben un dnicht vergessen - daß es auch Abstriche gibt, ist natürlich - das ist ja bei allem so.
Und ich war sehr stolz auf meine damals nich kleine große Tochter, als sie aus der Shcule kam ,wio sie mit unschönen Deutsch-Schimpfwörtern betitelt worden war und eine Lehrerin, aber auch ihre dänische (liebe!!!) Großmuter sie versuchten, damit zu trösten, daß sie ja auch halb dänisch sei.
"Stimmt nicht", hat meine selbstbewußte Tochter damals gesagt, "ich bin GANZ deutsch und GANZ dänisch!"
So sehen wir das heute alle!!!

In diesem Sinne - auf daß alle ihre Heimat finden oder doch ihr Zuhause - Ursel, DK

Beitrag beantworten Beitrag beantworten

@mamaselio + alle wg. "wurzeln"

Antwort von paulita am 16.02.2006, 13:34 Uhr

liebe christiane
ich muss dir widersprechen: als kind bin ich vielfach umgezogen, habe in 4 verschiedenen ländern und 3 sprachen gelebt. vielleicht geht mir das gefühl von "verwurzelung" ab, das du meinst, aber ich fühle mich vielem dennoch ziemlich verbunden und keineswegs entwurzelt, umhergewirbelt, usw. einige meiner besten freundinnen habe ich mit 12 bei einem einjährigen schulaufenthalt in argentinien kennen gelernt. wir haben inzwischen jahrzehnte 12000 km voneinander entfernt gelebt. und doch sind es wunderbare beziehungen mit viel kontakt, intensität und interesse aneinander.

meine wurzeln habe ich sehr wohl: sie liegen halt nicht in einem "land" oder nur einer sprache. sie liegen in bestimmten werten, in meiner familie, in meiner herkunft (die russland, polen, argentinien, spanien und cuba einschließt...), in der liebe zu menschen und der identifikation mit einigen von ihnen. in wunderbaren erinnerungen an einige dinge und in manchen unangenehmen erfahrungen auch.

"roots are great to have - as long as you can take them with you" (gertrude stein).

ich frage mich sowieso, wozu "wurzeln" genau wichtig sind? kannst du mir aus deiner sicht was dazu sagen?

lg
paula

ps: und danke allen für diese wirklich gute diskussion!!

Beitrag beantworten Beitrag beantworten

Re: @mamaselio + alle wg.

Antwort von mamaselio am 16.02.2006, 14:58 Uhr

Liebe Paula,

danke fuer deinen Erfahrungsbericht.

Es ist sehr gut moeglich, dass ich die Dinge falsch sehe zumal sie nicht nur auf persoenlichen Erfahrungen beruhen, sondern vorallem auf Kontakt zu "Zugvoegeln".
Ich hatte immer viel Kontakt zu Menschen, die in verschiedenen Laendern aufgewachsen sind und bei eigentlich allen fiel mir auf, dass sie zwar sehr offen sind und ganz schnell Freundschaft schliessen, aber genauso schnell wieder verschwinden und irgendwie nie zu Hause sind. Sie haben so etwas unstetes.
Aber vielleicht sieht das nur fuer Aussenstehende so aus. Vielleicht habe ich auch gerade eine negative Erfahrung gemacht und sehe deshalb die Dinge verkorkst. Finnische Freundin, in Schweden, England, Deutschland und Italien aufgewachsen, dreisprachig. Viel Kontakt, viel auch ganz privates besprochen. Sie ist nach Mailand gezogen (ist 90 km entfernt) und hat sich nie mehr gemeldet...

Ansonsten empfinde ich wohl irgendwie Westfalen als meine Heimat, weil ich dort zumindest in der Basis zu der geworden bin, die ich bin. Die Summe meiner Erfahrungen (positive wei negative) dort haben aus mir in Grundzuegen den heutigen Menschen gemacht. Ist das verstaendlich?
Insofern haben Wurzeln vielleicht doch nichts mit Heimat sondern eher mit der Summe unserer Erfahrungen zu tun? Dann haettest du Recht. Bin grad sehr nachdenklich...

Gruss
Christiane

Beitrag beantworten Beitrag beantworten

Re: Mehrsprachig=Heimatlos..?

Antwort von platschi am 16.02.2006, 21:36 Uhr

Na da habe ich ja mit meinem Beispiel eine nette Diskussion ausgelöst ;-)
Sicher war das sehr krass und ich wollte auch weder behaupten, dass Zweisprachigkeit immer Heimatlosigkeit bedeutet, noch dass im Falle meiner Kollegin nicht auch die vielen Umzüge an dem fehlenden Heimatgefühl beteiligt gewesen sein könnten.
Ich selbst habe ja nun auch einige Zeit in GB gelebt und wenn mich jemand vorher gefragt hat, habe ich immer gesagt ich könne mir absolut nicht vorstellen aus Berlin wegzugehen. Ob das nun Heimatgefühle waren oder irgendeine Verwurzelung welcher Art auch immer kann ich nicht sagen. Tja aber wenn man mich in meiner Englandzeit gefragt hat ob ich Deutschland vermisse, habe ich verneint, denn zu dem Zeitpunkt war ich dort glücklich - es war mein zuhause, meine Heimat. Jetzt bin ich auch ganz zufrieden hier, aber anfangs habe ich England wahnsinnig vermisst. Etwas das mir umgekehrt ja total abging. Klar habe ich Freunde und Familie vermisst, aber nicht den Ort an sich.
Dies war nun bei besagter Kollegin aus meinem Beispiel unten völlig anders, sie kam nach England weil sie in D unzufrieden war und verließ GB nach nur drei Wochen wieder, weil sie auch dort unzufrieden mit allem war. Deshalb glaube ich, dass es manchmal - ich betone MANCHMAL - sein kann, dass Zweisprachigkeit einem das Gefühl vermitteln kann, nicht zu wissen wo man hingehört. Einfach weil unklar ist, wo man seine Wurzeln hat.

Liebe Grüße
platschi

Beitrag beantworten Beitrag beantworten

Re:Wurzeln

Antwort von galia am 16.02.2006, 21:51 Uhr

Hallo allesamt,
da kommt man ja richtig ins Grübeln..

beim Thema Wurzeln.. woher kommt denn diese Metapher - von Bäumen bzw. anderen Gewächsen..aber jedes Gewächs hat seine eigene Wurzel, die Teil des Gewächses ist und nicht etwa Teil eines Bodens..
Es können zwar mehrere Pflanzen in einem Gebiet wachsen, in einem Boden, aber sie lassen sich doch verpflanzen, (wenngleich sie vielleicht nicht überall gleich gut gedeihen.)
Und in den Boden gelangt die Pflanze in der Regel, wenn ein Samen durch die Luft fliegt und irgendwo landet - der eine näher, der andere weiter weg ;-)

Die andere Baum-Metapher ist doch die des Stammbaums. Auch da geht es von der Wurzel aufwärts bis in die Äste und Zweige.. somit wären die Wurzeln vielleicht in der eigenen Familie zu suchen, den eigenen Vorfahren?

Bei mir geht die Emigrationsgeschichte bis zu meinen Urgroßeltern zurück, die in den 30-gern nach Canada zogen.
Auch ich glaube, dass die Wurzeln (und somit die Identität) in der Familie zu suchen sind. Stellt Euch vor, Ihr wärt zwar im selben Ort aber in einer anderen Familie geboren. Das wäre doch ein ziemlicher Unterschied, oder?
Auch meine innigsten und treuesten Freundschaften stammen größtenteils aus meiner Schulzeit - wir sind alle über den Globus verstreut und haben doch sehr intensiven und regelmäßigen Kontakt.
Überaus wichtig sind mir auch meine wunderschönen Kindheitserinnerungen; da ich aber aus dem Osten in jeder Hinsicht stamme, sowohl aus Ostberlin einerseits, als auch aus (Süd-)Osteuropa andererseits, ist diese Welt meiner Kindheit so ziemlich komplett verschwunden, da braucht man gar nicht groß umzuziehen..

Noch ein kurzer Ausflug in die Botanik.. die Kartoffel stammt ja auch nicht von hier aber wächst doch ganz gut auf deutschem Boden und froh sind wir hier doch auch alle, nicht (mehr) nur Kraut und Rüben essen zu müssen und ab und zu mal ein Wildschwein ;-)

Gute Nacht Euch allen!

liebe Grüße
galia

Beitrag beantworten Beitrag beantworten

Re: Mehrsprachig=Heimatlos..?

Antwort von DK-Ursel am 16.02.2006, 22:16 Uhr

Hej Platschi!
Erstmal finde ich es immer gut, wenn man auch mal über sowas reden kann.
Es gibt doch immer neue Gesichtspunkte und Einfallswinkel.

Zum andern glaube ich immer noch, daß zu einem Gefühl ver verlroenen heimat bzw., der Heimatlosigkeit eher ein Umzug als zwei Sprachen gehören.
Stell Dir mal ein Kind vor, das weit ab von Dtld. wohnt und neben der Umgebungssprache auch Deutsch lernt - es hat doch mit Sicherheit seine Wurzeln dort, wo es aufwächst und nicht dort, wo man die deutsche Sprache spricht.
Der "Konflikt" entsteht doch erst, wenn man an mehr als 1 Ort Bindungen, eben Wurzeln hat.
denn Wurzeln, das sind ja die Fäden, die die Pflanze in der Erde hat.
Mir fällt dabei der Spruch ein, nach dem ich meine Kinder aucherziehe: Gib Kindern erst Wurzeln, dann Flügel.
das heißt für mich, daß ie erst ein Gefühl der Beständigkeit, meinetwegen Bodenständigkeit, ei nzugehölrigkeitsgefühl zu etwas haben sollten - das gibt Sicherheit, das ist vertraut, man bewegt sich auf bekanntem grund.
Und daach kann man dann fliegen - ins Abenteuer, ins Ungewisse, in die weite Welt.

Ist Wurzel aber zwangsläufig Heimat?
Doch wohl nicht.

Tja, wie gasgt, ich mache Heimat am meisten an der deutschen Sprache fest - und da ich nicht gerade aus dem Süden stamme, kommt eben am meisten Norddeutschland / NRW i nFrage - aber ich sehe das gar nicht so geographisch --- ich fühle heimat da, wo man meine Sprache spricht, wo ich sie sprechen kann, mit alle Feinheiten und Nuancen. und auch verstanden werde und das gleiche zurückbekomme.

Heimat ist wohl das, wo ich mich wohlfühle und unter meinesgleichen bin, in irgendeiner Form.
Heimat ist auch das, wo die menschen ein Art gemeinsamen Erfahrensschatz haben, so daß ich nicht dauernd eine andere Sicht erklären muß --- mir fälltdazu gerade die pressefreiheit ein, die mir hier in DK (eben aufgrund unserer dt. Geschichte) manchmal glatt zu weit geht - das muß ich hier viel mehr erklären als wenn ich mit deutschen Freunden zusammensitze.

So ein gemeinsamer Nenner aus der Vergangenheit - der fehlt eben manchmal im neuen Land.

Tja, ich habe noch keine Diskussion erlebt, wo wir das Problem gelöst haben - das geht wohl auch gar nicht.

Grüße an alle fern der Heimat --- Ursel, DK

Beitrag beantworten Beitrag beantworten

Re: Mehrsprachig=Heimatlos..?

Antwort von trixi1310 am 16.02.2006, 22:50 Uhr

Genau so sehe ich das auch.
Aber eine Pflanze kann man auch mit der Wurzel raus nehmen und sie blueht an einem anderen Ort weiter.
Ich glaube grade Menschen die viel umgezogen sind oder lange im Ausland leben/gelebt haben sehen Heimat anders.
Fuer mich ist es so das ich noch Freunde habe die ich seid ich klein bin kenne und immer wenn ich sie in S-H besuchen komme(alle 2 Jahre mal ) sagen sie"ach Trixi mal wieder in der guten alten Heimat".
Und jedes mal drehe ich mich um schaue rum und denke mir was ist hier den meine Heimat?? Ich bin hier geboren und habe hier 6 Jahre gelebt und das ist 20 Jahre her.
Und wenn wir dann nach Rotterdam zurueck fahren denke ich mir ich fahren nach Hause in meine Heimat

Lg trixi

Beitrag beantworten Beitrag beantworten

Re: Mehrsprachig=Heimatlos..?

Antwort von galia am 17.02.2006, 10:26 Uhr

Ich habe erfahren und glaube fest - wer einmal wo anders gelebt hat, wird nie mehr die selbe Ruhe an seinem 'Heimatort' oder wo auch immer empfinden, wie vorher.
Jeder Ort/Land hat seine Vorzüge und 'Nachteile'/Befremdlichkeiten.
Wenn man mehr als ein Land intensiv erlebt hat, wird Einem immer etwas fehlen und etwas nerven!
Man wird halt ein bisschen rastlos..
Trotzdem muss ich sagen, geniesse ich ungemein meine letzten vier Jahre Sesshaftigkeit - Möbel oder dicke Bücher etc. kaufen zu können ohne sich überlegen zu müssen 'Ist das transportabel, wenn es weiter geht?'
Das ist wunderbar!
Meinen kleinen 'Heimatnukleus' habe ich mit Familie und Freundes- /Kollegenkreis um mich gebildet und reisen und alte Freunde und Verwandte besuchen kann ich ja trotzdem. Ich kann nicht sagen, dass ich 'Deutschland lebe' - ich könnte auch irgendwo anders sein; in unserer Nachbarschaft sind wir jedenfalls wie aliens.
Man lebt dann irgendwann einfach seins.

Emotionen kommen in mir hoch, wenn ich an Bulgarien denke, Volkslieder höre etc.. es ist vor allem die Landschaft, das Essen, die Musik, auch die Sprache.. bei den Menschen hört es dann aber auf. Da merke ich sofort unüberbrückbare Differenzen und ein Leben dort könnte ich mir nicht vorstellen. (Habe dort nach Geburt in Berlin meine ersten zwei Lebensjahre und fast jeden Sommer meiner Kindheit verbracht; Mutter ist von dort)

Abschließend würde ich sagen, dieses Thema ist endlos - irgendwo haben wir alle sehr ähnliche Erfahrungen und Gefühle - das versteht man nur, wenn man auch in solch einer Situation war/ist.
Und es scheint Einen auch ewig zu beschäftigen; meinen Frieden habe ich mit der Heimatlosigkeit (Heimat=Land) in mir gefunden, aber es wird, denke ich, immer ein Thema bleiben, besonders bei unserer Tochter, bei der Vieles noch einmal anders sein wird und noch etwas komplizierter.
Vielleicht ist mein Schluss:
Heimat=Familie/Heimat=Kindheit, somit kann ich Ursel wiedermal nur bestärken in ihrem Grundsatz bei der Kindererziehung - erst Wurzeln, dann Flügel :-)

liebe Grüße
galia

Beitrag beantworten Beitrag beantworten

Die letzten 10 Beiträge im Forum Mehrsprachig aufwachsen
Mobile Ansicht

Impressum Über uns Mediadaten Nutzungsbedingungen Datenschutz Forenarchiv

© Copyright 1998-2021 by USMedia.   Alle Rechte vorbehalten.