Romanafuchs
Liebe Frau Neumann! Ich hab ein Problem mit meiner 16 Monate alten Tochter. Sie hat mittlerweile zwar 6 Zähne, dennoch will sie außer Gebäck keine Stücke Essen. Sie will oder kann einfach nicht kauen. Sie isst nämlich überhaupt keine Stücke. Weder Obst, schon garnicht im Mittagessen und nicht mal im pürierten Obst dürfen Stücke dabei sein. Dann spuckt sie alles gleich wieder aus und isst auch nicht mehr weiter. Nun ist es auch noch so, dass sie ohnehin recht zart gebaut ist und außerdem noch eine kleine Esserin ist. Ich weiß langsam nicht mehr weiter. Wie soll ich ihr Essen mit Stückchen schmackhaft machen? Hätten Sie vielleicht ein paar Ideen oder Rezepte für mich? Sie hat auch kein Lieblingessen mit dem ich sie locken könnte. Ich hab schon sehr viel versucht. Ich lasse sie selbst essen - mit einem Löffel mit einer Gabel oder auch mit den Händen. Ich lass sie auch mit dem Essen spielen und matschen, in der Hoffnung dass sie dadurch Spaß am Essen bekommt. Aber nichts von all dem hilft... Ich hoffe Sie können mir helfen. Liebe Grüße Romana
Hallo Romana Kinder lernen Essen, in dem sie sich daran gewöhnen. Dafür müssen sie öfter als einmal, sogar bis zu 10 mal die Gelegenheit bekommen, eine neue Speise zu kosten. Nicht nur der Geschmack ist dabei von Bedeutung, sondern auch das Mundgefühl. Kinder sind sog. Supertaster. Geschmackseindrücke und Konsistenzen (das Mundgefühl) werden viel intensiver erlebt als von erwachsenen Personen. Geschmacks-und Tastrezeptoren sind im ganzen Mundraum verteilt, nicht nur auf der Zunge. Krümeliges, Trockenes, Hartes, Bitteres etc wird intensiver erlebt. Ein Säugling besitzt ca 10000 Geschmackrezeptoren, Erwachsene nur noch etwa die Hälfte. Sehr alte Menschen mitunter nur noch ca 2000. Besonders den Geschmackseindruck bitter lehnen viele Kinder ab. Es wurde auch beobachtet, dass Babys, die HA-Nahrung bekamen, durchaus bitter schmeckende Lebensmittel akzeptieren. Auch die Intensität des Geschmackseindrucks süß wird von Kindern und Erwachsenen verschieden bewertet. Die sog. Reizschwelle für Süßes ist bei Kindern viel höher. Für die Praxis bedeutet dies: wenn du eine Speise als süß empfindest, ist das für dein Kind vermutlich gerade okay im Geschmack. Was du als viel zu süß bezeichnen würdest, bringt den Geschmackseindruck "süß" für dein Kind. Umgekehrt lehnt dein Kind bspw eine leicht bitter schmeckende Möhre ab, wohingegen du dies nicht als bitter schmeckend empfindest. Kinder müssen neue Speisen häufig erst langsam und allmählich kennenlernen: neue Geschmackseindrücke sammeln, bewerten, neue Konsistenzen akzeptieren. Kleine Mengen können ausreichen. Kleine Probiermengen von etwas Neuem sind genau richtig: lieber eine Erbse als keine. Die Mengen sind steigerbar! Biete deiner Tochter ruhig weiterhin breiige Speisen, die du auf einem Teller neben der neuen Familienspeise arrangierst. Auch mal nur eine Nudel aus der Schüssel, aus der alle zugreifen. Immer und immer wieder, wenn es Nudeln gibt. Kinder müssen ein Geschmacksgedächtnis aufbauen. Das braucht Zeit. Es ist die Basis für den daraus resultierenden Appetit. Anfangs bekommen Babys ausschliesslich Milch. Sie wird, wenn das Baby alt genung ist, in kleinen Schritten mit neuen Speisen ergänzt. Auch hier muss sich das Baby zunächst langsam an das Neue gewöhnen. Schritt für Schritt kommen neue Lebensmittel dazu. Mit einer bestimmten Reife wollen Babys alles probieren. Sie stecken alles in den Mund, sie erleben die Umwelt mit allen Sinnen. Wenn etwas schmeckt, wird es gegessen, geschluckt. Dazu zählt neben der Konsistenz auch das Mundgefühl. Das kann irritieren und am Schlucken hindern. Wenn der gewohnte Brei also plötzlich krümelig ist, kann das sehr sensible Kinder stören. Sie spucken es aus, weil "etwas nicht stimmt". Wenn deine Kleine hingegen durch natürliche Neugier etwas Brot in den Mund nimmt, macht sie ihre eigene kulinarische Erfahrung. Du schreibst, dass dein Kind Gebäck durchaus stückig bzw krümelig isst - es schmeckt ihr offensichtlich. Vermutlich stimmt der Gesamteindruck und inzwischen erkennt deine Kleine das Objekt "Keks" schon optisch. Kannst du dich erinnern, wie es war, als sie zum ersten Mal Gebäck gegessen hat? Biete viele Speisen an, die zum Kauen animieren. Das können bspw weich gekochte Kartoffelstückchen sein. Die Kaumuskeln sollten trainiert werden. Lass deine Kleine eigene Esserfahrungen machen - richte kleine Butterbrotstückchen, dazu Käsestückchen. Biete süße halbierte kernlose Trauben. Esst zusammen, habt Spaß beim essen. Langsam und unmerklich lässt sich die Palette der Gerichte erweitern. Den Zeitpunkt dafür bestimmen oft unerwartete Momente und Situationen. Manchmal ist so eine Situation nicht der Esstisch, sondern vielleicht der Spielplatz, bei der Oma, im Urlaub, im Restaurant etc Also dann Grüße B.Neumann