Frage im Expertenforum Stillberatung an Biggi Welter:

Arztbesuch

Frage: Arztbesuch

ma_ri

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Hallo Biggi, ich lese hier immer deine lieben Kommentare und Hilfen. Ich wurde auch immer sehr bestärkt, so wie ich stille und wie wir mit unserem Kind umgehen weiterzumachen (schläft mit im Bett, wird nach Bedarf gestillt, wir versuchen immer schnell auf weinen oder auch Bedürfnisse einzugehen...). Unsere Tochter ist jetzt 5 Monate alt, ich stille sie tag und nacht ca. alle 2 std. manchmal auch alle 3... Nun war ich beim hautarzt, da ich im Moment sehr unter meiner Neurodermitis leide...und was sagt er?! anstatt zu fragen , was die Auslöser sind (ja, z.B. Stress, aber vielleicht auch Allergien usw.) hält er mir einen Vortrag, dass wir anfangen müssen unser Kind zu erziehen, kein Baby braucht alle 2 stunden Nahrung, das würde gar nicht gesund sein!!!! Ich war total perplex (obwohl ich weiß, dasser- nur weil er Vater dreier Kinder ist- nicht unbedingt vom Fach ist!). Ich sollte gucken, was mir gut tut, denn dann würde es auch dem Kind gut gehen (unsere Tochter ist übrigens ein Sonnenschein, und hat bisher eine fabelhafte Haut). Ich sei ein ganz schwieriger Fall und ohne Cortison könne er mir auch nicht helfen....mir war ja klar, dass ich Kortison nehmen muss, aberich weiß, dass das auch in der Stillzeit geht. Nun bin ich total traurig (besonders weil ich mich nicht zu wehr gesetzt habe) und habe trotzdem dasGefühl, alles falsch zu machen :( Verwöhnen wir unsere Tochter, wenn ich ihr ca alle 2 Stundne die Brust gebe? Ich finde es teilweise manchmal anstrengend, aber ich mache es wirklich gerne, und weiß auch dass das ja nicht für immmer ist. Und ich werde bestimmt ein wenig leiden, wenn die Stillzeit vorbei ist. Ach eigentlich wollte ich das nur mal loswerden...ist ein bißchen lang geworden, aber ich bin heute echt verheult...hätte nie gedacht, von einem Arzt so wenig unterstützung zu bekommen! dabin ich sehr sehr froh, dass es Euch hier als Ansprechpartner gibt, Danke.


Biggi Welter

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Liebe ma_ri, das Problem ist, dass sich Experten verschiedener Fachrichtungen leider nur sehr wenig mit Muttermilch und dem Stillen beschäftigen und auch in ihrer Ausbildung nur wenig darüber lernen. Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass das Wissen über Muttermilch und Stillen beim medizinischen Personal fast ausschließlich aus den Informationen der Säuglingsnahrungsindustrie stammt! Wenn der Arzt sagt, dass nicht alle zwei Stunden gestillt werden soll, dann steht er mit dieser Aussage im klaren Widerspruch zu den offiziellen Empfehlungen von WHO (Weltgesundheitsorganisation), AAP (Amerikanische Akademie der Kinderärzte) und anderen unabhängigen und um die Gesundheit und Entwicklung unserer Kinder besorgte Organisationen. Das heißt, es ist seine private Meinung, die nicht wissenschaftlich gestützt ist. Da er wahrscheinlich auch nicht viel über die anderen Aspekte des Stillens weiß und deshalb Muttermilch und Stillen mit künstlicher Säuglingsnahrung gleich setzt, muss er zwangsläufig zu einer anderen Meinung kommen. Muttermilch ist innerhalb von 60 bis 90 Minuten verdaut und der Organismus eines Babys ist auf häufige Mahlzeiten eingestellt! NEIN, dein Kind kann nicht „verwöhnt" werden, wenn es viel Nähe und Zuwendung bekommt. Eine Kollegin von mir hat dazu einen schönen Text geschrieben, aus dem ich jetzt einen Abschnitt zitiere: „Das Kind wird verwöhnt und verzogen. "Ja, das ist jetzt schon total verwöhnt" "Ihr verzieht das Kind, nachher will es nur noch auf den Arm" "So lernt das Kind ja nie alleine einzuschlafen, alleine zu spielen, sich mit sich selbst zu beschäftigen ..." "Wie soll das Kind denn seinen Rhythmus finden, wenn Du es ständig mit der herumziehst". So und ähnlich lauten viele Aussagen wohlmeinender Freunde, Verwandte und auch wildfremder Menschen, von denen man auf der Straße angesprochen wird. Was ist dran an dieser Theorie, dass das Baby durch die Zuwendung, die es erhält verwöhnt und verzogen wird? Bernadette Stäbler beschreibt in ihrem Buch "Mama" die Angst, sein Kind nicht richtig zu erziehen: "Und schon ist sie da, diese Angst, sein Kind zu verziehen. Welche Ursachen hat sie? Denn, wer dieses unschuldige Baby anschaut, fühlt sich sehr glücklich. Niemand kann sich vorstellen, dass es eines Tages unerwünschte Handlungen vollbringen wird. Wenn wir also von "verziehen" sprechen, haben wir ein älteres Kind vor Augen. Das Kind im Trotzalter, das immer "nein" ruft, läßt seine Mutter denken: "Was für einen Dickkopf habe ich mir großgezogen. Sicher habe ich es falsch gemacht!" Ist es wirklich so wichtig, dass unsere Kinder vor der Zeit lernen, alleine zu schlafen, alleine zu sein und sich mit sich selbst zu beschäftigen? Ist es notwendig, dass wir Erwachsenen unseren Lebensrhythmus ändern und an das Baby anpassen, damit sich das Kind gut entwickelt? Auch hierzu möchte ich wieder aus dem Buch von Bernadette Stäbler zitieren: "In vielen ursprünglich lebenden Kulturen, die wir "primitiv" nennen, wurden inzwischen Untersuchungen durchgeführt, deren Ergebnisse eine Umwälzung unserer Ansichten über die herkömmliche Kindererziehung mit sich brachten. Ich möchte eine afrikanische Studie herausgreifen und vereinfacht darstellen: Die erste Gruppe gebar ihre Babys zuhause und ließ diese keinen Moment allein. Geborgen bei der Mutter, wurden sie nach Bedarf gestillt und mussten niemals schreien. Bald ging die Mutter wieder auf das Feld, um die gewohnte Arbeit zu verrichten, das Neugeborene in ein Tragtuch geschlungen. Die Kontrollgruppe bekam ihre Babys im Krankenhaus mit aller medizinischen Hilfe, einschließlich schmerzlindernden Medikamenten. Gleich nach der Geburt wurden Mutter und Kind getrennt, um zu ruhen. Die Babys bekamen Fläschchen und Schnuller, weil dies "das Moderne" war. Daheim schliefen die Kinder in ihrem Bettchen, in ihrem eigens dafür hergerichtetem Zimmer. Allein, ohne Körperkontakt. Alles ging recht zivilisiert zu, nämlich nach einem genauen Zeitplan, denn die Kinder sollten sich früh an ein geordnetes Leben gewöhnen und weder kleine Tyrannen noch nervös werden. Ein Jahr später offenbarte sich das Unerwartete: Die Kinder der ersten Gruppe waren in allem den anderen voraus: Sie waren intelligenter in ihren Verhaltensweisen und auch viel sozialer eingestellt, selbst die körperliche Entwicklung war besser, obwohl sie die ganze Zeit "festgebunden" waren. Ähnliche Ergebnisse ergaben vielseitige Studien in den verschiedensten Kulturkreisen. Wenn wir versuchen, dies mit einer natürlichen, einfühlsamen Intelligenz nachzuvollziehen, wissen wir, warum das Ergebnis so ausfallen musste. Das Baby fühlt sich bei seiner Mutter geborgen. Es muss seine Kräfte nicht für das Weinen verbrauchen. Der mütterliche Körper gibt ihm Wärme. Wenn das Baby sich an seine Mutter schmiegt, fühlt es ein wenig von dem Glück, das es neun Monate lang im Mutterleib haben durfte. Es kennt von daher ja auch schon die Herztöne seiner Mutter, es kennt sogar schon ihre Stimme und nun sieht es endlich ihr Gesicht, ihre Augen und darf an der Brust trinken, wenn es möchte. Das ist das Glück, die mütterliche Liebe, die Impulse gibt für die Intelligenz und das soziale Verhalten. Wenn das Baby sich an die Körperbewegungen der Mutter anpassen muss, während sie ihre alltägliche Arbeit verrichtet, übt es in wundervoller Weise seine Muskeln und den Gleichgewichtssinn." (Aus: Denise Both: „Tragen"). Ohnehin ist Verwöhnen ja nichts Negatives. Freuen wir uns nicht alle darüber, wenn uns jemand verwöhnt will heißen etwas Gutes tut? Verwöhnen ist nichts anderes als jemandem etwas Gutes tun, dafür zu sorgen, dass er sich wohl fühlt und das ist etwas Positives. Lass dich nicht verunsichern, Du machst nichts falsch! LLLiebe Grüße, Biggi


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