The Ads container will be displayed outside the edit view after a page reload.
junge macht purzelbaum auf einer wiese
S.Kobold - stock.adobe.com

Wenn Eltern den Verdacht haben, dass ihr Kind ADHS oder ADS haben könnte, stehen oft viele Fragen im Raum. Ist das Verhalten noch altersgerecht? Braucht unser Kind eine Diagnostik? Was bedeutet eine Diagnose für die Zukunft? Und wie können wir unser Kind in Schule, Kita und Alltag bestmöglich unterstützen?

Mein persönlicher Schwerpunkt liegt seit vielen Jahren darin, Eltern dabei zu beraten, ob eine Diagnostik sinnvoll, wichtig oder notwendig ist. Dabei sehe ich immer wieder, wie groß die Verunsicherung sein kann und wie viele Vorurteile nach wie vor rund um das Thema ADHS bestehen.

ADHS ist mehr als Zappeln und Unruhe

ADHS wird häufig auf Konzentrationsprobleme oder starke körperliche Unruhe reduziert. Tatsächlich zeigt sich die Störung aber sehr unterschiedlich.

Manche Kinder sind impulsiv, ständig in Bewegung und wirken wie von einem inneren Motor angetrieben. Andere fallen vor allem durch Tagträumerei, langsames Arbeiten oder häufiges Abschweifen auf. Wieder andere zeigen eine Mischung aus beiden Ausprägungen.

Deshalb geht es bei einer Diagnostik nie um einzelne Verhaltensweisen, sondern immer um das Gesamtbild.

Wann ist eine ADHS-Diagnostik sinnvoll?

Ein Aspekt wird in Diskussionen über ADHS aus meiner Sicht oft zu wenig beachtet: der Leidensdruck des Kindes selbst.

Natürlich höre ich häufig von Schwierigkeiten in der Schule oder im Kindergarten. Auch Eltern berichten von Konflikten im Alltag. Für mich steht aber zunächst die Frage im Mittelpunkt: Wie sehr leidet das Kind selbst unter seiner Situation?

Hat es das Gefühl, ständig zu scheitern? Wird es häufig kritisiert? Hat es Probleme, Freundschaften zu halten? Verliert es zunehmend das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten?

Warum der Leidensdruck des Kindes entscheidend ist

Ich finde nach wie vor, dass der persönliche Leidensdruck des Kindes ein ganz entscheidender Faktor bei der Frage ist, ob eine Diagnostik notwendig wird. Der Leidensdruck von Schule oder Eltern ist zwar ebenfalls wichtig, ich würde mir aber oft wünschen, dass dort mehr Wissen darüber vorhanden wäre, wie Kinder mit ADHS oder ADHS-ähnlichen Verhaltensmustern am besten begleitet werden können.

Verhalten verstehen statt vorschnell bewerten

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Aufklärung.

Mir ist es sehr wichtig, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass viele Verhaltensweisen von Kindern mit ADHS nicht "falsch" oder "fehlerhaft" sind.

Wenn ein Kind während einer Aufgabe aufsteht, herumläuft oder sich kurz auf den Boden legt, wird das häufig als störendes Verhalten interpretiert. Aus Sicht des Kindes kann genau dieses Verhalten aber notwendig sein, um sich selbst zu regulieren.

Das Gleiche gilt für Kinder, die ständig auf Stiften, Ärmeln oder anderen Gegenständen kauen. Auch hier steckt oft kein Trotz und keine Unkonzentriertheit dahinter, sondern der Versuch des Gehirns, sich selbst zu organisieren und Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten.

Statt solche Verhaltensweisen ausschließlich zu verbieten, halte ich es für sinnvoller, gemeinsam nach sozialverträglicheren Alternativen zu suchen. Ein Knautschball, ein Fidget-Tool oder andere unauffällige Hilfsmittel können dabei helfen, das gleiche Bedürfnis auf eine akzeptierte Weise auszuleben.

ADHS ist keine Frage von guter oder schlechter Erziehung

Einer der größten Irrtümer besteht darin, ADHS als Erziehungsproblem zu betrachten.

Kinder mit ADHS wissen häufig sehr genau, was von ihnen erwartet wird. Die Herausforderung besteht nicht im Verstehen der Regeln, sondern darin, diese im entscheidenden Moment umzusetzen.

Deshalb helfen Vorwürfe wie:

  • "Reiß dich zusammen."

  • "Du musst dich nur mehr konzentrieren."

  • "Bleib doch einfach sitzen."

meist nicht weiter.

Für betroffene Kinder können solche Aussagen sogar belastend sein. Sie erleben täglich, dass sie Erwartungen oft nicht erfüllen können, obwohl sie es möchten.

Eltern, Lehrkräfte und Erzieher:innen sollten deshalb versuchen, Verhalten zunächst als Signal und nicht als absichtliche Provokation zu verstehen.

Was ich mir von Schulen und Kitas wünsche

Viele Kinder mit ADHS hören den ganzen Tag, was sie nicht können oder falsch machen. Das kann das Selbstwertgefühl erheblich belasten.

Deshalb wünsche ich mir im Umgang mit betroffenen Kindern mehr Verständnis für die zugrunde liegenden Mechanismen und weniger vorschnelle Bewertungen.

Zusammenarbeit mit Kita und Schule

Gerade im pädagogischen Umfeld entstehen häufig Konflikte.

Kinder mit ADHS hören täglich deutlich häufiger Kritik als Gleichaltrige. Dabei bräuchten sie oft vor allem Verständnis, Struktur und positive Rückmeldungen.

Hilfreich sind zum Beispiel:

Klare und kurze Anweisungen

Mehrere Aufträge gleichzeitig überfordern viele Kinder. Einzelne, konkret formulierte Schritte sind meist erfolgreicher.

Bewegungsmöglichkeiten

Nicht jedes Kind lernt am besten im Sitzen. Kurze Bewegungsphasen können Konzentration und Mitarbeit verbessern.

Positive Verstärkung

Kinder entwickeln sich besser durch Ermutigung als durch ständige Korrektur. Wer Stärken sichtbar macht, stärkt das Selbstwertgefühl.

Gemeinsames Verständnis

Eltern, Lehrkräfte und Erzieher:innen sollten möglichst an einem Strang ziehen. Das Kind profitiert davon, wenn Erwachsene sein Verhalten ähnlich einordnen und vergleichbare Strategien nutzen.

Eine ADHS-Diagnose ist keine Schublade

Viele Familien haben Sorge, dass ihr Kind durch eine Diagnose abgestempelt werden könnte.

Meine Erfahrung ist häufig eine andere. Für viele Kinder und Eltern bringt eine gute Diagnostik zunächst einmal Entlastung. Schwierigkeiten bekommen einen Namen. Das Kind versteht besser, warum bestimmte Dinge besonders anstrengend sind. Eltern gewinnen Orientierung und Schulen können gezielter unterstützen.

Eine ADHS-Diagnose erklärt bestimmte Herausforderungen. Sie beschreibt aber niemals den gesamten Menschen.

Warum Eltern keine Angst vor Medikamenten haben sollten

Kaum ein Thema wird so emotional diskutiert wie Medikamente bei ADHS.

Mir ist wichtig zu betonen: Eltern sollten keine grundsätzliche Angst vor einer Medikation haben.

Wenn eine ADHS-Diagnose sorgfältig gestellt wurde, halte ich es für sinnvoll, diese Möglichkeit zumindest in Betracht zu ziehen und gemeinsam mit den behandelnden Fachleuten zu prüfen, ob sie hilfreich sein kann.

Ich habe in meinem eigenen Leben zeitweise selbst Ritalin eingenommen und kann deshalb sehr eindrücklich nachvollziehen, wie viel angenehmer sich bestimmte Situationen anfühlen können, wenn der Dopaminhaushalt besser funktioniert.

Viele Betroffene beschreiben nicht, dass sie sich verändert fühlen, sondern dass sie sich endlich besser auf das konzentrieren können, was sie eigentlich tun möchten.

Natürlich ist eine Medikation nicht für jedes Kind notwendig. Sie sollte immer individuell geprüft werden. Gleichzeitig sollte sie aber auch kein Tabuthema sein.

Das Wichtigste: Kinder mit ADHS stärken statt ständig korrigieren

Für mich steht bei jeder ADHS-Beratung letztlich ein Gedanke im Mittelpunkt: Kinder brauchen Verständnis, nicht Verurteilung.

Sie brauchen Erwachsene, die ihre Besonderheiten erkennen, ihren Leidensdruck ernst nehmen und ihre Stärken fördern. Eine Diagnostik kann dabei ein wichtiger Schritt sein. Die eigentliche Aufgabe beginnt aber danach: das Kind so zu begleiten, dass es seine Potenziale entfalten kann.

Wer versteht, dass viele Verhaltensweisen keine Absicht, kein Ungehorsam und keine schlechte Erziehung sind, sondern Ausdruck einer anderen Art der Reizverarbeitung, schafft die wichtigste Grundlage überhaupt: ein Umfeld, in dem Kinder mit ADHS nicht ständig an ihren Schwierigkeiten gemessen werden, sondern an ihren Möglichkeiten wachsen können.

Komm in unsere Foren für mehr Infos!

Baby wird von Arzt untersucht
Copyright agency stock.adobe.com
The Ads container will be displayed outside the edit view after a page reload.
arzt bei untersuchung eines babys
Copyright agency stock.adobe.com